Donnerstag, Juli 23, 2026

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Über Veränderungen in der SAP-Welt aus Sicht der Qualitätssicherung spricht Viktoria Praschl, Head of SAP EMEA Business bei Tricentis.

Viktoria Praschl von Tricentis
Viktoria Praschl leitet den SAP-Bereich bei Tricentis.

Wie nehmen Sie die aktuelle Lage der Unternehmen wahr, die vor der Umstellung ihrer SAP-Systeme stehen – oder bereits mittendrin sind?

Viktoria Praschl: Die Situation ist für viele ein Großprojekt, eine riesige Transformation. Die meisten arbeiten noch klassisch mit SAP ECC (Anm. ERP Central Component), also On-Prem-Software. SAP verfolgt aber klar eine Cloud-first-Strategie und treibt den Umstieg auf Cloud-basierte Systeme aktiv voran. Zeitlich untermauert wird das durch einen klaren Rahmen: Die reguläre Mainstream Maintenance für SAP ECC beziehungsweise SAP Business Suite 7 endet Ende 2027, eine optionale Extended Maintenance ist gegen Aufpreis nur noch bis Ende 2030 möglich. In den Firmen betrifft das in der Regel Kernsysteme, die gesamte Finanz, also absolut unternehmenskritische Prozesse. Da darf natürlich nichts schiefgehen. Während einige Großunternehmen hier Projektpläne von zehn bis 15 Jahren haben, werden im Mittelstand für den Wechsel rund drei bis fünf Jahre einberechnet. Manche sind schon mittendrin, andere planen erst, wie diese Transformation überhaupt ausschauen soll.

Für den Weg in die Wolke gibt es unterschiedliche Ansätze. Was haben die Strategien aus Ihrer Sicht gemein?

Praschl: In der Regel gibt es für Unternehmen drei Möglichkeiten. Mit einem Greenfield-Projekt werden Systeme auf der grünen Wiese komplett neu gebaut – das ist sehr kostenintensiv. Der zweite Weg ist Brownfield, ein Mix, den die meisten wählen. Man nimmt Daten und Logik mit, gestaltet aber einige Prozesse komplett neu. Die dritte Möglichkeit ist „Lift and Shift“, bei dem die Hardware und Infrastruktur in die Cloud bewegt werden, die Businesslogik zunächst aber so belassen wird, wie sie ist. Aber egal, welchen Weg man wählt, am Ende muss alles qualitätsgesichert werden.

Sie sagen, die Cloud verändert die Qualitätssicherung von Software und Prozessen grundlegend. Warum?

Praschl: Der Betrieb von Software war früher sehr gut planbar. Es gab vielleicht alle drei Jahre ein großes Update, bei dem der Aspekt der Qualitätssicherung einfach mitgeplant wurde. In der Cloud aber verändert sich das massiv, mit Updates und Softwareänderungen im Quartalstakt oder sogar öfter. Das erhöht den Aufwand, man muss ständig sicherstellen: Was hat sich verändert? Was muss ich testen? Hier helfen wir mit unseren Automatisierungswerkzeugen, mit denen etwa auch die Businesslogik in der Software und in den Prozessen geprüft und sichergestellt wird.

Wie ist in Zeiten der Ressourcenknappheit nun auch die erhöhte Schlagzahl in der Quality Assurance bewältigbar, ohne den Fachbereich zu überfordern?

Praschl: Das ist ein sehr valider Punkt. Der Fachbereich hat bereits sehr viel zu tun. Wenn durch die Transformation zusätzliche Tools, Prozesse und Testanforderungen entstehen, muss man sehr genau überlegen, wie man den Aufwand reduziert und nicht noch weiter erhöht. Genau hier setzt die Agent-led Toolchain von SAP an – vormals Integrated Toolchain. Die Idee ist, die verschiedenen SAP-Transformationswerkzeuge wie Signavio, LeanIX, Cloud ALM und Tricentis stärker miteinander zu verbinden und über AI Agents einzelne Schritte in der Analyse, Planung, Qualitätssicherung und Governance zu unterstützen. Das reduziert manuelle Aufwände, beschleunigt Testzyklen und verkürzt Projektlaufzeiten potenziell. Tricentis bringt hier die Quality-Engineering- und Testautomatisierungsperspektive ein. So lässt sich zum Beispiel besser erkennen, welche Prozesse wirklich kritisch sind, welche Systeme man harmonisieren kann und wo automatisierte Tests den Fachbereich entlasten. Das passt auch sehr gut zum Clean-Core-Gedanken von SAP: Systeme möglichst nah am Standard halten, unnötige Komplexität reduzieren und Innovationen schneller sowie risikoärmer einführen.

Was können bei der SAP-Umstellung auch kleine Unternehmen von den Großen lernen?

Praschl: Kleine Unternehmen können vor allem lernen, dass eine SAP-Transformation kein reines IT-Projekt ist, sondern ein Business-Transformationsprogramm. Entscheidend ist, früh Klarheit zu schaffen: Welche Prozesse sind wirklich geschäftskritisch? Wo wollen wir standardisieren? Und welche Individualisierungen brauchen wir in Zukunft tatsächlich noch? Gerade mit Blick auf Public-Cloud-Szenarien wird Standardisierung immer wichtiger, weil Unternehmen stärker nach dem Fit-to-Standard-Prinzip arbeiten und ihre Systeme näher am SAP-Standard halten müssen. Große Unternehmen setzen solche Programme oft sehr strukturiert mit klaren Phasen, Verantwortlichkeiten, KPIs und Governance-Modellen auf. Das lässt sich auch auf kleinere Organisationen übertragen – nur schlanker. Wir nutzen zum Beispiel das SAP Activate Framework, um aufzuzeigen, in welcher Phase welche Art von Quality Assurance notwendig ist. Wichtig ist, Qualitätssicherung nicht erst kurz vor dem Go-live einzuplanen, sondern von Anfang an als festen Bestandteil der Transformation.