Dienstag, September 27, 2022



Auf dem Betriebsgelände des Zementwerks in Rohrdorf entsteht derzeit Deutschlands erste CO2-Abscheideanlage für die Zementproduktion. Rohrdorfer, der Betreiber des Zementwerks, startet das Pilotprojekt in Zusammenarbeit mit der österreichischen Andritz Gruppe, um die Möglichkeiten der Abscheidung von Kohlendioxid und damit eine klimaverträgliche Zementproduktion zu erforschen.

Das Fundament auf der Südseite des Rohrdorfer Zementwerks steht bereits. Auf rund 30 Quadratmetern wird dann ab Mitte März eine 25 Meter hohe Pilotanlage für die CO2-Abscheidung errichtet, die bis Ende Juni in Betrieb gehen soll. Pro Tag wird sie dann zwei Tonnen Kohlenstoffdioxid abscheiden, das im Sinne der Kreislaufwirtschaft der weiteren Verwendung in der regionalen chemischen Industrie zugeführt werden soll. Die Gesamtkosten der Pilotanlage belaufen sich auf drei Mio. Euro und werden von Rohrdorfer getragen.

​Die Anlagen werden in Zusammenarbeit mit der Andritz Gruppe errichtet. Der österreichische Spezialist für Anlagen- und Maschinenbau verfügt über langjährige Expertise beim Bau von CO2-Abscheidern in Kohlekraftwerken. Die Pilotanlage soll dazu dienen, die Rahmenbedingungen für die CO2-Abscheidung und Umwandlung zu testen - bisher gab es dazu ausschließlich Erfahrungswerte aus der Kohleverstromung.

Ameisensäure für die chemische Industrie

Für das Rohrdorfer Zementwerk hat die Andritz Gruppe die Anlage individuell angepasst, damit im Ergebnis die optimale Reinheit des CO2 bei gleichzeitig hoher Langlebigkeit des zur Abscheidung genutzten chemischen Lösungsmittels erreicht werden kann. Sobald der CO2-Abscheidevorgang ausreichend getestet ist, erweitern Rohrdorfer Ingenieure und Konstrukteure die Anlage, um aus dem abgeschiedenen Kohlendioxid Ameisensäure, zu produzieren. Voraussichtlich wird das im Herbst 2022 möglich sein.





3D-Modelle der CO2-Abscheide-Pilotanlage. (Bild: Rohrdorfer)

Bereits seit Juli 2021 testet Rohrdorfer die Gewinnung von Ameisensäure aus Kohlendioxid im unternehmenseigenen Labor, um für die Produktion in der Pilotanlage optimal gerüstet zu sein. Aus den zwei Tonnen CO2, die in der Anlage pro Tag abgeschieden werden, können etwa 1.800 Liter Ameisensäure gewonnen werden. Diese wird zum Beispiel an Chemiewerke in der Region geliefert und dient als Basis für Produkte wie Reinigungs-, Desinfektions- oder Enteisungsmittel. Je nach Reinheitsgrad ist das gewonnene CO2 auch in der Lebensmittelindustrie, etwa für die Kohlensäureanreicherung von Mineralwasser, verwendbar.  

CO2 als Kohlenstoffquelle wichtig für die Energiewende 

Die Ergebnisse des Pilotprojekts sind für Rohrdorfer ein wichtiger Schritt, um das Ziel der deutschen Zementindustrie, bis 2050 klimaneutralen Zement zu produzieren, zu erreichen. Durch Optimierung der Zementsorten und des Brennstoffeinsatzes hat man bis jetzt eine CO2-Einsparung von 45 Prozent (im Vergleich zu 1990) erreicht. Bis 2030 soll eine Reduktion um 65 Prozent gelingen. Die restlichen 35 Prozent können nur noch durch Abscheidung reduziert werden. Die Pilotanlage zur CO2-Abscheidung soll diese Entwicklung beschleunigen. ​

Die Kohlendioxid-Abscheidung ist außerdem ein wichtiger Beitrag zur Energiewende: Durch die Sektor-Koppelung von chemischer Industrie und Zementindustrie soll der abgeschiedene und umgewandelte Kohlenstoff mittelfristig Erdöl und Erdgas in der chemischen Industrie ersetzen. Das ist der Einstieg in eine CO2-Kreislaufwirtschaft.



Spatenstich für Deutschlands erste CO2-Abscheideanlage für die Zementproduktion. V.l.n.r.: Europaabgeordnete Angelika Niebler, Unternehmensleiter Mike Edelmann, Dr. Helmut Leibinger, Leiter Anlagen- und Verfahrenstechnik, Anton Bartinger, Prokurist und technischer Leiter der Sparte Zement und Günther Wunsam, kaufmännischer Leiter der Sparte Zement. (Bild: Rohrdorfer)

„Wir müssen beginnen, Kohlendioxid als Wertstoff statt als Problemstoff zu sehen. Der Kohlenstoff im CO2 kann zu Methanol, Ethylen oder Ameisensäure und damit Ausgangsstoff für viele Produkte werden, die heute noch auf Erdölbasis hergestellt werden müssen. Mit dem Pilotprojekt ist Rohrdorfer im Begriff, ein verlässlicher Partner für die chemische Industrie, zum Beispiel an den Chemiestandorten Burghausen oder Linz zu werden,“ sagt Dr. Helmut Leibinger, Leiter Anlagen- und Verfahrenstechnik bei Rohrdorfer. „Mit CO2 als Kohlenstoffquelle kann Deutschland das Klima schützen und zugleich unabhängiger von Erdöl und Erdgas werden. Zudem bleiben die Wertschöpfung und damit auch Arbeitsplätze im Land.“ 

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