Dienstag, September 27, 2022
Spielplatz für Architekt*innen

Rotterdam war das Ziel der diesjährigen Studienexkursion des Vereins für Wohnbauförderung. In der niederländischen Hafenstadt lautet das Baumotto »Neu und Hoch«.

Auf der Fahrt vom Amsterdamer Flughafen Schiphol nach Rotterdam hat man als österreichische*r Autofahrer*in ein Déjà-vu – hunderte Fahrzeuge stauten auf der Autobahn. Für Niederländer sei die tägliche Autofahrt von 50 km kein Thema, informierte Exkursionsleiter Michael Koller.
Aber bereits bei der ersten Station änderte sich dieses Bild.

Architekt Michael Koller begleitete uns durch Ypenburg, ein ehemaliges Flugfeld, das zwischen Den Haag, Rijswijk und Delft liegt. Das 680 ha umfassende Stadterweiterungsgebiet, davon 315 ha Wohnfläche, ist durch langgestreckte Freiflächen und Kanäle in drei Areale geteilt, wobei jedes ein völlig anderes städtebauliches Bild aufweist.

Das Bürohochhaus KPN Tower

Das Konzept dahinter lautet Vinex, ins Leben gerufen Anfang der 1990er-Jahre, in einer Zeit, als die bis dahin staatlichen Wohnbaugesellschaften privatisiert wurden.
Über Vinex wurden in der Umgebung der sieben größten Städte des Landes neue Städte aufgebaut, die über das öffentliche Verkehrsnetz als Verbindungselement zwischen den Zentren dienen, womit ein durchgängiges Quartier geschaffen wurde.

Anforderung an die neuen Wohnviertel war deren abwechslungsreiche Gestaltung. Grundstückskäufer*innen wurde die Möglichkeit geboten, Häuser nach eigenen Vorstellungen zu bauen.

Zielgruppe der Vinex-Viertel ist die Mittelschicht, die sich hier niederlassen soll, um die knappen Sozialwohnungen für Bedürftigere frei zu machen.


Hoch statt flach 

Von Durchgängigkeit war beim Eintreffen in Rotterdam wenig zu sehen. Stark zerstört im Zweiten Weltkrieg ist Rotterdam heute die niederländische Stadt mit den meisten und den höchsten Hochhäusern und wird gern Manhattan an der Maas genannt.

Auf mehr als 12.000 Hektar Freifläche entstanden Landmarks renommierter Architekt*innen. 1898 präsentierte sich bereits das »Witte Huis« als der höchste Wolkenkratzer Europas. Durchgängigkeit fehlt auch am Wohnungsmarkt – Rotterdam steht zwischen beeindruckend hoher und teurer Architektur und Mangel an bezahlbarem Wohnraum.

Kreativ-Verquer: Die Kubus Häuser

Zu den spektakulärsten Beispielen moderner Architektur zählen die Kubus-Häuser ebenso wie die 40 m hohe und 100 m lange Markthalle und das 110 m hohe, dreieckige Wohnhausprojekt »Casa Nova« von Barcode Architects.
Der 36-geschoßige Turm steht allerdings für den Anspruch an ein lebendiges Stadtquartier.

Mit dem benachbarten Wohnhochhaus »The Muse« teilt er sich einen 1.600 m² großen grünen Dachgarten. Geboten werden Gemeinschaftsräume wie Fitnesscenter, flexible Büroräume, Ateliers und ein Mini-Loft für Gäste.
Die Erdgeschoßzone bietet öffentliche Funktionen, umfasst Restaurants, Geschäfte und ein Kino.

Am »Casa Nova« wird das Wasserproblem der Niederlande sichtbar. Die Niederlande sind ein Delta, 26 Prozent der Landfläche liegen unter dem Meeresspiegel, 29 Prozent sind permanentes Überschwemmungsgebiet.

Bauen ist in den Niederlanden nicht einfach, denn der Boden trägt in der Regel kein Haus, das höher als zwei Stockwerke ist. Das Wasser zu entziehen birgt die Gefahr, dass der Boden wegsackt. Die Lösung sind Pfähle, die bis zu 70 m in die Erde gerammt werden.

Wohnraum für alle

In den Niederlanden herrscht akuter Wohnungsmangel. Der Neubau von jährlich rund 70.000 Wohnungen kann mit dem Bevölkerungszuwachs nicht Schritt halten. Derzeit leben 17,2 Millionen Einwohner*innen in den Niederlanden, das entspricht einer Bevölkerungsdichte von 518 pro km2.

Österreich hat im Vergleich 107 pro km2. Der Wohnungsfehlbestand beläuft sich auf etwa 330.000 Wohnungen und wird für 2025 auf 420.000 Wohnungen steigen.

Mit ein Grund für die Wohnungsnot sind die fehlenden Förderungsinstrumente. In den 1990er-Jahren zog sich der Staat immer weiter aus der Finanzierung des gemeinnützigen Sektors zurück.



»Im englischsprachigen Raum, zu dem auch die Niederlande zählen, bedeutet sozialer Bau Housing for the Poor«, erklärt Bernd Rießland, Obmann Österreichischer Verband Gemeinnütziger Bauvereinigungen. In Österreich gibt es das System der Wohnungsgemeinnützigkeit und eine Wohnbauförderung, die einer breiten Bevölkerungsschicht offen stehen.

Zwei Milliarden Euro werden aus dem öffentlichen Budget der Länder zur Verfügung gestellt, wobei Michael Gehbauer, Obmann des vwbf, darauf aufmerksam macht, dass mit 300 Millionen nur ein Teil in die Wohnbeihilfe geht, der überwiegende Teil fließt in die Errichtung von neuem, leistbaren Wohnraum.

Angesichts der steigenden Grundstückspreise und der nach wie vor hohen Wohnungsnachfrage fordert Gehbauer ein Aufstocken der Mittel.


Vorsprung Österreich

Im Herzen des Rotterdamer Lloyd-Quartiers entsteht mit Sawa ein 50 Meter hohes Terrassenhaus in Holzbauweise.
Sawa soll neben den freifinanzierten Wohnungen auch bezahlbaren Wohnraum bereitstellen.



Sawa ist ein 50 Meter hohes, abgetrepptes Wohngebäude aus Brettsperrholz.

Ein anderes interessantes nachhaltiges Gebäudeviertel ist Ecowijk Leonidas. Hier wurde Käufer*innen mit der Auflage der Verwendung natürlicher Materialien, möglichst nachhaltig und gasfrei, die Möglichkeit geboten, ein eigenes Haus zu bauen. Die Grundstücksgröße liegt zwischen 200 und 400 m².



Modernes und nachhaltiges Wohnen im Stadterneuerungsgebiet Ecowijk

Im Vergleich zu Österreich haben die Niederlande in Sachen Nachhaltigkeit aber Aufholbedarf.

»Wir haben Ausnahmen gesehen, aber Dämmung ist noch kein zentrales Thema, bei riesigen Fensterflächen gibt es nur eine Zweischeibenverglasung. Da sind wir in Österreich viel weiter.
95 Prozent der Gebäude im gemeinnützigen Sektor sind bereits thermisch saniert, die Niederlande liegen erst bei 45 Prozent«, sagt Michael Gehbauer, Obmann des vwbf.

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