Freitag, Juli 19, 2024
Der Umgang mit der Digitalisierung heute entscheidet über den Erfolg von morgen
Foto: Strabag

Im Interview mit Report(+)PLUS spricht der neue Vorstand für Digitalisierung, Unternehmensentwicklung und Innovation der Strabag, Klemens Haselsteiner, über seine Aufgaben, Pläne und Visionen. Außerdem verrät der Sohn des Firmengründers Hans-Peter Haselsteiner, ob der Chefsessel sein Ziel ist und woran er gemessen werden möchte.

(+) plus: Sie sind seit 1. Jänner neuer Vorstand für die Bereiche »Digitalisierung, Unternehmens­entwicklung und Innovation«. Das klingt sehr allgemein und allumfassend. Was genau wird Ihr Aufgabengebiet sein?

Klemens Haselsteiner: Es wird vor allem darum gehen, unsere Aktivitäten in den Bereichen Digitalisierung und Innovation zentral zu steuern. Wir machen schon heute sehr viel und haben das Glück, über enorm innovative und kreative Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu verfügen. Für mich geht es jetzt darum, mir einen Gesamtüberblick zu verschaffen. Übergeordnetes Ziel ist eine bessere Vernetzung zwischen den einzelnen Entwicklungsprojekten, eine Priorisierung und hoffentlich eine Beschleunigung.

(+) plus: Wo muss aus Ihrer Sicht der Hebel angesetzt werden? Wo hat die Strabag das größte Optimierungspotenzial?

Haselsteiner: Wir haben schon jetzt mehrere Leuchtturmprojekte, allen voran Building Information Modeling, oder wie wir es nennen BIM 5D. Das wird auch in Zukunft ein zentrales Thema bleiben, das wir weiter vorantreiben wollen. Wir arbeiten aktuell auch an einer digitalen Einkaufsplattform.

Wir wollen unseren Beschaffungsprozess digitalisieren und damit die Effizienz im Unternehmen steigern. Abseits dieser großen Leuchttürme gibt es gerade in der Digitalisierung viele andere, auch kleinere Projekte, die wir umsetzen und die uns als Konzern weiterbringen. Da geht es um einzelne Arbeitsschritte, die heute noch analog ausgeführt werden. Das ist in Summe ein ähnlich großer Hebel wie die großen Leuchtturmprojekte.

(+) plus: Gerade beim Thema BIM ist man zu einem gewissen Maß auch vom Auftraggeber abhängig. Wie schätzen Sie die Bereitschaft und Offenheit der Auftraggeber gegenüber dem Thema ein?

Haselsteiner: Auch die Auftraggeber profitieren enorm von BIM. Aber unabhängig davon ist es in unserem ureigenen Interesse, BIM zu forcieren. Wir können es uns nicht leisten, darauf zu warten, dass die Bauherrenschaft den Mehrwert erkennt und bereit ist, dafür zu zahlen. Wir werden BIM aus Eigeninteresse weiter vorantreiben.

Das Problem sind auch nicht die Auftraggeber, sondern aufgrund des Baubooms stellt sich eher die Frage, wo man die entsprechenden Planer findet. Da gibt es immer noch viele, die nicht BIM-basiert arbeiten. Das Interesse der Auftraggeber ist auf jeden Fall vorhanden, aber natürlich gibt es noch Hürden, etwa bei den Ausschreibungen.

(+) plus: Neben der Digitalisierung sind Sie auch für die Innovation im Unternehmen zuständig, zwei Themen, die sehr stark ineinander greifen. Spielen allgemeine Trendthemen wie Virtual und Augmented Reality oder künstliche Intelligenz in Ihren Überlegungen eine Rolle?

Haselsteiner: Natürlich. Dazu muss man aber sagen, dass viele dieser Themen auch jetzt schon eine Rolle spielen. Virtual und Augmented Reality etwa sehen wir als wichtigen Teilbereich von BIM. Damit können wir Entwürfe und Planänderungen auch visuell erlebbar machen. Auch mit künstlicher Intelligenz arbeiten wir jetzt schon projektbezogen. Das reicht von der automatischen Vertragsanalyse bis zu Algorithmen für die optimale Gebäudeanordnung auf Grundstücken.

Ich persönlich glaube, dass das Thema künstliche Intelligenz auch uns sehr stark beeinflussen wird. Die Einsatzmöglichkeiten sind vielleicht nicht unendlich, aber sehr mannigfaltig. Überall dort, wo es um standardisierte Entscheidungsprozesse geht, können unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Routinearbeiten entlastet werden. Das wird in Zukunft enorm an Bedeutung gewinnen. Wir könnten schon heute viel mehr Projekte abwickeln, haben aber einfach nicht genügend Personal. Die knappste Ressource sind die Menschen.

(+) plus: Ein zentrales Thema der Branche ist die Produktivitätssteigerung. Das reicht von der Baustellenlogistik bis zu den internen Abläufen. Zählen auch diese Bereiche zu Ihren Aufgabengebieten?

Haselsteiner: Absolut. Natürlich verfolgen wir mit unseren Innovationen, ob bei Produkten oder Prozessen, auch das Ziel, die Produktivität zu steigern. Da reden wir von Logistikprozessen ebenso wie von 3D-Druck oder Vorfertigung. 

(+) plus: Neben der Innovation und der Digitalisierung ist auch die Unternehmensentwicklung in Ihrem Ressort angesiedelt. Wohin soll sich die Strabag aus Ihrer Sicht kurz-, mittel- und langfristig entwickeln?

Haselsteiner: Mein Ziel ist es, unsere führende Stellung in unseren Kernmärkten nicht nur zu behaupten, sondern auszubauen. Dazu wollen wir in anderen Märkten unsere Präsenz stärken und in neue Märkte einsteigen. In meinem Ressort geht es vor allem darum, die Technologieführerschaft auszubauen. Unser Anspruch ist, bei allen neuen Entwicklungen ganz vorne mitzuspielen.

Egal, ob es wie bereits angedeutet um 3D-Druck geht, die Verwendung neuer Baumaterialien oder den Einsatz von Robotern. Das gelingt uns in vielen Bereichen schon sehr gut. Wir haben etwa den sogenannten ClAir-Asphalt entwickelt. Dabei wirken eingebaute Kristalle als Katalysatoren, die den Alterungsprozess verhindern und Stickstoffdioxid aus der Luft filtern.

Dieses wird in die Einzelteile zerlegt und mit dem Regen abgewaschen. Damit ist es nicht mehr umweltschädlich. Unter Laborbedingungen ist uns so eine Stickstoffdioxid-Reduktion von 27 Prozent gelungen. Auch auf einer realen Teststrecke in Stuttgart konnte ein Effekt festgestellt werden.

(+) plus: In Zeiten des Fachkräftemangels konkurrieren Sie nicht nur mit anderen Bauunternehmen, sondern auch mit anderen Branchen im Kampf um die besten Köpfe. Wie wichtig ist es Ihnen, auch abseits der Baubranche als innovatives Unternehmen wahrgenommen zu werden?

Haselsteiner: Wir werden uns immer auf unsere Kernkompetenz Baudienstleis­tungen konzentrieren. Aber ich denke, wir haben auch über die Grenzen der Bauwirtschaft hinaus einen guten Ruf. Natürlich sind etwa Expertinnen und Experten im Bereich der künstlichen Intelligenz hoch begehrt und alle wollen bei Google oder Amazon arbeiten (lacht). Damit wir als Strabag diese Leute für uns gewinnen, braucht man gute Argumente.

Das ist neben dem guten Ruf etwa auch die Möglichkeit, etwas grundlegend Neues mitzugestalten und nicht einer oder eine von vielen in einem Unternehmen wie etwa Google zu sein.    

(+) plus: Wenn wir uns Anfang 2021 wiedersehen: Was sollte dann umgesetzt sein? Wo sollte Ihre Handschrift erkennbar sein, damit Sie von einem guten ersten Jahr als Vorstand sprechen?

Haselsteiner: Es wäre ein Erfolg, wenn ich Ihnen die neue Digitalisierungseinheit, die ich jetzt aufbauen will, schon im Detail vorstellen könnte und wir bei unseren Innovations- und Digitalisierungsprojekten an Tempo gewonnen hätten. Denn dann könnte ich Ihnen auch schon viele kleine Projekte vorstellen, die wir umgesetzt hätten.

(+) plus: Sie sind seit 2011 bei der Strabag. Wie ist es, als Sohn des Firmengründers ins Geschäft einzusteigen? Hatten Sie es leichter oder wurden Sie besonders kritisch beäugt?

Haselsteiner: In gewisser Weise beides: Ich habe sicher Chancen bekommen, die andere nicht bekommen haben. Aber natürlich steht man auch unter besonderer Beobachtung. Deshalb musste ich mir die Anerkennung von Vorgesetzten, aber auch von Kolleginnen und Kollegen immer wieder aufs Neue erarbeiten. Denn es gibt eine gewisse Erwartungshaltung, die nicht unbedingt die beste ist. Das zu entkräften, ist eine Herausforderung. Ich denke aber, in Summe ist mir das ganz gut gelungen.

(+) plus: Viele sehen in Ihnen den logischen zukünftigen Strabag-Chef. Wo sehen Sie Ihre Rolle bei der Strabag? Ist der Chefsessel Ihr Ziel?

Haselsteiner: Darüber mache ich mir im Moment wirklich keine Gedanken. Ich hab das immer so gehandhabt, dass ich mich auf die unmittelbaren Aufgaben, die vor mir liegen, konzentriere und diese versuche ich so gut wie möglich zu erledigen. Ich habe auch wirklich wenig Zeit und Muße, mir Gedanken zu machen, was in drei oder fünf Jahren ist. Ich sehe meine jetzige Position auch nicht als Zwischenstation, sondern als enorm wichtige Aufgabe.

Denn wie wir die Herausforderungen der Digitalisierung meistern, entscheidet darüber, wo das Unternehmen in zehn Jahren stehen wird. Wenn Sie aber die Frage stellen, ob ich mir vorstellen kann, irgendwann CEO der Strabag zu sein, dann lautet die Antwort: Ja, das kann ich mir vorstellen. Ich gehe aber davon aus, dass ich zu gegebener Zeit, wenn die Wahl auf jemand anderen fallen sollte, als Miteigentümer über zwei Ecken die Größe habe, das zu akzeptieren und den Besten zum Zug kommen lasse.

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