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Energiemarkt im Dauerkrisenmodus
Die weltweiten Energiemärkte erleben eine Erschütterung nach der anderen. Planungssicherheit ist meilenweit entfernt. Gemeinsam mit Jank Weiler Operenyi Rechtsanwälte | Deloitte Legal und Navitasoft zeigt der Bau & Immobilien Report die Zerrissenheit der europäischen Energiepolitik, die Auswirkungen auf österreichische Unternehmen und mögliche Lösungsansätze.
Europa habe aus dem russischen Angriffskrieg 2022 gelernt – so das offizielle Narrativ. Das Jahr 2026 sieht anders aus: Wir erleben den zweiten Energiepreisschock binnen fünf Jahren. Nun ausgelöst durch den aktuellen Nahostkonflikt. Dieser trifft einen Markt, der sich bereits davor schon in einer »Schieflage« befunden hat. Bereits 2025 importierte die EU fossile Brennstoffe im Wert von 340 Milliarden Euro; Österreich allein gab 7,85 Milliarden Euro aus, überwiegend für Öl. Schon die ersten 52 Tage des Irankonflikts im Jahr 2026 kosteten zusätzliche 24 Milliarden Euro.
Dauerintervention statt Marktdisziplin
Was 2022 als Ausnahme begann, ist mittlerweile Normalzustand geworden. Kurzfristige Preiseingriffe, Subventionen, beihilferechtliche Sonderregeln – der europäische Energiemarkt funktioniert heute weniger als ein Markt, sondern mehr als politisch kuratiertes Notfallsystem mit angeschlossener Preisbildung. Dabei wirken manche Instrumente durchaus: Der REPowerEU-Plan senkte den Gasverbrauch zwischen August 2022 und März 2023 um 18 Prozent, und das Emissionshandelssystem sparte laut der Kommission jährlich rund 100 Milliarden Kubikmeter Gas. Doch die politische Uneinigkeit bleibt – die einen wollen tief in die Preisbildung eingreifen, die anderen warnen vor der Destabilisierung des Marktdesigns.
Österreich als Musterknabe mit Konstruktionsfehler
Rund drei Viertel des heimischen Stroms stammen aus erneuerbaren Energien, vor allem aus Wasserkraft; die Versorgung gilt derzeit als stabil. Und doch bedingt die Rechnung jedes Haushalts und Unternehmens der aktuelle Gaspreis. Österreich ist voll in den europäischen Markt integriert; der Großhandelspreis folgt der Merit Order. Springt bei Dunkelflaute Gas ein, bestimmt dessen Preis die Kosten der gesamten Zeiteinheit. Die Erwartung bleibt national: leistbare Preise; die Korrektur erfolgt über die Strompreisbremse, Netzkostenzuschüsse und Steuersenkungen. Das mildert zwar die »Symptome«, ändert jedoch nichts an der strukturellen Abhängigkeit Österreichs und Europas. Zusätzlich führte die Gasdiversifizierung zu einer weiteren Abhängigkeit: 2025 entfielen 26 Prozent der Importe auf die USA, weitere Quellen lieferten über die Straße von Hormus – exakt jene Engstelle, die der Konflikt bedroht, was weltweite Beeinträchtigungen nach sich zog.
Auswirkungen auf europäische/österreichische Unternehmen
Für europäische / österreichische Unternehmen ist die aktuelle Konfliktsituation unmittelbar über steigende und volatile Energiepreise markant spürbar. Dies erhöht die heimischen Produktionskosten und erschwert die Planungssicherheit, damit auch die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Unternehmen. Dies insbesondere im Vergleich zu Regionen mit günstigeren Energiepreisen bzw. stabileren Märkten wie den USA. Energieintensive Branchen (z. B. Stahl, Chemie, Papier, Zement) geraten unter starken Margendruck, wodurch zugleich ein Verlagerungsdruck, d. h. eine potenzielle Verlagerung der Betriebe außerhalb Österreichs bzw. Europas, zunimmt. Parallel führen die Konflikte zu Störungen globaler Lieferketten (etwa durch unsichere Transportwege und steigende Logistikkosten), was die Vertragserfüllung vor Ort erschwert und operative Risiken erhöht.
Mittelbar wirkt sich zusätzlich die steigende Inflation auf heimische Unternehmen aus: Sie dämpft die Kaufkraft und die Nachfrage, insbesondere nach Investitionsgütern. Dies belastet zusätzlich die Absatzseite.
Lösungsansätze für Unternehmen in der aktuellen Situation
Österreichische Unternehmen können der Krise vor allem durch Risikostreuung und strukturelle Anpassung begegnen: Zentral sind die Diversifikation und Optimierung der Energieversorgung (z. B. Effizienzmaßnahmen, Peak-Shaving, Demand Side Response, PPAs, Eigenproduktion), der Einsatz von Hedging-Instrumenten und flexiblen Vertragsklauseln zur Absicherung von Preisrisiken sowie die Stärkung resilienter Lieferketten (Dual Sourcing, Nearshoring). Gleichzeitig sind Energieeffizienz, Elektrifizierung und teilweise Standortdiversifizierung entscheidend, um Wettbewerbsnachteile zu begrenzen. Ergänzend sollten Unternehmen staatliche Unterstützungen nutzen und verstärkt auf Szenarioplanung setzen, um trotz hoher Unsicherheit Investitionen und Betrieb aufrechtzuerhalten.
Der Kurs stimmt – er muss befahren werden
Der Stromverbrauch steigt weiter, auch getrieben von den zunehmenden KI-Rechenzentren. Österreich hat mit Wasser- und Windkraft eine gute Ausgangsposition in Europa für eine künftige Importunabhängigkeit. Dennoch: Bis 2030 fehlen noch rund 30 TWh (dies entspricht der Produktion von ca. vier Zwentendorf-Reaktoren). Die Zukunft liegt in einem politischen und regulatorischen Zusammenspiel: Forcierung des Ausbaus von Erneuerbaren, der Netzinfrastruktur und der Speicher, flankiert von Fixpreisverträgen und staatlich gestützten Preisstabilisierungsmechanismen. Das schafft Kalkulierbarkeit für Konsumenten und Betriebe – und eine neue, langfristig wirksame Verantwortung für den Staat.
Zusammengefasst: Das aktuelle Energiedilemma, die Reaktion der Politik und mögliche Lösungsvorschläge
Die aktuelle Situation: Bereits der Ukraine-Krieg hat die EU gezwungen, ihre Importabhängigkeit von fossilen Energieträgern drastisch zu reduzieren. Neben dem russischen Angriffskrieg treibt auch der aktuelle Nahostkonflikt die Energiekosten in die Höhe.
Das Problem: Die kriegsbedingten Spannungen im Nahen Osten und die volatilen Störungen der Straße von Hormus haben die Importkosten für fossile Energieträger in der EU massiv in die Höhe schnellen lassen.
Die Reaktion der EU: Das EU Maßnahmenpaket »AccelerateEU« soll kurzfristig hohe Energiepreise für Unternehmen und Haushalte abfedern und zugleich die Versorgungssicherheit durch stärkere Koordination und Krisenmechanismen verbessern. Es soll die Abhängigkeit von fossilen Importen durch Elektrifizierung, Ausbau erneuerbarer Energien und Modernisierung der Netzinfrastruktur abfedern.
Auswirkungen auf öst. Unternehmen: Höhere und volatilere Kosten, sinkende Wettbewerbsfähigkeit sowie steigende Risiken in Lieferketten und Investitionsentscheidungen, was auch Planungsunsicherheiten bedingt. Steigende Inflation bewirkt schwächere Nachfrage und wachsenden Verlagerungsdruck in marktstabilere Länder.
Mögliche Lösungsansätze: Diversifikation der Energieversorgung, Eigenproduktion und vertragliche Absicherung (z. B. Hedging, flexible Klauseln, Effizienzmaßnahmen, Peak-Shaving, Demand-Side-Response), um Preis- und Versorgungsrisiken zu reduzieren. Resiliente Lieferketten, Effizienzmaßnahmen sowie strategische Standort- und Investitionsentscheidungen, um Wettbewerbsfähigkeit und Planungssicherheit trotz hoher Marktunsicherheit aufrechtzuerhalten.
Über die Autorinnen
Ing. Mag. Christoph Malzer ist Sales Operations Manager bei Navitasoft. Mag. Sandra Kasper ist Rechtsanwältin und Leiterin des Fachbereichs Umweltrecht bei Jank Weiler Operenyi Rechtsanwälte – Deloitte Legal Österreich. www.navitasoft.com www.jankweiler.at
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