Dienstag, Mai 28, 2024

Die Schlagzeilen werden momentan beherrscht von Themen wie Lieferschwierigkeiten, exorbitanten Preissteigerungen, Corona und Ukraine-Krieg. Auch die Bauwirtschaft ist von diesen Herausforderungen stark betroffen. A.F.I.L.A. (Austrian Federation of Independent Loss Adjusters) - Vorsitzender Martin Schörkhuber warf gemeinsam mit Branchenvertretern einen Blick in die Zukunft. 

Titelbild: Die Herren aus der Diskussionsrunde: V.l.n.r. - Wolfgang Wiesner, Robert Grieshofer, Martin Schörkhuber, Daniel Fügenschuh; vorne Claudius Weingrill und Christoph Panhuber. (Credit: A.F.I.L.A.)

Zunächst eine Bestandsaufnahme: Laut Schörkhuber erhalten Firmen aktuell manchmal keine Angebote mehr oder die Angebote haben keine Preisbindung. Der Baupreisindex 2021 sei im Vergleich zu den Jahren 2015-2020 weniger stark gestiegen (um vier Prozent), für 2022 hingegen gehen Prognosen von einer Steigerung von bis zu 25 Prozent aus. Auch der Großhandelspreisindex für Eisen und Stahl habe sich in kurzer Zeit mehr als verdoppelt. Zwar sinke er langsam wieder, stehe aber noch immer bei einer Steigerung von mehr als 50 Prozent im Vergleich zu den Vorjahren. 

„Die Krise führt auch zu einem Entwicklungsschub, den wir nutzen sollten.“  

Das sagt Daniel Fügenschuh, Vizepräsident der Bundeskammer der Ziviltechniker*nnen und Vorsitzender der Bundessektion Architekt*innen. Er meint: „In letzter Zeit sind wir mit völlig unerwarteten Preissteigerungen und Themen wie Unterbrechung von Lieferketten, Verzögerung der Lieferung sowie auch Mitarbeitermangel konfrontiert. Durch Corona ist in den letzten 2 Jahren zwar eine gewisse Erfahrungssituation entstanden, mit dem Krieg sind wir aber jetzt noch tiefer in der Krise. Für uns ist unabsehbar, wie es weiter geht. Als Planer sind wir die Ersten, die diese Herausforderungen bereits im Alltag spüren, beispielsweise durch einen viel größeren Aufwand aufgrund von Umplanungen.


Wir haben in den letzten Jahren aber „damit leben gelernt“. Es ist möglich, weiterzuarbeiten, allerdings weitaus komplizierter und zeitintensiver – durch geänderte Techniken, andere Konstruktionsarten. Meine persönliche Meinung ist, dass es so weitergehen wird. Die meisten Auftraggeber haben sich angepasst, die Zeiten, in denen man dachte, man kann das „aussitzen“ sind vorbei. Man muss jetzt mit den Umständen arbeiten. Wichtig ist, bei der Planung auf Qualität zu setzen. Die Krise führt zu einem Entwicklungsschub und wir sollten die Möglichkeiten, die sich ich jetzt auftun, auch nützen.“ 

„Wir präferieren klar veränderliche Preise und haben in Österreich ein gutes System“,

findet Wolfgang Wiesner, der Abteilungsleiter Bauwirtschaft bei der Porr. „Wir sehen momentan eine Situation mit vielen Ungewissheiten, die wir so noch nie erlebt haben. Gleichzeitig realisieren wir immer komplexere Gebäude mit immer komplexerem Inhalt, bei dem es mittlerweile bis hin zu verdreifachten Preisen kommen kann. Beim Ausschreibungsvolumen muss man zwischen privatem und öffentlichem Bereich unterscheiden: In Ersterem geht das Volumen bereits zurück, bei öffentlichen Projekten bleibt es konstant. Wir haben eine klare Präferenz für veränderliche Preise, wir verfügen in Österreich über ein sehr gutes System, das uns auch schon zu Corona-Zeiten geholfen hat. 
 
Zukünftig eine spannende Option für Auftragnehmer und Auftraggeber können neue Vertragsformen sein – Open Book Systeme, wo wir unsere Entstehungskosten offenlegen und gemeinsam mit den Auftraggebern beschaffen, was den Vorteil hat, dass wir bei Teuerungen gemeinsam mit Auftragnehmer und Planer über neue Lösungen nachdenken. Aus der Krise lässt sich auch Nutzen im Sinne einer Bewusstseinsöffnung ableiten. Die Kosten für geistige Leistungen haben sich nicht verändert und werden interessanter, wenn Energie teurer wird.“   

„Einfach zu sagen, dann bauen wir eben nicht, ist keine adäquate Lösung“,

so Claudius Weingrill von der BIG. Er ist Leiter der Abteilung „Architektur und Bauvertragswesen“ und stellt sich auf Seiten der Auftraggeber: „Man muss sich auch die Auftraggeberseite von ihrer Funktion her ansehen: Infrastrukturprojekte wie Schulen können nicht einfach abgesagt werden, im Unterschied zu Privatprojekten. „Dann bauen wir eben nicht“, ist kein gangbarer Weg. Stattdessen bemühen wir uns um Alternativen und neue Lösungen, bei denen im Sinne einer partnerschaftlichen Projektabwicklung ein faires Auskommen, eine faire Preisgestaltung und eine faire Bezahlung trotzdem möglich sind.  

Es kommt durchaus zu Verzögerungen, ich kenne aber keine Baustelle, die eingestellt werden musste. Stattdessen wird versucht umzuschichten, alternative technische Lösungen zu realisieren, andere Materialien zu verwenden etc. Was Festpreise betrifft, die nach wie vor angeboten werden, bin ich ein Verfechter von veränderlichen Preisen – ich halte diese Risikoverteilung schon immer für vernünftig.“   
 
„Die Preisrallye hat mittlerweile etwas angehalten, die Verfügbarkeit ist besser “, 

schätzt Robert Grieshofer, Geschäftsführer C. Bergmann Baustoffhandel, die aktuelle Situation ein. „Wir sitzen alle im gleichen Boot, die Herausforderungen sind sehr ähnlich. Für uns als Händler ist es natürlich unangenehm, sagen zu müssen, dass die Produkte nicht verfügbar sind und auch nicht zu den gewohnten Preisen. Es gilt, Alternativen zu finden. Wir wurden mit Preissteigerungen konfrontiert, die plötzlich bis zu 100-300 % ausmachten, statt wie gewohnt im einstelligen Prozentbereich lagen.


Die Preisrallye hat mittlerweile etwas angehalten, auch die Materialverfügbarkeit ist besser. Ich hoffe, das Schlimmste ist überstanden. Sorgen macht mir momentan mehr der Gasbereich, weil nicht abschätzbar ist, was ein Gaslieferstopp bedeuten kann. Ohne Gas sind viele Produkte nicht herstellbar. Aber: Die Bedeutung des mehrstufigen Vertriebs wird immer wichtiger, „Just in Time“ funktioniert schlichtweg nicht. Unsere Lagestände sind so hoch wie nie, was für unsere Kunden extrem wichtig ist. 
 
Es ist momentan sehr schwierig, Prognosen abzugeben. Wir hätten beispielsweise auch nicht erwartet, dass das erste Halbjahr 2022 sich durchaus als umsatzstark erweist, die Verknappung ist derzeit nicht spürbar. Bei Bauprojekten verzeichnen wir keinen Abriss, diese werden auch bei zu erwartenden Preiserhöhungen durchgezogen.“

„Jede Kilowattstunde, die gespart wird, hilft Österreich!“,  

plädiert Christoph Panhuber, General Manager bei der Energie AG Renewable Power, für eine Transformation des Energiesystems: „Die jetzigen Entwicklungen beeinflussen die Bauwirtschaft in doppelter Hinsicht – durch den Materialpreis gewisser Produkte mit energieintensiver Herstellung, aber auch in der Langzeitbetrachtung von Gebäuden. Betriebskosten haben eine völlig neue Dimension bekommen.


Der Gaspreis hat mit seinen enormen Steigerungen auch massiv den Strompreis beeinflusst. Mit dieser Situation müssen wir jetzt leben, momentan erwartet niemand, dass diese schnell verschwindet. Österreich hat eine extrem hohe Abhängigkeit von Russland. Der einzige Ausweg ist aus unserer Sicht, das Energiesystem zu reformieren, auf erneuerbare zu setzen – was aber nicht von heute auf morgen geht. Wir müssen unabhängig werden, mit allem, was wir in Österreich erzeugen. Langfristig kann diese Umstellung funktionieren, die nächsten Monate oder sogar Jahre werden aber sicher herausfordernd. Ich glaube nicht, dass wir zu den früheren niedrigen Energiepreisen zurückkommen, aber zu moderaten.

Strom wird als Energieträger an Bedeutung gewinnen, Strom und Gas aber auf absehbare Zeit teuer bleiben. Öl und Gasheizungen haben keine Zukunft - und wir müssen unabhängig werden!“ 
 
 (Bilder: A.F.I.L.A.)
 

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