Montag, Juni 17, 2024

Der Nutzen der neuen Vernetzung im Gesundheitssektor ist unbestritten. Die Frage ist nur, wer sie finanziert. E-Health ist am Vormarsch und in Diskussion in Österreich.

Die öffentliche Verwaltung ist ein viel geschätzter Kunde für Unternehmen. Auch in der schlimmsten Rezession bleibt die Investitionslust des Staates auf gesundem Niveau. Hinzu kommt, dass gerade in föderalistisch zerklüfteten Verwaltungsstrukturen das Synergiepotenzial in den Prozesswegen und Ressourcen besonders hoch ist. So sind hierzulande gerade die Sozialversicherungen und Krankenkassen in unvernünftig viele Körperschaften gegliedert. Jedes Bundesland hat seine eigene Kasse, Berufsstände organisieren sich in eigenen Versicherungsgesellschaften und am Ende des Tages klagt der Hauptverband über explodierende Kosten in den Spitälern und der Verwaltung.

Man muss nicht hellsichtig sein, um die Konsolidierung der Verwaltungsapparate auch noch im nächsten Jahrzehnt in der politischen Schublade versteckt zu sehen. Die herrschenden Landesväter und -mütter werden sich hüten, Kompetenzen an länderübergreifende Einrichtungen abzugeben. Die Evolution vom Fleckerlteppich in der Gesundheitsversorgung zu einem stringenten Ganzen passiert dennoch. Hebel für Veränderungen ist einmal mehr die Informationstechnologie. So vernetzt die Telekom Austria Ärzte, Labors und Krankenhäuser mit einem »Datennetz der Medizin«, vornehm »DaMe« genannt. T-Systems stattet Krankenhäuser mit einem Informationssystem für die Transparenz über erbrachte medizinische und pflegerische Leistungen aus. Unter dem Projekttitel »NÖmedWAN« ist die Vernetzung von insgesamt 27 Krankenanstalten in Nieder­österreich angedacht. Im Endausbau werden landesweit relevante Patientendaten an jedem Ort, zu jeder Zeit im erforderlichen Umfang für Berechtigte verfügbar sein.

Siemens wiederum führt gemeinsam mit der Apothekerkammer gerade eine Medikamentendatenbank ein, die Patienten vor Nebenwirkungen und Schäden bei angewendeten Arzneien warnt. Die von der Apothekerschaft auf eigene Kosten entwickelte Datenbank ist volkswirtschaftlich sinnvoll, weiß der Präsident der Österreichischen Apothekerkammer, Heinrich Burggasser. Studien zufolge nehmen besonders ältere Menschen ihre Medikamente in bis zu 30 Prozent der Fälle falsch ein. Typische Folgen von Medikamentenunverträglichkeiten und unerwarteten Wechselwirkungen bei der Einnahme mehrerer Arzneien sind typischerweise Magen-Darm-Erkrankungen. Auf 100 bis 150 Mio. Euro werden die Folgekosten geschätzt, die bei dadurch folgenden Nachbehandlungen in den Spitälern entstehen. Ein kleiner Teil davon kann allein mit der Vermeidung von Doppelverschreibungen eingespart werden. »Die Apothekerschaft steht bereit und kann mit der Umsetzung des Arzneimittel-Sicherheitsgurtes beginnen«, tat Burggasser Anfang des Jahres kund. Die Nachfrage nach einer umfassenden Kontrolle über die eingenommenen Medikamente sei bei den Patienten bereits groß.

Wegfall der Zettelwirtschaft
Dass der Zug bald in Richtung E-Medikation abfährt, ist allen klar. Lediglich die Finanzierung muss noch geklärt werden. Dem großen Einsparungspotenzial in der Gesundheitsversorgung durch die elektronisch unterstützten Prozesswege in der Medikation stehen vergleichsweise geringe Investitionskosten von rund 10 Mio. Euro gegenüber, schätzt Siemens-Healthcare-Experte Thomas Freiberger. Derzeit diskutieren die unterschiedlichen Stakeholder eines solchen Systems – die Ärzte, Apotheken und Krankenkassen – eine zumutbare Aufteilung der Finanzierung. Auch die Erweiterung auf ein Modell des elektronischen Rezepts und eine einheitliche Patientenakte scheinen logisch. Durch den Wegfall der Zettelwirtschaft könnten Patienten direkt in der Apotheke mittels e-card den verschriebenen Medikamentenplan des Arztes abrufen und prüfen lassen.

Beim Arzneimittel-Sicherheitsgurt handelt es sich auch gleich um die erste Anwendung für den Elektronischen Gesundheitsakt, kurz »ELGA«. Während heute nahezu jedes Krankenhaus mit einer ELGA-Lösung intern arbeitet, fehlt noch die österreichweite Vernetzung der Patienten- und Behandlungsdaten. »Wichtig ist aus Sicht der Ärzteschaft, dass die Welt beim Thema E-Medikation nicht neu erfunden werden muss: Die Ärzte verfügen bereits über elektronische Datenübertragungsstrukturen«, erklärt Ärztekammer-Präsident Walter Dorner. Für Dorner erscheint es pragmatisch, das Projekt in die Hände des Hauptverbandes zu legen. Schließlich profitiere dieser auch von den Kosteneinsparungen in den Spitälern. Hinsichtlich des elektronischen Gesundheitsaktes wünscht sich die Ärztekammer allerdings noch die »Klärung einiger offenen Fragen«. Es stehe beispielsweise noch nicht fest, welcher Personenkreis zu welchen Daten Zugang erhalte und wer welche Daten abrufen dürfe. Auch bei Datenschutz und Datensicherheit seien bisher noch keine konkreten Vorhaben und Absicherungsmodelle bekannt, die das System vor Angriffen schützen und einen gläsernen Patienten verhindern.

Befürchtungen gibt es auch von anderer Seite: So haben manche Ärzte Bedenken, mit der neuen Transparenz angreifbarer durch die Krankenkassen zu werden. Diese könnten so genau prüfen, welche Medikationen Ärzte bevorzugt verschreiben. Auch freut es nicht jeden, dass so auch Behandlungsfehler beweisbar werden. Die meisten halten die Vernetzung trotzdem schlichtweg für ein wertvolles Werkzeug zum Besten der Patienten. Lediglich die Sozialversicherungen sollten daraus resultierende Einsparungen auch an die Ärzteschaft weitergeben, heißt es dort. Schließlich bekommen die Mediziner mit Systemen wie der ELGA auch einen Mehraufwand aufgehalst. Ein Besuch beim Arzt wird künftig um die Analyse der gesamten Historie des Patienten erweitert, fürchtet die Standesvertretung. Das kostet Zeit. Derzeit ist nicht geplant, dass dies den Ärzten abgegolten wird.

In Sachen Datensicherheit wiederum gibt es bei aller Vorsicht, die ohnehin gefordert wird, auffallend wenig Widerstand auf Patientenseite. Sowohl Patientenanwälte als auch Seniorenvertreter halten ein durchgängiges, transparentes System für die Krankengeschichte und Patientenhistorie für unentbehrlich. Die typischen Fälle von chronischen und schweren Krankheiten würden statistisch gesehen ohnehin erst bei 50 Lebensjahren und aufwärts beginnen – ein Alter, in dem Befürchtungen um den Datenschutz hinter vitale Interessen zurücktreten. Pensionisten müssen auch nicht mehr den Betriebsarzt fürchten, der so leicht Zugriff auf sämtliche Krankengeschichten des Arbeitnehmers erhält.

Abseits der akademischen Diskussionen wächst die Landschaft in Österreich rund um die zentrale Authentifizierungslösung e-card unaufhaltsam. Zuletzt wurde der elektronische Austausch der Krankenstands- und Gesundmeldungen zwischen den Ärzten und Krankenkassen ermöglicht. Nach den Pilotbetrieben in Oberösterreich und im Burgenland steht das Service nun für alle Vertragsärzte österreichweit zur Verfügung. Bisher erfolgte dieser Prozess papiergebunden: Der Arzt schreibt im Zuge einer Behandlung einen Patienten krank, der Patient bekommt eine Krankenstandsbescheinigung und der Arzt muss diese Meldung in Papierform per Post an den zuständigen Krankenversicherungsträger schicken – immerhin im Schnitt rund 1.000 Papierbestätigungen pro Arzt und Jahr. »Mit den modernen Kommunikationsmitteln können wir sechs Millionen Bestätigungen auf Papier jährlich konsequent reduzieren«, erklärt Hauptverband-Vorsitzender Hans Jörg Schelling.

»Die Neuerung betrifft die Übermittlungsform von Informationen, nicht aber die Informationen selbst oder deren Speicherung«, beschwichtigt wiederum Volker Schörghofer. Der Generaldirektor-Stellvertreter im Hauptverband und IT-Chef der Sozialversicherungsträger sieht Ideen wie das elektronische Rezept trotzdem als nicht innerhalb der nächsten Jahre umsetzbar. »Die Versicherten wollen als Abschluss des Arztbesuchs einen Zettel in die Hand bekommen und damit zum Apotheker gehen«, ist sein Argument. Dennoch sind auch für ihn die digitalen Datenwege in der Gesundheitsversorgung die Zukunft. Aktuell hat Schörghofer, der als größter Treiber für IT-Neuerungen im Hauptverband gilt, einen Plan präsentiert, der die Reduktion der 18 Rechenzentren der Sozialversicherungen auf lediglich drei Stück in den nächsten zwei Jahren vorsieht. Natürlich ist auch er mit Ressentiments konfrontiert. Die Sozialversicherungen sind dennoch gefordert, die Geschäftsprozesse in der gesamten Gesundheitsversorgung zu konsolidieren. Freilich kann sich Schörg­hofer eines österreichischen Phänomens gewiss sein: Zuerst will es keiner. Dann ist es zu teuer. Und am Ende des Tages, wenn alles wie am Schnürchen läuft, wollen ohnehin alle vom ersten Tag an dafür gewesen sein.

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