Sonntag, April 14, 2024

Im Interview mit dem Bau & Immobilien Report erklärt Berthold Kren, CEO Holcim, warum jetzt der richtige Zeitpunkt für die Umfirmierung ist, was ein Boot mit dieser Entscheidung zu tun hat und warum die aktuelle österreichische Rechtslage standortgefährdend ist. Und er erläutert, wie neue Geschäftsmodelle wie etwa concrete-as-a-service aussehen könnten. 


Seit Anfang Mai treten Lafarge Österreich und Perlmooser Beton als Holcim Österreich auf. Was ändert sich mit dieser Umfirmierung für Mitarbeiter, Kunden und Partner?

Berthold Kren: Für die Mitarbeiter ist der neue Name natürlich ein emotionales Thema. Es geht aber um mehr als nur ein neues Logo. Holcim hat sich voll und ganz dem Thema Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft verschrieben. Das ist auch in Österreich gut angekommen, weil auch wir diese Themen intensiv verfolgen.

Diese Strategie tragen wir jetzt als Signal nach außen: Wir brechen zu neuen Ufern auf. Ich habe auch schon mehrere Events in Österreich und Ungarn gemacht und keine negativen Stimmen vernommen. Das Branding kommt gut an und früher oder später wäre der Wechsel ohnehin vollzogen worden. Wir glauben, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist. Wir haben gerade eben neue Zementsorten auf den Markt gebracht. Das passt zeitlich perfekt.

Wie sieht es mit Partnern und Kunden aus?

Kren: Die handelnden Personen sind dieselben. Wir produzieren nach wie vor auf höchstem Niveau. Ebenso wie Lafarge steht auch Holcim für Innovation, Nachhaltigkeit und Kundenservice. Da ändert sich nichts. Und auch die Kunden und Partner haben gewusst, dass es früher oder später dazu kommen wird.

Wie bereits angedeutet, war die Fusion lange geplant, hätte aber eigentlich später stattfinden sollen. Mitausschlaggebend für den früheren Zeitpunkt soll unter anderem ein Boot gewesen sein. Klären Sie unsere Leser auf, was es damit auf sich hat?

Kren: Sehr gerne (lacht). Ein erklärtes Ziel des Unternehmens ist Diversifizierung. Das hat einen einfachen Grund. Wenn ein Gebäude einmal steht, gibt es keinen Bedarf mehr für Zement und Beton. Wenn man in der Sanierung mitmischen will, braucht man andere, neue Produkte im Portfolio. Deshalb haben wir begonnen, Hersteller von Putz und Mörtel zu integrieren und Dachsparten wieder zurückzukaufen.

Und einer dieser Putz- und Mörtelhersteller, PRB in Frankreich, ist im Besitz eines Segelfanatikers, der sich auch ein Rennboot zugelegt hat. Bei der Übernahme ist dieses Boot auf uns übergangen und Holcim hat sofort die Chance und Symbolkraft gesehen, mit der Teilnahme am Ocean Race rund um die Welt das Motto »go circular« und »auf zu neuen Ufern« entsprechend zu transportieren. Das fanden wirklich alle unglaublich spannend und hat einen enormen Impact auf die Mitarbeiter, die sich voll mit dem Boot identifizieren. Wir hätten das Rebranding zum jetzigen Zeitpunkt auch ohne dem Boot umgesetzt, es war aber ein schönes und emotionales Willkommensprojekt.  

Die österreichische Zementindustrie gilt hinsichtlich der Umweltstandards als weltweit führend. Welchen Stellenwert hat Holcim Österreich im Konzern? Wird auf diese Expertise zurückgegriffen?

Kren: In jedem globalen Konzern gibt es interne Rankings. Wir sind beim CO2-Abdruck, bei den Ersatzbrennstoffen oder alternativen Rohstoffen ganz vorne. Das wird natürlich intern verwendet, um auch anderen Ländern zu zeigen, was möglich ist. Retznei ist eine absolute Benchmark in der Gruppe. Da müssen die anderen Standorte nachziehen. Das gilt auch für Mannersdorf, das bislang ganz vorne lag.

Der Wettbewerb in der Gruppe ist da und das Unternehmen legt auch Wert darauf, dass diese Best-in-Class-Beispiele nachgeahmt werden. 
Unsere Leute werden auch ständig angefragt, um das Know-how zu teilen. Aber jedes Zementwerk ist etwas anders, das Rohmaterial ist überall ein wenig anders, die Märkte unterscheiden sich und auch die Spieler. 


Im Umweltbereich werden viele Innovationen auf den Weg gebracht. Aber auch ganze Geschäftsmodelle werden hinterfragt. Es gibt Ideen, den Beton nicht mehr zu verkaufen, sondern über den Lebenszyklus zur Verfügung zu stellen, quasi Concrete-as-a-Service anzubieten. Gibt es diese Ideen auch bei Holcim?

Kren: Man muss sein Geschäftsmodell laufend auf den Prüfstand stellen. Deshalb haben wir auch gesagt, wir müssen stärker in der Sanierung werden. Wir haben auch Concrete-as-a-Service bereits angedacht. Die Idee, den Baustoff über den Lebenszyklus zur Verfügung zu stellen und dann wieder zurückzubekommen, ist faszinierend. Wir haben aber auch eine eigene Plattform für Start-ups und wir forschen intensiv an neuen technischen Lösungen. Das alles kann ich auch in Österreich abrufen, im Gegenzug stellen wir unsere Expertise in Umweltfragen zur Verfügung. Dieser Background macht uns als Gruppe stark.

Wir beschäftigen uns intensiv mit Lebenszyklus-Analysen und sind ein starker Verfechter von EPD-Lösungen und Gebäuderechnung. Wir unterstützen auch dahingehende digitale Systeme. Da sind andere Länder aber schon weiter als wir. Wir arbeiten aber auch daran, wie wir sparsamer mit den Materialien umgehen können. Auch wenn wir damit auf den ersten Blick unser eigenes Geschäft torpedieren (lacht).

Woher soll der zusätzliche Umsatz kommen, wenn weniger Material verbaut wird?

Kren: Es muss zusätzlicher Wert geschaffen werden, etwa hinsichtlich der CO2-Performance. Beton und Zement wird es immer brauchen, gerade auch wegen dem Klimawandel. Es wird Hochwasser- und Lawinenschutzbauten brauchen, die Bahnstrecken müssen ausgebaut werden. Das ist ohne Beton nicht zu schaffen, soll aber so ressourcenschonend wie möglich gemacht werden. Deshalb setzen wir auf Kreislaufwirtschaft.

Die Bauwirtschaft ist da auch schon recht weit. Der Zirkularitätsfaktor liegt in der Bauwirtschaft bei 20, das heißt 20 Prozent des Materials werden wiederverwertet. Abseits der Baubranche liegt der Wert bei 8. Dennoch ist es nicht genug. Das Ziel muss 30, 40 oder 50 % sein. Das ist auch unser Unternehmensziel. 

Holcim verfolgt in Sachen CO2 eine Netto-Null-Strategie. Das ist ein sehr ehrgeiziges Ziel, das vielerorts auch kritisch beäugt wird und schnell den Vorwurf des Green Washings hervorruft. Was entgegnen Sie den Kritikern?

Kren: Das wichtigste ist Transparenz. Unsere CO2-Emissionen sind genauso offen und klar kommuniziert wie die Ziele. Wir machen kein Offsetting, deshalb pochen wir auch auf EPDs, weil da von dritter Stelle gerechnet, validiert und zertifiziert wird. Der Kunde muss wissen, was er bei sich einbaut. Wenn der CO2-Wert beständig nach unten geht und der Kunde das sieht, wird er immer noch der Meinung sein, das ist zu viel. Und ich gebe ihm recht, deshalb arbeiten wir intensiv daran. 

Dennoch wird Holz in der öffentlichen Wahrnehmung immer einen Vorteil haben?

Kren: Das stimmt, da können wir tun, was wir wollen. Ein Baum ist grün und nachhaltig. Punkt. Auch wenn das nicht zwingend richtig ist. Deshalb fordere ich Transparenz und Objektivität. Wir wissen, dass die Herausforderungen riesig sind, aber wir sehen einen technischen Lösungsweg, in Österreich bis 2040 auf Netto-Null zu kommen. 

»In jedem globalen Konzern gibt es interne Rankings. Wir sind beim CO2-Abdruck, bei den Ersatzbrennstoffen oder alternativen Rohstoffen ganz vorne«, sagt Berndhold Kren.

Auf diesem Weg spielen auch Technologien wie Carbon Capture and Utilization (CCU) und Carbon Capture and Storage (CCS) eine wichtige Rolle. Aber da gibt es auch rechtliche Hürden…

Kren: Es ist klar, dass wir ab 2035 im Rahmen des Zertifikatehandel (ETF) keine Zertifikate mehr zugeteilt bekommen. Das heißt, alles, was wir emittieren, müssen wir auch bezahlen. Österreich wird bis 2035 rund 2,3 Milliarden Euro einzahlen. Ganz Europa wird ab 2035 eine jährliche Rechnung von 25 Milliarden Euro bekommen. Die CO2-Bepreisung und der ETF wurden eingeführt, um einen Anreiz zu schaffen, um Emissionen zu reduzieren. Unsere Forderung ist, dieses Geld aus der Industrie in einen Transformationsfonds zu geben, mit dem Dekarbonisierungsmaßnahmen gefördert werden. 

Das ist ja in Österreich auf Schiene.

Kren: Das ist auch bemerkenswert, aber nicht das Ende der Fahnenstange. Da gibt es noch einige Details zu klären. Fakt ist, dass sehr viel Geld im Spiel ist. Mit diesen 25 Milliarden Euro kann ich jedes Jahr in 50 Zementwerken Carbon-Capture-Anlagen installieren. Das bringt mich zum zweiten Punkt, der Utilization. Das wird auf europäischer Ebene aber noch nicht unterstützt, die Technologie ist auch noch nicht so weit. Der schnellste Weg, CO2-Emissionen zu reduzieren, ist Storage.

Was in Österreich derzeit noch verboten ist.

Kren: Das Lagerstättengesetz wird aktuell intensiv diskutiert. Ich glaube auch, dass CCS eine mögliche Zwischenlösung für bestimmte Industrien ist. In anderen Industrien gibt es bessere Wege der Dekarbonisierung. Wir bringen das CO2 nicht anders weg. Es gibt Alternativen zum Zement, aber das ist mengenmäßig nicht machbar. Das geht nicht. Deshalb gibt es für mich nur die Möglichkeit, langfristig auf CCU und mittelfristig auf CCS zu setzen. Unser Projekt C2PAT+ geht genau in diese Richtung. Wir haben auch schon einen Vorvertrag für ein Projekt in der Adria. Da haben wir als Binnenland einfach einen enormen Wettbewerbsnachteil, der standortgefährdend ist.  

Wie ist 2022 für damals noch Lafarge in Österreich gelaufen? Mit welcher Entwicklung rechnen Sie für heuer? Ende letzten Jahres gab es ein Phase, wo keine neuen Aufträge mehr angenommen wurden. Wie hat sich die Situation seither entwickelt?

Kren: Die Inflation und die strengeren Kreditvorgaben haben einige unserer Kunden stark unter Druck gesetzt. Wir hören von Unternehmen, die in Kurzarbeit gehen oder eine Schicht abstellen. Auch im geförderten Wohnbau muss die Politik reagieren. Da sind die Richtwerte einfach zu niedrig. Gerade in den Ballungszentren wird der Wohnraum dringend gebraucht.

Aufgrund dieser rückläufigen Entwicklung haben wir im Gegensatz zum letzten Jahr auch kein Problem mit der Versorgung. Jetzt verkehrt es sich ins Gegenteil Wir sind mit leeren Lagern gestartet, deshalb laufen unsere Werke noch. Jetzt müssen wir sehen, wie sich das zweite Halbjahr entwickelt. Da erreichen uns gemischte Signale, von Entspannung bis zu Alarmstimmung. 

(Bilder: Holcim, Fotograf: Alexander Pfeffel)


Produktneuheit: Holcim ECOPlanet RC

50 Prozent des in Österreich verkauften Holcim Zementportfolios entsprechen bereits heute dem EU Taxonomie-Level »climate mitigation«. Mit dem neuen ECOPlanet RC macht Holcim einen weiteren Schritt in Richtung Kreislaufwirtschaft. 

Bei diesem neuen Zement wird der Gesamteintrag von recyclierten Baurestmassen auf mehr als 25 Prozent erhöht. 20 Prozent stammen aus Betonbruch, der Rest wird über den Klinker als Rohstoffkomponente eingebracht.  Zusätzlich verringert aktiv in das Recyclingmaterial eingebrachtes CO2 im innovativen »Rapid Carb« Produktionsprozess die CO2 Emissionen dieses Zements.

Vorreiter Retznei. Das Holcim-Werk in Retznei ist das erste Zementwerk Österreichs, das einen Zement mit Betonbruch aus rückgebauten Gebäuden anbieten kann. Der Betonbruch wird im unternehmenseigenen Recyclingcenter aufbereitet, in der Rohmühle fein gemahlen und anschließend als Rohstoff in der Zementproduktion eingesetzt.

Zwei Drittel der CO2 Emissionen der Zementproduktion entstehen direkt bei der Produktion von Klinker durch die Abspaltung des CO2 aus Kalkstein, ein Drittel aus der dabei eingesetzten Energie der Brennstoffe. Dabei gilt: Je geringer der Klinker-Anteil im Zement ist, desto niedriger ist auch der CO2 Austritt. Mit dem aufbereiteten Betonbruch kann vor allem Kalkstein, aber auch Klinker im Zement zum Teil ersetzt werden.

Zukunftsfit. Alle in Österreich produzierten Zemente der ECOPlanet Produktfamilie liegen schon heute unter dem Grenzwerten von 469 kg CO2/Tonne Zement, der in der EU Taxonomie als wesentlicher Beitrag zum Klimaschutz gilt. Erstmals im großen Stil eingesetzt wird der ECOPlanet RC bei einem öffentlichen Bauprojekt in Graz.

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