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Für viele Leben möglich machen
Von der gesetzlichen Pflicht zum unternehmerischen Wettbewerbsvorteil: Digitale Barrierefreiheit.
Seit 2025 ist das Barrierefreiheitsgesetz (BaFG) für Banken, den Handel, die Industrie und alle Anbieter digitaler Services in Kraft. Doch weit über die rein rechtliche Verpflichtung hinaus entwickelt sich die digitale Barrierefreiheit zu einem zentralen Zukunftsthema für den Wirtschaftsstandort. Ziel ist es, digitale Inhalte so zu gestalten, dass sie von allen Menschen – unabhängig von Alter oder Einschränkungen – selbstbestimmt und gleichberechtigt genutzt werden können.
Digitale Barrierefreiheit schafft nicht nur rechtliche Sicherheit, sondern inkludiert, verbessert die Benutzerfreundlichkeit, erschließt neue Zielgruppen und stärkt digitale Strategien. Für Laurenz Miller, Lead Accessibility bei MyAbility, sind etwa bessere Kontraste für die Lesbarkeit, klare Passwortanforderungen oder automatische Untertitel bei Videos die Grundlage für »ein besseres Nutzungserlebnis für alle Menschen«.
MyAbility berät dazu Unternehmen und Organisationen und erstellt auch Leitfäden für barrierefreie Produkte im digitalen Raum. Denn die Akzeptanz von Services und damit ihr Erfolg hänge von ihrer Zugänglichkeit und Verständlichkeit ab, so Miller. Auf welches Missverständnis trifft er besonders häufig? »Barrierefreiheit verursacht, wenn sie von Anfang an mitgedacht wird, keineswegs zwingend einen Mehraufwand«, stellt der Experte richtig.
Auch Albors Askari, technischer Leiter bei MP2 IT-Solutions, betont: »Das Nachbearbeiten, das Korrigieren, ist immer teurer.« Technik und Usability sollten ganzheitlich betrachtet werden. Askari warnt, dass aufpoppende Cookie-Consent-Fenster und Swipe-Funktionen große Hürden für Screenreader darstellen. Unternehmen sind beim Aufbau von Know-how in diesem Bereich – Stichwort »sauberer Code« – allerdings auf sich allein gestellt. In der Ausbildung kommt quer durch die Disziplinen das Thema Barrierefreiheit praktisch nicht vor, weder in der Informatik noch im Architekturstudium. Askari verweist auf zahlreiche Tools, Standards und Zertifikate, mit denen Websites durchleuchtet, verbessert und öffentlichkeitswirksam beworben werden können.
Julia Kruselburger, CEO von Independo: »Für manche Menschen machen Technologien das Leben leichter – für andere machen sie Leben erst möglich.« Sie betont, dass die KI-Welle nebst Vorteilen auch neue Hürden bringe. Prompting bei KI-Tools wie ChatGPT ist noch nicht in Symbolsprachen möglich – eine Kommunikationsform, die Menschen mit eingeschränkten sprachlichen Fähigkeiten nutzen.
Aus betriebswirtschaftlicher Sicht gilt Barrierefreiheit als ein Hebel für den Unternehmenserfolg. »Nur digitale Services, die wirklich benutzerfreundlich sind, bringen langfristig Umsatz«, ist auch Martin Sprengseis-Kogler, Managing Partner des App-Entwicklers bluesource, überzeugt. Smart umgesetzte Barrierefreiheit sei kein Kostenfaktor, sondern ein Investment in bessere Produkte.
Dass die Umsetzung in der Praxis noch hinkt, zeigt eine aktuelle Studie von bluesource vom Mai 2026. Bei der Untersuchung von Banking-Apps von bank99, Revolut und Trade Republic erfüllte keine Anwendung die erforderlichen WCAG-AA-Standards vollständig. Häufige Schwachstellen sind mangelhafte Farbkontraste, fehlende Schriftgrößenanpassung (Dynamic Type) und inkonsistente Fehlermeldungen in Formularen.
Tipps: Werkzeuge
Accessibility Insights für Windows und Web https://accessibilityinsights.io/
Axe DevTools (Browser Plugin für Testing) und WAVE (Browser Plugin) https://wave.webaim.org/
Screenreader NVDA https://www.nvaccess.org/
Mobile mit VoiceOver (iOS), Talkback (Android)
Schritt für Schritt zur digitalen Barrierefreiheit

Bild: Albors Askari und Sabine Paukner setzen barrierefreie Web- und Softwareprojekte um.
Damit digitale Barrierefreiheit gelingt, sollte sie von der ersten Idee bis zur technischen Wartung als zentrales Projektziel verankert werden. Praxistipps für Umsetzungen von Albors Askari und Sabine Paukner, MP2 IT-Solutions:
Projektziel
Barrierefreiheit sollte kein nachträgliches »Add-on« sein, da technisches Nachbessern oft teurer ist und Neuentwicklungen von Funktionen erfordern kann.
Workshops
Alle Teammitglieder – von der Konzeption über das Design bis zur Programmierung und Redaktion – müssen an einem Strang ziehen. Workshops helfen, gemeinsame Ziele zu definieren und wichtige Schnittstellen zu erkennen.
Personas
Erstellen Sie Zielgruppenanalysen und fiktive Charaktere (Personas), um individuelle Bedürfnisse besser zu verstehen. Berücksichtigen Sie dabei auch ältere Nutzer, die oft Unterstützung bei digitalen Medien benötigen.
UX priorisieren
Barrierefreiheit bedeutet gute UX. Vermeiden Sie frustrierende Erlebnisse durch intuitive Führung. Achten Sie auf Mindestgrößen bei Bedienelementen, Alt-Texte für Bilder und eine gute Lesbarkeit von Schriften.
Klare Formulare
Vermeiden Sie Frust bei der Dateneingabe. Geben Sie Anforderungen (z. B. benötigte Sonderzeichen bei Passwörtern) von Anfang an klar an, anstatt erst im Nachhinein Fehlermeldungen anzuzeigen.
Standards
Ein sauberer Code ist die technische Basis. Nutzen Sie bei Apps native UI-Komponenten des Betriebssystems, da diese optimal mit integrierten Bedienhilfen wie VoiceOver (iOS) oder TalkBack (Android) zusammenarbeiten.
KI nutzen
Generative KI kann helfen, Texte auf Lesbarkeit zu prüfen, sie einfacher verständlich zu machen oder nötige Textergänzungen für Screenreader vorzuschlagen.
Nutzertests
Automatisierte Tools decken nur etwa 30 bis 40 Prozent der Fehler ab. Testen Sie Funktionen und Formulare daher unbedingt manuell und idealerweise direkt mit betroffenen Personen.
Erklärung integrieren
Jede Website benötigt eine aktuelle Barrierefreiheitserklärung – meist in der Fußzeile –, um rechtliche Anforderungen zu erfüllen.
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