Mittwoch, Februar 28, 2024



In einem sind sich Fachleute aus Forschung, Logistik und Bau einig: Damit Baustellen ökonomischer und ökologischer werden, braucht es eine digitale und vernetzte Logistik. Heute wird in vielen Fällen noch zu eng gedacht und geplant.

Vielfach kümmert sich jedes Gewerk auf der Baustelle nur um seine Logistik, es gibt keine Zusammenarbeit und keine zentrale Verwaltung«, berichtet Jürgen Schrampf, Geschäftsführer vom Logistikberater Econsult. Für Effizienz und eine ökologischere Abwicklung braucht es aber Digitalisierung und Vernetzung, die erst langsam am Bau greifen. Dadurch kann die Baustelle weitere CO2-Emissions-Einsparungen realisieren, die größte dabei bei Baustellenverkehr, Großgeräten und der Abfallwirtschaft.

Weniger CO2 im Baustellenverkehr

Das Verringerungspotential für Treib­hausgasemissionen auf Baustellen reicht laut Studien je nach Baustellentyp und Rahmenbedingungen von 21 bis 52 Prozent. Für Hubert Wetschnig, Geschäftsführer der Habau Group, bilden erneuerbare Kraftstoffe für den schweren Nutzverkehr die Herausforderung der Zukunft. Bislang wird auf konventionell dieselbetriebene schwere Maschinen gesetzt. E-Fuels könnten einen großen Anteil am Ausstieg aus fossilen Kraft- und Brennstoffen haben. Wasserstoff gilt als aussichtsreicher Kandidat für Dieselersatz. In der Schweiz sind bereits einige Wasserstoff-LKW im Einsatz.

Auch elektrisch betriebene LKW haben Potenzial, ebenso E-Baumaschinen und E-Geräte – eine Reduktion der CO2-Emissionen von 60 bis 85 Prozent ist erreichbar. Wacker Neuson bietet bereits ein umfangreiches Portfolio, ebenso Zeppelin Rental und Boels. Einsparmöglichkeiten liegen weiters in der Reduktion von Transportdistanzen durch digitale Lieferkonzepte.



»Jeden Monat erweitern wir unsere Flotte um Maschinen, die elektrisch angetrieben werden«, betont Bas voor den Dag, Manager Fleet Investments bei Boels.

Gernot Kunz, Geschäftsführer von SiteLog Austria, berichtet von einem seiner Lieblingsprojekte: »In London gab es vor einigen Jahren ein Stadtgebiet mit fünf Großbaustellen. Die Stadt hat sich für ein Großlogistiklager entschieden und sämtliche Unternehmer der Baustellen verpflichtet, ihre Großlieferungen dorthin anliefern zu lassen. Die Baustellen wurden dann auf eigenen Logistikspuren für Baufahrzeuge ähnlich der Busspuren mit Klein-LKW täglich beliefert.«

Für ihn wäre das auch für große Städte in Österreich eine Lösung. Die Idee dieser Logistikzentren wurde unter dem Begriff Midi-Hub bereits im Rahmen des Projekts Logistik 2030+ behandelt, allerdings wurden Probleme wie mangelnde Verfügbarkeit geeigneter Standorte in zentraler Lage, Finanzierung der Hubs sowie zu erwartende Widerstände der KEP-Dienstleister und der Anrainer*innen aufgezeigt.



Das zero emission Portfolio der Wacker Neuson Group umfasst 18 Produkte vom vollelektrischen Bagger über Radlader und Dumper bis hin zu akkubetriebenen Baugeräten für die Boden- und Betonverdichtung. Weitere Modelle sind bereits in Planung.

Von der Straße auf die Schiene

Was in ersten Schritten erfolgen muss, ist der Umstieg von der Straße auf die Schiene bzw. auf den Wasserweg. Die Straße dominiert noch bei der Transportleistung, zahlreiche Bauunternehmen sprechen sich bereits für die Schiene aus. Bei der voestalpine laufen 51 Prozent der Ausgangslogistik über die Bahn, 15 Prozent über Binnenschifffahrt. binderholz setzt bei Langstreckentransporten ebenso auf die Bahn.

»Alle unsere Produktionsstätten haben einen Bahnanschluss, wir liefern an den nächstgelegenen Bahnhof zum Kunden, die letzte Strecke erfolgt per LKW«, informiert Geschäftsführer Helmut Spiehs. »Rundholz-Transporte für den Sägewerkstandort Fügen im Zillertal haben wir zur Gänze von LKW auf Schmaleisenbahn umgestellt.« Bernegger transportiert mineralische Rohstoffe mittels Spezialcontainern, die sowohl auf Eisenbahnwaggons als auch LKW passen und direkt auf Baustellen abgekippt werden können.

Die Zustellung per Bahn ist laut Spiehs nicht teurer als per LKW, wenn die Lieferung mehrere Waggons umfasst. Man müsse bedenken, dass Länder wie Skandinavien für Importe aus Europa bereits eine CO2-Steuer verrechnen. »Lange Zeit waren multimodale Transporte mit einem größeren Abstimmungsaufwand verbunden«, betont Oliver Schauer, Professor für Verkehrslogistik und Mobilität am Logistikum der FH OÖ sowie Obmann des VNL Region Mitte. In Zeiten der Digitalisierung kommt es diesbezüglich jedoch zu deutlichen Vereinfachungen.

Sparen beim Heizen

Baumeister Kunz verweist auf eine wenig bedachte CO2-Sparmaßnahme: den Bereich Heizen. Großbaustellen haben bis zu 300, 400 Container im Einsatz, wo im Winter die E-Heizung Tag und Nacht auf Hochbetrieb läuft. Wenn es zu warm ist, werden die Fenster geöffnet. »Wir haben ein System mit Luftwärmepumpen entwickelt, mit dem 50 Prozent Energieeffizienz erreichbar sind, was eine hohe Kosteneinsparung für den Bauherrn bedeutet.«

Eine weitere Alternative sind Infrarot-Heizsysteme, die laut Herstellern durch einen höheren Wirkungsgrad effizienter sind als herkömmliche E-Heizungen. Als emissionsfreier Brennstoff könnte in Zukunft auch Wasserstoff genützt werden, technologischer Vorreiter auf diesem Gebiet ist Norwegen. Eine Alternative bietet auch die Heizung mit Holzpellets, die sich über längere Zeiträume als sehr wirtschaftlich gestaltet, ähnlich wie die Nutzung von vorhandener Geothermie.

Einsparungspotenzial Abfall

Für Dominik Müller, Geschäftsführer Zeppelin Rental Österreich, bietet auch die Entsorgungslogistik einen enormen Effizienzhebel. »Durch ein zentrales Entsorgungsmanagement wird die Recyclingquote auf der Baustelle deutlich verbessert. Außerdem optimiert es die Produktivität der auf der Baustelle tätigen Personen, minimiert Behinderungen durch Müllansammlungen, reduziert Entsorgungskosten und erhöht die Sicherheit aller Projektbeteiligten.« Die Bereitschaft zur Trennung ist laut SiteLog Austria auf den Baustellen noch nicht flächendeckend gegeben. Kunz: »Am Ende des Tages entscheiden vielfach noch die wirtschaftlichen Interessen.«



»Wir erarbeiten Baulogistikphasenpläne, die sich am Bauzeitenplan orientieren und aufzeigen, wann sich welche Flächen, Zufahrten oder Wege auf der Baustelle verändern. Anhand von Kennzahlen wie Anzahl und Zeitpunkt von Transporten leiten wir entsprechende Maßnahmen wie die Erschließung von Vorstauflächen, die Einrichtung von Ladezonen oder den Einsatz intelligenter Schrankensysteme ab«, informiert Dominik Müller, Geschäftsführer Zeppelin Rental Österreich.


Berichte vom Bau

Die Strabag ruft ihre Baumaterialien möglichst termingerecht ab. Dadurch werden Lagerflächen und Logistikprozesse minimiert. Einzig Produktionsbetriebe wie das Fertigteilwerk der Strabag Tochter Mischek Systembau haben einen Lagerplatz für vorgefertigte Betonfertigteile, wo möglichst zeitnah zum Termin der Versetzung produziert wird.

Bei Porr wird Baumaterial direkt vom Hersteller an die Baustellen geliefert, großteils – wegen der Lage fernab von Ballungszentren – über die Straße. Porr minimiert mithilfe von Digitalisierung ihre Fahrten und steigert die Auslastungen durch die Reduzierung von Leerfahrten. Verwiesen wird auf die neue Baulogistikplattform Sequello, die den Bestell- und Logistikprozess transparent darstellt.


3 Forschungsprojekte

1.    Im Projekt »Nachhaltige Logistik 2030+« arbeiten Niederösterreich und Wien an zukunftstauglichen und tragfähigen Logistiklösungen.

2.   Das Forschungsprojekt »CO2-neutrale Baustelle« erforscht Wege hin zu einer komplett emissionsfreien Baustelle.

3.  »Zero Emission Baustelle« ist ein Forschungsprojekt von Wacker Neuson zusammen mit Herry Consult. Ziel ist, das Potenzial eines verstärkten Einsatzes von elektrischen Baumaschinen und Baugeräten sichtbar zu machen, sowie den Abbau von Barrieren und Vorbehalten voranzutreiben.


Förderung

Österreichische Unternehmen, die ihre Flotte auf E-Busse oder E-LKW umstellen, erhalten bei der Neuanschaffung ihrer Fahrzeuge bis 2026 eine Förderung von 80 Prozent der Kosten. Die staatlichen Fördermittel dazu belaufen sich insgesamt auf eine halbe Milliarde Euro. 

Mehr dazu auf:  www.bmk.gv.at

 

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