Sonntag, Juni 16, 2024
»Der Impact auf die Branche wird enorm sein«

Im Interview mit dem Bau & Immobilien Report spricht Peter Radel, Geschäftsführer Peri Österreich, über das disruptive Potenzial der Kooperation mit dem Technologieunternehmen DataB. Demnach werden neue Formen möglich und der Materialeinsatz deutlich geringer sein. Die Preis­sicherheit wird ein völlig neues Niveau erreichen, ebenso die Prozessgeschwindigkeit.

Der Hochbau, speziell der Wohnbau, ist in argen Turbulenzen. Besser geht es dem Infrastrukturbau. Wie wirkt sich die aktuelle Situation auf Peri Österreich aus?
Peter Radel: 2024 wird uns auf jeden Fall in Erinnerung bleiben. Es ist anders als alles, was wir bisher erlebt haben. Noch vor Kurzem ist es der ganzen Branche richtig gut gegangen. Jetzt würde ich sagen, stecken wir in einer leichten Krise, die nicht alle gleich betrifft. Unsere Stärke in den letzten Jahren war immer das Projektgeschäft. Wir haben eine sehr gute Infrastrukturabteilung aufgebaut, was uns jetzt zugute kommt. Und es gibt einige Themen, die mich sehr zuversichtlich stimmen.

Welche Themen sind das?
Radel: Da ist zum einen die Kooperation mit KERN Tunneltechnik. Damit sind wir zum international führenden Lösungsanbieter in der Tunneltechnik geworden. Auch die Kooperation mit dem Strukturmatrizen-Hersteller Reckli stimmt mich sehr positiv. Für mich ist die Kooperation mit DataB das Highlight. Das wird uns richtig voranbringen.

Was genau erwarten Sie sich von dieser Kooperation?
Radel: Die Vision von DataB ist es, die weltweit größte Fabrik ohne eigene Produktion aufzubauen. Hier springt Peri ein. Wo immer eine CNC 5-Achsen-Fräsmaschine steht, können wir produzieren.

Welche konkreten Anwendungsgebiete gibt es?
Radel: Es gibt in der Infrastruktur und generell bei architektonisch anspruchsvollen Projekten Anwendungsgebiete für unsere Lösung. Nehmen wir eine doppelt gekrümmte Wand. Da gibt es von keinem Anbieter Schalungssysteme. Dafür müssen entsprechende Schalungskästen hergestellt werden. Von der Anfrage bis zur Baustellenlieferung ist der Aufwand sehr groß. Was kann jetzt DataB? Lassen Sie mich das anhand eines Beispiels erklären. Die ÖBB hat eine Radwegunterführung geplant. Dafür mussten wir ca. 400 Sonderpaneele herstellen. Nach der klassischen Methode sitzen daran ein bis zwei Techniker sechs Monate. Mit DataB waren wir in zwei Stunden fertig.

Wie genau macht DataB das?
Radel: Mit Algorithmen und künstlicher Intelligenz. Davon profitiert der Kunde, aber auch wir. Fragt ein Kunde Sonderformen ab, haben wir bislang eine Schätzung mit einem gewissen Polster abgegeben, weil der Aufwand für eine exakte Berechnung sonst zu groß wäre. Mit
DataB ist das anders. Wir können in kürzester Zeit ein konkretes Angebot legen. Die Planung und daraus das Angebot entstehen quasi in Echtzeit mit der Eingabe der Projektdaten.

Das klingt nach einem großen Wettbewerbsvorteil?
Radel: Das ist ein enormer Wettbewerbsvorteil. Dazu kommt, dass wir sofort und ohne große Probleme auf Änderungen reagieren können. Da wurden bislang viele Arbeitsstunden vernichtet, es wurde über Nachträge diskutiert und dabei wurde die Zeit immer knapper.

Kommt die Lösung von DataB bei Peri schon zum Einsatz?
Radel: Aktuell ist die Lösung auf zwei Baustellen im Einsatz. Bei der Wiener
Westeinfahrt stammen die Formholzkisten für die Randbalken von DataB. Das zweite Projekt ist eine Autobahnbrücke.

Mit der DataB Lösung hat Peri ein mächtiges neues Werkzeug. Wie soll es eingesetzt werden? Welche Ziele will man erreichen?
Radel: Die Lösung ist ja noch gar nicht an ihrem Ende. Wir werden auch noch weitere Anwendungsgebiete finden. Wir werden etwa im Wohnbau Lösungen anbieten können, die es bislang nicht gab, etwa im Bereich von Balkonen.Wir erwarten uns einen enormen Impact auf die Branche, bis hin zu den Architekten. Plötzlich werden Dinge möglich, die bislang unvorstellbar oder mit enormen Kosten verbunden waren. Mit DataB wird auch der notwendige Materialeinsatz abhängig vom Betondruck in Echtzeit berechnet, und zwar nach oben hin abnehmend, weil dort der Druck natürlich geringer ist. Man sieht in Echtzeit, wie sich die Konstruktion verändert, aber auch gleichzeitig, wie sich der Preis verändert. Der Slogan lautet »Schalung as a Service«. Unsere Lösung bietet wirklich das, was der Kunde will. Damit liefern wir auch die nachhaltigere Lösung.

Apropos Nachhaltigkeit. Die Doka rühmt sich, für über 6.000 ihrer Produkte CO2-Bilanzen anbieten zu können? Wie steht es bei Peri?
Radel: Wir arbeiten mit Hochdruck daran. In Deutschland haben sich die drei großen Hersteller auf eine Grundlage geeinigt, welche Daten wie berechnet und aufgenommen werden. Damit soll sichergestellt werden, dass Äpfel mit Äpfeln vergleichen werden und der Kunde eine seriöse Entscheidungsbasis hat. Für die wichtigsten Produkte sind die CO2-Bilanzen fertig, beim Gerüst ist man dran.

Peri setzt auch stark auf das Thema 3D-Druck. In Österreich ist vor allem das Projekt der Strabag in Hausleiten bekannt. Wie ist der aktuelle Stand beim Thema? Welche Projekte sind am Laufen und wie groß schätzen Sie das Potenzial ein?
Radel: In Österreich sind wir aktuell mit drei Firmen in Kontakt, ohne die Namen zu nennen. In Deutschland wird gerade an Reihenhaussiedlungen gearbeitet. Mittlerweile sind wir auch auf Kostengleichheit, bei deutlich höherer Geschwindigkeit und geringerem Personalaufwand. Beeindruckend sind auch die Daten des bisher größten gedruckten Gebäudes in Europa: es ist rund 54 Meter lang, elf Meter tief und neun Meter hoch und wird als IT-Serverhotel genutzt.

Wird der 3D-Druck aus Ihrer Sicht jemals massentauglich sein?
Radel: Für gewisse Anwendungen schon, aber er wird nicht die Schalung ablösen. Schon alleine, weil die Spannweite des Druckers für große Anwendungen nicht ausreicht.

Wie wird sich das Bauen in den nächsten Jahren verändern? Was erwartet uns auf einer Baustelle im Jahr 2030?
Radel: Auf jeden Fall DataB-Lösungen! Und es wird immer mehr in Richtung Fixpreise und Kostensicherheit gehen. 

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