Dienstag, Mai 21, 2024
Sicherheit geht vor
Sicherheit am Bau muss vor Schutznetzen und Absturzsicherung beginnen. (Bild: Konstant)

2022 verletzten sich fast dreimal so viele Menschen auf Baustellen als im Verkehr - doppelt so viele starben. Die meisten Unfälle ereigneten sich laut AUVA bei Maurer*innen und Bauspengler*innen - die wenigsten bei Sprengmeister*innen. Gründe sind Improvisation oder hastiges Nacharbeiten.

»Wir ALLE tragen Verantwortung für sichere Arbeitsplätze!« So steht es auf Seite 1 der VÖB-Sicherheitsunterweisungen für Mitarbeiter*innen. Seit September 2020 wird mit zehn Mitgliedsbetrieben an einem speziellen Schulungsprogramm gearbeitet, das ausgerichtet ist auf die Anforderungen von Betonfertigteilwerken.

»48 Arbeitsplätze sind definiert, es ist ein E-Learning-Kurs in acht Sprachen, der auch als Präsenzveranstaltung durchgeführt werden kann«, informiert Geschäftsführer Anton Glasmaier. Mit Abschlussfragen und einem Test wird ermittelt, ob verstanden wurde, was der Kurs vermitteln will. Dieser Schritt fördert die Sicherheit in der Stahlbetonfertigteilbranche, gleichzeitig müsse aber bedacht werden, dass immer mehr Firmen ihre Fertigungstiefe reduzieren und Dienstleistungen outsourcen. Ein Drittel, oft noch mehr, aller Leistungen in der Bauwirtschaft wird bereits an Nachunternehmen vergeben.

Damit wird die Lage vor allem auf Großbaustellen sehr komplex und schafft hohe Anforderungen an die Koordinationskompetenz des General­unternehmers, auch hinsichtlich Arbeits- und Gesundheitsschutz. Neben dem Faktor Zeitdruck nennt Martin Nagl, Mitglied des Arbeitsschutz-Ausschusses und SCC-Koordinator bei Leyrer + Graf, einen weiteren entscheidenden Faktor: mangelnde Ordnung auf der Baustelle. »Saubere Arbeitswege reduzieren Ausrutschen und Stolpern. Durch Unachtsamkeit und Müdigkeit passieren Fehler bei vermeintlicher Routinearbeit.«

Mit wöchentlichen Tool-Box-Meetings von jedem Gewerk, einem wöchentlichen Safety Walk und einem monatlichen Audit der Sicherheitsabteilung treibt Leyrer + Graf Sicherheit am Bau voran. (Bild: Leyrer + Graf)

Teilbereich Planung

Sicherheit muss umfassend bedacht werden. Bernhard Schwarz, Leiter der Arbeitssicherheit & Gesundheitsschutz bei Swietelsky, erklärt die Phasen Planung und Ausführung. »In der Planung gilt es, alle möglichen Gefahrenmomente zu erfassen, um bereits im Vorfeld gezielt technische und organisatorische Maßnahmen zur Vermeidung zu setzen. Klar festgelegte Arbeitsabläufe, exakt definierte Verantwortlichkeiten und Schritte zur Eliminierung möglicher Gefahrenquellen, die einzelnen Arbeitsschritten zugeordnet sind, bilden die Basis für einen maßgeschneiderten SiGe-Plan und die eigene Gefahrenevaluierung. Die kollektiven Schutzmaßnahmen müssen einfach genau geregelt sein.«

»Standardisierte Leistungsbeschreibungen müssen Schutzziele und Maßnahmen zu deren Einhaltung enthalten, die nicht verhandelbar sind und für alle Bauprojekte und alle Beteiligten gelten, unabhängig von Größe und Preis«, fordert Bernhard Schwarz, Swietelsky. (Bild: Schwarz)

Damit spricht er diverse Punkte an: die Absicherung des Baufelds, von Zugängen und Verkehrswegen sowie, besonders für den Hochbau relevant, Absturzsicherungen und Gerüste, aber auch Brandschutz und Erste-Hilfe-Maßnahmen. Immer mehr Beachtung finden Themen wie der Umgang mit gefährlichen Arbeitsstoffen, die Handhabung von Geräten und generell die Vermeidung von Staub. 

Teilbereich Ausführung

In der Bauausführung stellen die Projektverantwortlichen mittels laufender Kontrollen die Einhaltung der Schutzmaßnahmen sicher. »Auf gut organisierten und vorbereiteten Baustellen passieren meist keine Arbeitsunfälle«, berichtet Harald Kopececk, Geschäftsführer der BAUAkademie BWZ OÖ und Leiter des Seminars Proaktive Sicherheit am Bau. »Die meisten Unfälle passieren, wenn improvisiert beziehungsweise g’schwind etwas fertig gemacht wird. Ein Dachdecker wird etwa wegen einer Reklamation noch einmal zu einem Dach gerufen.«

Bei der Herstellung waren alle Schutzmaßnahmen wie Schutzgerüst, Auffangnetz und Seilsicherungen vorhanden, die bei der Reparatur nun fehlen und der Mitarbeiter entscheidet selbst, dass sich die aufwändigen Schutzmaßnahmen für die Kleinigkeit auch nicht auszahlen. »Wir müssen auch gezielter am Verhalten unserer Mitarbeitenden ansetzen«, betont Schwarz. Swietelsky spricht das System Best Practice an. Nicht die Analyse von Unfällen steht im Zentrum, sondern die aktive Unfallvermeidung, das heißt der richtige Einsatz von Schutzmaßnahmen, die konsequente Nachkontrolle, laufende Begehungen und gegebenenfalls Nachunterweisungen durch die eigenen Sicherheitsfachkräfte.

Swietelsky berichtet von sehr guten Erfahrungen mit Best Practices. Nicht die Analyse von Unfällen steht im Zentrum, sondern die aktive Unfallvermeidung. (Bild: Swietelsky/MW_Architekturfotografie)

Ebenfalls entscheidend ist das richtige Mindset. »Es muss bei allen Menschen am Bau vorhanden sein, nicht nur in der Chefetage«, fordert Kopececk. Auf großen Baustellen sei etwa die persönliche Schutzausrüstung (PSA) kein Thema mehr, da hier bessere Strukturen bestehen und es Sicherheitsbeauftragte gibt. Das Problem sieht er bei den zahlreichen kleineren Baustellen.

Apropos PSA: Stefan Janzen, technischer Geschäftsführer bei Mewa, sieht großes Gefahrenpotenzial darin, dass PSA wie Warn-, Chemikalien- sowie Hitze- und Flammschutzkleidung ungern und daher nicht konsequent getragen wird. Gründe seien Zeitdruck, mangelnder Komfort und wenig Einsicht für die Notwendigkeit. Wenn auf Grundlage der Gefährdungsbeurteilung die Notwendigkeit für das Tragen von Schutzkleidung festgestellt wird, gibt es zwar eine Tragepflicht. Trotzdem wird fallweise auf das Tragen verzichtet. Dem muss mit Maßnahmen zur Erhöhung der Akzeptanz von PSA wie Aufklärung, Tragekomfort und Design entgegengewirkt werden.

Sicherheit voran

Ein Patentrezept für Sicherheit gibt es nicht. »Wichtig ist die Schaffung einer wirksamen Präventionskultur, Arbeitsunfälle haben immer Ursachen, die beseitigt werden können«, betont Gregor Hohenecker, Referent der Bundesinnungen im Baunebengewerbe und verweist auf das Projekt »Vision Zero« der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit IVSS. Einfluss auf den Sicherheitslevel hätte bestimmt auch ein einheitliches Basiswissen aller am Bau Tätigen, unabhängig von Gewerk, Unternehmensgröße und Nationalität.

»Wir wollen unsere Basisschulung auf alle unsere Mitgliedsbetriebe ausrollen. In einigen Jahren muss man dann überlegen, wie man den eingekehrten Alltagstrott wieder aufbricht«, betont Anton Glasmaier, Geschäftsführer des VÖB. (Bild: VÖB)

»Oft wird in Zusammenhang mit Fehlern leider der Fokus auf ›Wer ist schuld?‹ beziehungsweise auf rechtliche Konsequenzen gelegt«, kritisiert Hohenecker. Fehleranalysen seien zwar teilweise vorhanden, jedoch würden daraus selten umfassende Maßnahmen für einen Verbesserungsprozess abgeleitet. Kopececk analysiert: »Es gibt natürlich den Weg von Kontrolle und Strafe. Derzeit droht dem Unternehmer z. B. bei fehlendem Helm des Mitarbeiters eine Strafe, dem Arbeiter selbst aber nicht. Dies ist nur die halbe Miete, auch der Mitarbeiter müsste bestraft werden, wobei Bestrafung grundsätzlich nicht die Lösung ist.«

Mitarbeitende müssen Sicherheit am Bau als Maßnahme für sich selbst sehen, nicht für Chef*in oder Arbeitsinspektorat. Wesentlich sei auch, dass Kleinstbaustellen evaluiert werden – viele Unfälle passieren bei spontanen Einsätzen z. B. an Fassade oder Dach – und über die Ursachen von Unfällen gesprochen werde.

Jedes Jahr passieren laut AUVA bundesweit über 15.000 Unfälle, 22 enden tödlich. Beinahe-Unfälle sind nicht eingerechnet. Sie müssen laut ArbeitnehmerInnenschutzgesetz zwar gemeldet werden, in der Praxis wird das aber selten umgesetzt. »Sicherheit kostet Geld, das ist aber nicht das Ausschlaggebende«, betont Martin Nagl mit Nachdruck und verweist auf den Finanzaufwand durch Krankenstände und Unproduktivität.

Die AUVA nennt Zahlen für 2022: 15.602 Arbeitsunfälle haben zu 324.931 Krankenstandstagen geführt. Bei den Folgekosten (Zahlen 2021) werden für 16.471 Unfälle und 338.238 Krankenstands­tage Kosten (inkl. Renten und Unfallheilbehandlung) von 66.186.209 Euro für Betriebe und 463.243.633 Euro insgesamt genannt.


Veranstaltungstipp: Spezialseminar Arbeitssicherheit, ÖBV, am 12.04.2024 in Wien. Link:


Die Schutzausrüstung von Morgen

»Mewa hat eine eigene Entwicklungsabteilung für Berufs- und Schutzkleidung, in der in Zusammenarbeit mit Gewebeherstellern und Forschungsinstituten neue Kollektionen entworfen und bestehende Kleidung weiterentwickelt werden«, informiert Stefan Janzen, technischer Geschäftsführer von MEWA Österreich. In intensiven Testverfahren wird die Belastbarkeit und Haltbarkeit der Berufskleidung geprüft.

(Bild: Mewa)

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