Montag, Juni 17, 2024

Über Facharbeitermangel wird gern gejammert, doch nur noch wenige Unternehmen sind bereit, ­Lehrlinge auszubilden. Dabei bietet die Schulung im eigenen Betrieb die Möglichkeit, Arbeitskräfte genau für spezifische Produktionsabläufe heranzuziehen.

Mädchen werden Frisörin, Buben Automechaniker – so lauten zumeist die Berufswünsche von Volksschülern und fast genauso sieht die Lehrlingsstatistik aus. Trotz vieler offener Lehrstellen sind mehrere tausend Jugendliche auf der Suche nach einem Ausbildungsbetrieb, doch Angebot und Nachfrage klaffen weit auseinander. Der Großteil der Lehrlinge verteilt sich noch immer auf eine Handvoll von Berufen: Neben Frisörin und Automechaniker stehen auch noch Verkäuferin und Sekretärin bei den Mädchen sowie Elektriker und Maschinenbautechniker bei den Burschen hoch im Kurs. Es hapert offenbar an der Kommunikation, vielleicht auch an sichtbaren Vorbildern. Hier soll nun erstmals mit einer überregionalen Lehrlingsmesse Abhilfe geschaffen werden. Die »startmesse 2009« findet von 1. bis 3. Oktober im Austria Center Vienna statt, 30.000 Schüler haben sich über ihre Schule bereits angemeldet. Zahlreiche Unternehmen präsentieren ihre Ausbildungsmöglichkeiten in anschaulicher  Form, u. a. die ÖBB, Strabag, Siemens, Rewe, Allianz, Peek & Cloppenburg oder kika. Gleichzeitig soll der ramponierte Ruf der Lehre aufpoliert werden, zuletzt hatte die Aufweichung des Kündigungsschutzes für Lehrlinge für Aufsehen gesorgt.

Teure Ausbildung
Das neue Berufsausbildungsgesetz trat zwar schon im Sommer 2008 in Kraft, infolge der Wirtschaftskrise fürchtet die Gewerkschaft jetzt aber eine Kündigungswelle bei Lehrlingen. Bisher konnte ein Lehrverhältnis nur einvernehmlich oder aus schwerwiegenden Gründen wie Diebstahl beendet werden. Nach den neuen Bestimmungen ist eine Auflösung des Vertrags aber nach jedem Lehrjahr möglich. Da dieses im September für viele endet, rechnet der Bundesvorsitzende der Gewerkschaftsjugend, Jürgen Michlmayer, mit zahlreichen Kündigungen, weil sich viele Betriebe nun leichter ihrer Lehrlinge entledigen könnten. Die Ausbildung von Facharbeitern ist zeitintensiv und teuer. Aus Kostengründen greifen deshalb immer mehr Unternehmer lieber auf angelernte Hilfskräfte zurück, die niedriger entlohnt werden können und nicht annähernd so strengen arbeitsrechtlichen Bestimmungen unterliegen. Allerdings werden schon jetzt die Schutzbestimmungen unterlaufen: Laut einer aktuellen Lehrlingsbefragung des Instituts für Jugendforschung müssen fast ein Drittel der unter 18-Jährigen regelmäßig Überstunden machen – was nach dem Kinder- und Jugendbeschäftigungsgesetz verboten ist. Unterstützung bekommen die Gewerkschafter von Egon Blum, dem ehemaligen Lehrlingsbeauftragten der Regierung Schüssel. Er fordert eine Rücknahme des Gesetzes: »Diese Kündigungserleichterung hätten wir uns wirklich ersparen können. Gerade jetzt, wo noch zur gleichen Zeit die wirtschaftliche Problematik einsetzt, wird es viele Betriebe geben, die sich einfach von den Lehrlingen verabschieden«, sagte Blum im Ö1-Interview.

Qualitätsbonus
Im Gegenzug fordert die Wirtschaft höhere Förderungen, um die kostenintensive Ausbildung von Jugendlichen finanzieren zu können. Ende März schlug als erste Branche die Maschinen- und Metallwarenindustrie Alarm. In Zeiten massiver Auftragseinbrüche und Kurzarbeit bei der Stammbelegschaft sehe man sich außer Stande, auch noch in die Lehrlingsausbildung zu investieren, so Clemens Malina-Altzinger, Obmann des Fachverbandes der Maschinen- und Metallwarenindustrie. Das Niveau von knapp 7.000 Lehrlingen in dieser Branche könne unter den bestehenden Bedingungen kaum gehalten werden. Malina-Altzinger fordert die Ausdehnung der Lehrlingsförderung von drei auf sechs Monate und äußert auch Kritik am sogenannten »Blum-Bonus II«. Dieser sieht eine Förderung zusätzlich geschaffener Lehrstellen mit einer Prämie von 2.000 Euro vor. Werden in der Ausbildung besondere Qualitätskriterien berücksichtigt, beträgt die Prämie 3.000 Euro. Arbeiterkammer-Präsident Herbert Tumpel und Sozialminister Rudolf Hundstorfer lehnen weitere Lohnsubventionen mit dem Hinweis ab, die Wirtschaft wolle sich nur ihrer Verantwortung entziehen. Derzeit fließen 158 Millionen Euro in die betriebliche Lehrlingsförderung. Schon jetzt gebe es kaum einen Lehrplatz, der nicht gefördert werde, so Hundstorfer.  Tatsächlich könnte die Weigerung, Lehrlinge auszubilden, den Unternehmen schon bald auf den Kopf fallen. Springt die Konjunktur wieder an, sind Fachkräfte wieder Mangelware. Ganze Jahrgänge an jungen Facharbeitern würden dann fehlen. Allein im März 2009 stieg die Jugendarbeitslosigkeit um mehr als 30 Prozent. In der ORF-Pressestunde vom 29. März versprach Wirtschaftsminister Mitterlehner jedem Jugendlichen einen sicheren Ausbildungsplatz. Im Juni soll eine Informationsoffensive starten, in deren Rahmen eigene Programme und eine Lehrstellengarantie für 19- bis 25-Jährige präsentiert werden.  Denkbar ist vor allem eine Aufstockung des Auffangnetzes »Überbetriebliche Lehre«. In diesen Lehrwerkstätten und Ausbildungszentren bekommen momentan 7.000 Jugendliche, die in herkömmlichen Betrieben keine Lehrstelle finden konnten, eine Berufsausbildung. Die derzeit bestehenden 10.000 Plätze sollen auf 12.000 erweitert werden.

Spezifische Fachkräfte
Einen Trend gibt es aber auch in die andere Richtung: Vor allem große Unternehmen bilden ihren Nachwuchs nach wie vor lieber selbst aus. Spar zählt seit Jahrzehnten zu den größten Ausbildungsbetrieben Österreichs, ebenso die Modekette C&A. Die Drogeriemarktkette dm kündigte soeben an, die Zahl der angebotenen Lehrstellen zu erhöhen. Das erste Geschäftshalbjahr verlief mit einem Umsatzplus von sechs Prozent höchst erfreulich, weshalb die für 1. August geplanten 271 neuen Ausbildungsplätze auf 300 aufgestockt werden. Siemens und die ÖBB setzen weiter auf ihre bewährten innerbetrieblichen Lehrwerkstätten, in denen sich die Unternehmen ihre Facharbeiter »maßschneidern«. Denn teilweise sind die Anforderungen im Betrieb so spezifisch, dass selbst ein gut ausgebildeter Geselle aus einem anderen Unternehmen erst recht eingeschult werden muss, bis er als vollwertige Arbeitskraft einsatzfähig ist.
Diese Entwicklung zeichnet sich auch im internationalen Vergleich ab: Der Gaskraftwerkspezialist Alstom rüstete im Mannheimer Werk erst kürzlich eine gesamte Halle zur Lehrwerkstätte um. Von der fachübergreifenden Ausbildung zum Mechatroniker ist man dort inzwischen abgekommen, nun werden wieder reine Elektriker und Mechaniker ausgebildet. 
In den elf ÖBB-Lehrwerkstätten setzt man dagegen auf eine kombinierte Ausbildung aus den Bereichen Mechanik, Elektronik und Informatik. »Unsere Mechatronik-Lehrlinge sind nach ihrer Lehrzeit gefragte Generalisten«, meint Alois Pichler, Leiter der drei Wiener Lehrwerkstätten. Insgesamt bilden die ÖBB derzeit 1.770 Lehrlinge in 18 Berufen aus – ein historischer Höchststand. 17 Prozent davon sind Mädchen, und zwar nicht nur in den Bürojobs: In Kooperation mit dem AMS werden Mädchen in technischen Lehrberufen besonders gefördert. Mit nur 6,9 Prozent Frauenanteil hat der übrige ÖBB-Konzern diesbezüglich noch Nachholbedarf.

Imagekorrektur
Während in Deutschland schon groß angelegte Kampagnen laufen, um gezielt Jugendliche mit Migrationshintergrund für Lehrberufe anzuwerben und damit den Facharbeiterbedarf für die nächsten Jahre zu sichern, blickt man in Österreich sehr kurzsichtig in die Zukunft. Die privaten Veranstalter der »startmesse«, an sich eine ideale Präsentationsplattform für ausbildende Betriebe, werden von der Politik geschnitten. So finden sich unter den vorerst 37 fixen Zusagen weder Aussteller aus den Fachsparten der Wirtschaftskammer noch der Innungen. Kleineren Betrieben, die durchaus Interesse signalisieren, fehlen naturgemäß die Kapazitäten; die Branchenvertreter wollen nach gewohnt österreichischer Manier erst einmal abwarten, ob sich das Konzept bewährt.
Für Nikola Jandric, Sprecher des Veranstaltungsbüros futura777, völlig unverständlich: »In Wels werden bei der Berufsmesse 50 Prozent der Ausstellungsfläche von den Innungen belegt.« Er hofft trotzdem, noch weitere Aussteller an Bord holen zu können, gibt es doch in Ostösterreich kein vergleichbares überregionales Angebot, das Unternehmen direkt mit der Zielgruppe Lehrlinge vernetzt. Die Berufsinformationsmesse BeSt in Wien deckt vorwiegend den Bereich höhere Schulen und Studium ab, die betriebliche Ausbildung wurde bis auf den »Tag der Lehre«  bislang stiefmütterlich behandelt.
Das Konzept der »startmesse« klingt vielversprechend: Nach dem Erlebnisprinzip sollen die Jugendlichen in interaktiven Schau-Werkstätten zum Ausprobieren und Hineinschnuppern in verschiedene Berufe anregt werden. Ein Aha-Erlebnis hatte Organisator Jandric auch selbst bei der Vorbereitung: »Mit der Strabag verband ich immer nur den Lehrberuf Maurer, bis ich feststellte, dass dort eine ganze Palette an Berufen angeboten wird.« Man lernt eben nie aus.

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