Freitag, Dezember 02, 2022

Im Interview mit dem Bau & Immobilien Report spricht der zukünftige Vorstandsvorsitzende der Swietelsky AG, Peter Krammer, über seine Zeit bei der Strabag und seine Pläne für den  drittgrößten Baukonzern Österreichs. Er erklärt, was die aktuell größten Herausforderungen der Branche sind und warum es gut ist, dass der Digitalisierungshype zu Ende ist. Außerdem spricht er offen über Ursachen und Auswirkungen des aufgeflogenen Baukartelles.


Sie sind seit 2005 bei der Strabag, seit 2010 im Vorstand. Was waren die wichtigsten Meilensteine in dieser Zeit? Mit welchen Gefühlen blicken Sie zurück?

Krammer: Es war eine unglaublich schöne Zeit. Und ich bin sehr dankbar für die Möglichkeit, dass ich als Vorstand in einem so großen Unternehmen arbeiten und die Zukunft mitgestalten durfte. Etwa als wir im Jahr 2012 die Strabag im Vorstandsbereich von einer spartenorientierten zu einer flächenorientierten Unternehmung umgestellt haben. Ein ganz wichtiger Meilenstein für mich war auch, die Kollegen im Vorstand zu überzeugen, dass wir in Deutschland speziell im Verkehrswegebau eine neue Organisationsform brauchen, nämlich einen Unternehmensbereich, der von vier Personen geführt wird und für ganz Deutschland zuständig ist. Das wurde zu einer absoluten Erfolgsgeschichte. Auch die Markenintegration in Deutschland war ein wichtiger Schritt. Nicht unter der Marke Strabag aufzutreten, ist heute unvorstellbar, schon alleine in Hinblick auf das Employer Branding. 

Sie wurden lange Zeit auch als möglicher Nachfolger von Thomas Birtel gehandelt. Es ist anders gekommen. Warum haben Sie sich entschlossen, die Strabag ganz zu verlassen?

Krammer: Es war keine leichte Entscheidung. Ich habe die Wahl des Aufsichtsrats, Klemens Haselsteiner als CEO vorzuschlagen und einzusetzen, verstanden. Hans-Peter Haselsteiner hat den Konzern aus einem kleinen Unternehmen aufgebaut. Er ist ein absolut genialer Top-Manager, dem ich viel zu verdanken habe und von dem ich viel gelernt habe. Klemens Haselsteiner ist im Kern ein ähnlicher Typ, aber eine neue Generation. Mit Thomas Birtel habe ich lange und intensiv zusammengearbeitet. Diese Zusammenarbeit hat so gut funktioniert, außerdem war ich der Zweitälteste im Vorstand, dass ich für mich beschlossen habe, gemeinsam zu gehen.

Es war für mich okay, loszulassen. Natürlich ist das auch eine Frage der Alternativen, aber die haben sich zum Glück aufgetan. Die Chance bei Swietelsky ist etwas Tolles und ich nehme diese Herausforderung als CEO gerne an.  

Wie sehen Ihre Pläne mit dem drittgrößten Baukonzern Österreichs aus? Woran soll man Ihre Handschrift erkennen?

Krammer: Das Schlimmste, das ein neuer CEO, der von außen kommt, machen kann, ist sofort alles umzukrempeln. Das würde die Belegschaft als reinen Aktionismus werten. Es geht auch nicht darum, aus der Swietelsky eine Strabag zu machen. Zuerst werde ich alles daran setzen, das Unternehmen mit seinen Besonderheiten zu verstehen und meine Erfahrung einzubringen, um Dinge zu verbessern. Wo sind etwa die Perlen, die man noch mehr polieren und in den Vordergrund stellen kann. Eine dieser Perlen ist auf jeden Fall der Bahnbau. Es wird darum gehen, den Geräteeinsatz, der einzigartig ist, mit der Bautätigkeit zu kombinieren, um den Kunden alles aus einer Hand bieten zu können. Das ist eine von mehreren Überlegungen, aber sicher ein ganz zentraler Punkt.

In der Presseaussendung zu Ihrer Bestellung werden Sie mit folgenden Worten zitiert: »Es gilt, unsere Geschäftsmodelle den Erfordernissen der Zeit anzupassen«. Fällt diese Überlegung da auch darunter?

Krammer: Ganz genau. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich großen Wert auf eine kooperative Projektabwicklung lege. Diese steht für Innovation und die Verbindung von Planung und Bauen, um das vorhandene Know-how bestmöglich für das Projekt und die Kunden zu nutzen. Gerade im Bahnbau sehe ich hier große Chancen. 

Sprechen wir über die Branche allgemein. Derzeit vergeht kaum ein Tag ohne wirtschaftspolitischen Hiobsbotschaften. Wie geht es der Bauindustrie in der aktuellen Gemengelage?

Krammer: Der Branche geht es noch gut. Im Vergleich zu stationären Industrien sind wir keine energieintensive Industrie. Natürlich steckt in den Produkten teilweise viel Energie, was zu enormen Preissteigerungen im letzten halben Jahr geführt hat. Das hat überall dort, wo es Festpreise gibt, speziell im Baugewerbe aber auch teilweise in der Industrie, zu großen Irritationen und Nervosität geführt, weil man die gestiegenen Kosten nicht weitergeben konnte. Mittlerweile können die gestiegenen Preise in den Kalkulationen berücksichtigt werden. Das führt zu stark steigenden Baukosten. Da reduziert sich gerade im kleinteiligen, privaten Bereich die Nachfrage schon spürbar. Die Bauindustrie merkt das viel weniger, weil die Auftragsbestände enorm hoch sind. Im heurigen Jahr wird da nichts mehr passieren, für das nächste Jahr sind Prognosen schon schwieriger. Die dunklen Wolken kommen näher, wir wissen aber nicht, wie sie sich auswirken werden.

Man muss aber auch sagen, dass wir in den letzten Jahren überausgelastet waren, wir sind am Zahnfleisch gekrochen. Eine kleine Abschwächung ist also noch keine Katastrophe. Es kann aber auch schnell gehen. Und wie stark der Rückgang sein wird, lässt sich nicht seriös abschätzen. 



Neben den gestiegen Preisen sieht sich die Bauwirtschaft – wie viele andere Wirtschaftszweige auch – aktuell weiteren großen Herausforderungen gegenüber. Das beginnt bei der Digitalisierung und reicht über Kreislaufwirtschaft und Klimawandel bis zum Fachkräftemangel und der Lieferkettenproblematik. Wo sehen Sie aktuell die größten Probleme? Wo müsste der Hebel zuerst angesetzt werden?

Krammer: In der Bauabwicklung ist es vor allen der Personalmangel. Wir haben eine schrumpfende Erwerbsgesellschaft und wissen noch nicht, wie wir damit umgehen sollen. Das heißt, wir müssen unsere Produktivität steigern. Dafür brauchen wir einfachere Produkte, die man leichter zusammenbauen kann. Da wäre eine Vereinfachung der überbordenden Regularien ein wichtiger Ansatz. Wir administrieren uns zu Tode.

Natürlich ist weiterhin die Digitalisierung ein wichtiges Thema. Der Hype hat vor knapp zehn Jahren begonnen, BIM wurde als Wunderwaffe verkauft. Da ist viel Ernüchterung eingetreten. Heute ist Digitalisierung wieder das, was sie sein soll, nämlich Mittel zum Zweck, um die Produktion zu verbessern und die Effizienz zu steigern. Aber diese ganzen Themen wurden abgelöst von der Nachhaltigkeit. Das wird uns in den nächsten Jahren am meisten beschäftigen, auch wenn wir noch nicht alle Dreh- und Angelpunkte kennen. 

Mit dem naBe gäbe es zumindest im öffentlichen Bereich ein Instrumentarium, um Nachhaltigkeit einzufordern. Allerdings ist er nicht einklagbar. Haben die Auftraggeber vielleicht auch Angst vor einer Angebotsverknappung?

Krammer: Diese Angst gibt es. Das verstehe ich auch. Wenn ich etwas ausschreibe, das nur ein, zwei Anbieter erfüllen können, hab ich ein Problem. Das ist aber ein Henne-Ei-Problem. Ein gutes Beispiel ist Tschechien. Hier hat die Politik entschieden, dass BIM Pflicht wird. In Österreich ist man da leider sehr zurückhaltend. Deshalb braucht es dann Instrumente wie das Merkmalservice, damit sich die einzelnen Merkmalserver untereinander verstehen. Das Merkmalservice ist eine Krücke, die es braucht, weil die Politik untätig ist. Deshalb brauchen wir auch ein eigenes Bautenministerium. Wir als Branche haben schon oft bewiesen, dass wir gemeinsam mit den Auftraggebern an einem Strang ziehen können. Was fehlt, ist die Unterstützung der Politik.

Wie wird aus Ihrer Sicht eine Baustelle in zehn Jahren aussehen? Woran wird man merken, dass ein Jahrzehnt vergangen ist?

Krammer: Vor allem wird nirgends mehr Rauch herauskommen. Davon bin ich überzeugt. Das wird das Offensichtlichste sein. Auch die Vorproduktion wird deutlich zunehmen. Und wenn die Planung genauer und tiefer wird, kann die Produktion ganz anders gesteuert werden. Die Planungssicherheit ist höher und die Werke können besser ausgelastet werden, wenn es nicht täglich zu Änderungen kommt. Deshalb ist auch kooperative Projektabwicklung so wichtig. Mit Allianzmodellen, wo Planer, Bauherren, Bauunternehmen und wesentliche Nachunternehmen in einem Team arbeiten und gemeinsam das Projekt durchdenken, ist die größte Effizienzsteigerung möglich.

Kommen wir noch kurz zum Thema Kartellrecht. Mit Stand heute sind die großen Vier verurteilt und zu Strafzahlungen verpflichtet worden. Wie glaubwürdig ist es, dass das Top-Management von diesen Vorgängen nichts mitbekommt? Wie kann man das in Zukunft verhindern?

Krammer: Als zuständiger SE-Vorstand habe ich mich intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt und einen tiefen Einblick in die Struktur des Kartells gewonnen. Wir haben uns alle die Frage gestellt, wie es sein konnte, dass das Management nichts davon gewusst hat. Es hat sich gezeigt, dass die Kartelle sehr regional agiert haben und auch von der Struktur der Bauwirtschaft profitiert haben. Es gibt viele kleine Aufträge, wiederkehrende Tätigkeiten. Ich will nichts schönreden, aber es ist nicht um den maximalen Gewinn oder die Schädigung der Kunden gegangen, sondern in erster Linie ging es um die Ressourcenauslastung. Wir haben auch kein Indiz gefunden, dass es teurer geworden ist, sondern es ging um eine kontinuierliche Auslastung.

Aber der Preiswettbewerb wurde verhindert?

Krammer: Der Ressourcenkampf wurde verhindert und damit wahrscheinlich auch dem einen oder anderen weniger effizienten Unternehmen das Überleben gesichert. Es haben aber alle Analysen gezeigt, dass hier nichts von oben gesteuert wurde, sondern sich über die Jahre regional entwickelt hat. Verhindern kann man solchen Entwicklungen nur mit Bewusstseinsbildung, Informationen und Schulungen. Das muss auch vorgelebt werden. Wir haben auch von Verbandsseite einen »Corrective Action Plan« entwickelt, um genau so etwas in Zukunft zu verhindern. Dafür treffen sich auch die zuständigen Compliance-Manager aus den verschiedenen Unternehmen.

Man muss das Bewusstsein schaffen, dass so ein Vorgehen einem Unternehmen nichts bringt, aber wahnsinnig viel kostet. Nicht nur die Bußgelder, auch die Anwalts- und Verfahrenskosten und die Ressourcen, die damit gebunden werden. Ganz wird man es vielleicht nie verhindern können, aber in der Form wird es Kartelle sicher nicht mehr geben. 

(Bilder: Swietelsa AF)

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