Sonntag, April 14, 2024

Der Osten: Für Österreichs Finanz­branche war das der Aufbruch ins gelobte Land. Was davon nach dem Kapitalmarktabsturz geblieben ist und warum die Banken und Versicherer immer noch an das Ost­geschäft glauben, wo die Fallstricke lauern.

Schachspieler wissen es: Geht man in die Offensive, ohne die der Gewinn einer Partie nicht zu realisieren ist, verändert sich die Balance der Stellung. Einerseits steigen so die eigenen Chancen auf den eigenen Sieg, aber fast zwangsläufig erhöht ein Angriff auch die taktischen Möglichkeiten des Gegners. Solche Situationen nennt der Schachspieler dann zweischneidig. Zweischneidig ist auch die Situation, in der sich die österreichische Finanzlandschaft und ihr Ostgeschäft befinden. Früh, schnell und kaltblütig haben die heimischen Banken im Osten auf Angriff gespielt. Selbst ein »Nachzügler« wie die Erste Group, die erst vergleichsweise spät in das Ostgeschäft eingestiegen ist, hat sich in der Liga der europäischen Banken förmlich nach oben katapultiert. Bislang war das Engagement der Österreicher eine einzige Erfolgsgeschichte. Die Marktanteile, die man sich im Bankensektor erkämpft hat, sind für ein kleines Land wie die Alpenrepublik höchst bemerkenswert.
Und verdient wurde, dass die Schwarte kracht. Die Renditen im Ostgeschäft sind sinken zwar tendenziell seit einiger Zeit, waren aber über lange Jahre vergoldet. Skurrilerweise ist es gerade die hervorragende Position im Ostgeschäft, die jetzt zu Stirnrunzeln und Kopfzerbrechen führt. Die seit zwei Jahren schwelende Finanzkrise hat sich im Osten nicht wirklich dramatisch ausgewirkt. Diese Zeit hätte man noch als Normalisierung von Märkten und Margen, Abkühlung oder als Delle im Konjunkturzyklus abhaken können. Aber seit spätestens Mitte September 2008 ticken die Uhren anders. Die spektakuläre Pleite des US-Giganten Lehman Brothers war die Initialzündung für Turbulenzen, die mit der Wucht eines Tsunami über den Finanzsektor hereingebrochen sind. RZB-Vorstand Karl Sevelda nennt die Situation nur mehr »leicht verrückt«. Und den Verrücktheiten kann sich auch der Osten nicht entziehen. Der russische Ministerpräsident Wladimir Putin mag Recht haben, wenn er die Schuld an der Finanzkrise im Westen verortet. An den faktischen Gegebenheiten ändert das nichts.

Stunde der Warner
Die Krise hat auch den Osten erreicht und zwar in einem Ausmaß, das bedenkliche Formen annimmt. Jetzt schlägt die Stunde der Warner. Der Internationale Währungsfond (IWF) befürchtete erst kürzlich einen Abzug von Geldern aus Osteuropa, der für Österreich »verheerende Folgen« hätte. Der IWF mag als Zündler, der einige Finanzkrisen der Vergangenheit ganz kräftig mitverursacht hat, in der Reputation zwar etwas lädiert sein, diese Einschätzung ist aber nicht gänzlich von der Hand zu weisen. Kommt es wirklich zu einem totalen Desaster, sind die Österreicher dank des Ost-Engagements extrem exponiert. In der Region finanzieren die heimischen Institute derzeit Kredite im stolzen Ausmaß von 220 Milliarden Euro, eine Summe, die etwa 70 Prozent des Bruttoinlandsproduktes entspricht. Zum Vergleich: Belgien kommt als Nummer zwei nur auf einen BIP-Anteil von 26 Prozent. In den Kreis der Warner hat sich auch die österreichische Finanzmarktaufsicht, die ansonsten eher unauffällig und im Verborgenen agiert, eingereiht. Die FMA-Chefs forderten von der EU Finanzspritzen und Konjunkturpakete für die Ostländer ein – und befinden sich damit in guter Gesellschaft. Bereits im Dezember letzten Jahres wünschte sich Raiffeisen-International-Boss Herbert Stepic von der EU ein Bankenpaket, das im Fall des Falles den Systembanken unter die Arme greift.

Auch Bank-Austria-Chef Erich Hampel drängte auf der letzten »Euromoney«-Konferenz bereits auf einen koordinierten Hilfsplan für die Ostländer. Im ersten Impuls werden viele aufstöhnen: Wie viele Hilfs- und Bankenpakete soll es denn noch geben? Eine gewisse Sinnhaftigkeit ist dennoch nicht von der Hand zu weisen. Ein Argument wäre beispielsweise, dass die EU auch eine Solidargemeinschaft ist. Wenn Ungarn oder ein Baltenstaat untergeht, nützt das niemandem. Selbst eine Verschuldensfrage wäre irrelevant. Faktum ist, dass der Westen am Osten reichlich verdient hat und die wirtschaftliche Aufholjagd der vom Kommunismus befreiten Staaten maßgeblich die Wachstumsraten und Prosperität Europas gestützt hat. Dann müssten jedoch auch stringente Mechanismen implementiert werden, die zukünftige Amokläufe eines ausgeflippten Casino-Zockertums zuverlässig verhindern. Von einer »Marktwirtschaft ohne Adjektive« (Copyright: Václav Klaus), die dank Milton Friedman und seinen Chicago Boys im Osten als neue Ersatzreligion etabliert wurde, hieße es dann wohl konsequenterweise auch Abschied nehmen. Die Gretchenfrage bei einem koordinierten Osthilfspaket ist freilich, was das kostet und wer das bezahlen soll.

Gemischte Aussichten
Zumindest die Kostenfrage ist grob umrissen. Alleine ein Bankenhilfspaket würde laut Experten der UniCredit – berücksichtigt man Russland und die Ukraine – rund 400 Milliarden Euro verschlingen. Die Zahl mag stimmen oder auch nicht, aber sie verdeutlicht die Dimensionen. Aber wer würde sich für die allfällige Rettung in Brüssel in die Bresche werfen? Österreich sicher, Belgien und Italien möglicherweise auch. Aber Spanien? Oder England, das selbst bis zum Hals in hausgemachten Finanzproblemen steckt, gerade eine Budgetdefizit-Marke von zehn Prozent anvisiert und im Osten nicht wirklich massiv engagiert ist? Was wirklich kommen wird, gleicht dem Blick in eine Kristallkugel. SAP-Chef Leo Apotheker hat erst jüngst Prognosen für 2009 vorerst sistiert. Günter Geyer, Boss der Vienna Insurance Group, möchte sich im Detail auch nicht so recht festlegen. Wolfgang Niessner, als Chef des im Osten stark engagierten Logistikkonzerns Gebrüder Weiss, bemüht gleich Karl Valentin: »Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.«
Die Faktoren, die über Sieg oder Niederlage entscheiden, sind einfach zu komplex. Schon der »Osten« ist kein einheitlicher Wirtschaftsblock. Rumänien hat andere Probleme als Kroatien. Die Probleme Russlands und der besonders gebeutelten Ukraine sind wiederum anders gelagert. Die Hochschaubahn an den Rohstoffmärkten drückt auf beide Länder, die Finanzkrise wirkt sich in Kiew aber anders aus als in Moskau. In Moskau ist der Anteil an toxischen Wertpapieren eher gering und die Devisenreserven sind trotz Schrumpfung immer noch gewaltig. Die Ukraine ist überschwemmt mit Fremdwährungskrediten, die weiten Kreisen der Bevölkerung noch die letzte Kopeke aus der Tasche ziehen, und steht als Staat hart am Rande des Abgrunds. Wie schnell die Bombe für Europa tickt, zeigt  auch der jüngst eskalierte »Gaskrieg«. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch sind Weichenstellungen gefragt. Mit Spannung darf erwartet werden, ob Barack Obama wie seine Vorgänger Russland weiterhin in die Zange nimmt oder ob es tatsächlich einen »Change« geben wird. Ein Change, den auch Brüssel endlich dringend einfordern sollte. Moskau, Kiew, Berlin und Paris liegen näher beieinander als London und Washington. Eine nachhaltige Instabilität im Osten ist mit allen vernünftigen Mitteln zu verhindern. Die reine Kostenfrage ist da fast schon peripher.

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