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Viel verwertet, noch wenig im Kreis
Eine von Strabag beauftragte Studie der TU Wien zeigt, wo Österreichs Bauwirtschaft Materialkreisläufe besser schließen könnte. Große Potenziale liegen im Bodenaushub, in der Wiederverwendung tragender Bauteile und im längeren Erhalt von Bauwerken. Die Wirtschaftlichkeit hängt allerdings von Planung, Nachweisen und der Betrachtung des gesamten Lebenszyklus ab.
Betonabbruch wird zu Tragschichtmaterial, ausgebauter Asphalt wandert zurück in die Mischanlage: Recycling ist in der Bauwirtschaft längst etabliert. Doch eine hohe Verwertungsquote allein sagt wenig darüber aus, wie gut ein Materialkreislauf tatsächlich geschlossen ist. Entscheidend ist, welche Qualität erhalten bleibt und welche Primärrohstoffe das aufbereitete Material ersetzen kann. Genau hier setzt die Potenzialstudie »Kreislaufwirtschaft im Bauwesen« an, die die TU Wien unter wissenschaftlicher Leitung von Iva Kovacic und Helmut Rechberger im Auftrag von Strabag erstellt hat.
Ökologischer Nutzen und Kosten im schnellen Überblick
Der größte Abfallstrom
Besonders deutlich wird die Lücke zwischen Möglichkeit und Praxis beim Bodenaushub. Für 2024 weist die Studie rund 38 Millionen Tonnen aus. Davon wurden 21,4 Prozent stofflich verwertet und 59,6 Prozent deponiert. Die verbleibende Differenz erklärt sich unter anderem durch Lagerveränderungen und Verschiebungen zwischen Abfallkategorien; sie ist kein eigener Entsorgungsweg. Laut einer in der Studie zitierten Einschätzung des Verbands Österreichischer Entsorgungsbetriebe wären rund 90 Prozent grundsätzlich wiederverwertbar. Das ist ein technisches Potenzial, keine wirtschaftlich abgesicherte Zielquote.
Denn Aufbereitung und Transport müssen sich rechnen. Material aus heterogenen Böden kann aufwendig zu behandeln sein, und in abgelegenen Regionen erschweren die Transportkosten eine Nutzung. Auch der geringe Materialwert und rechtliche Rahmenbedingungen wirken als Hemmnisse. Selbst der verwertete Aushub ersetzt nur selten hochwertige Baustoffe: 2024 gingen rund 83 Prozent der stofflich verwerteten Menge in Untergrundverfüllungen. Neue Verwertungswege und praxistaugliche Qualitätskriterien könnten hier einen Unterschied machen.
Technik braucht Nachfrage
Strabag-CEO Stefan Kratochwill sieht im Wandel eine Geschäftschance. »Ein innovatives Unternehmen kann mit neuen Geschäftsmodellen Geld verdienen«, sagt er im Gespräch mit dem Bau & Immobilien Report. Strabag könne mit eigener Materialproduktion und Rückbaukompetenz große Teile des Kreislaufs abdecken. Als Beispiel nennt er Asphaltmischanlagen, mit denen nach seiner Aussage Recyclinganteile von bis zu 95 Prozent möglich seien.
Die dafür notwendige Anlagentechnik erfordert allerdings Investitionen. Damit sie sich auszahlt, brauche es Ausschreibungen mit klaren Recyclinganforderungen und verlässlichen Einsatzmöglichkeiten. Unterschiedliche Vorgaben einzelner Auftraggeber erschweren aus seiner Sicht eine breite Umsetzung. Die Studie empfiehlt deshalb materialspezifische, realistische Mindestquoten für Recycling und Re-Use in der öffentlichen Beschaffung. Sie sollen Nachfrage und Investitionssicherheit schaffen.

Bild: »Kreislaufwirtschaft scheitert oft an fehlender Weitsicht. Die Politik ist gewohnt, in Legislaturperioden zu denken«, sagt Strabag-CEO Stefan Kratochwill.
Bauteile brauchen ein zweites Leben
Noch wenig systematisch genutzt wird die Wiederverwendung ganzer Bauteile. Einen großen Hebel sehen die Forschenden bei Primärkonstruktionen und tragenden Elementen: Hier liegen erhebliche Materialmassen und bereits verursachte Herstellungsemissionen. Im Schweizer Beispielprojekt Kopfhalle 118 konnten durch wiederverwendete Stahlträger 91 Prozent der damit verbundenen Treibhausgasemissionen vermieden werden.
Die praktische Hürde liegt häufig im Nachweis. Tragfähigkeit, Brandschutz, Schadstofffreiheit und Dauerhaftigkeit müssen gesichert sein. Nicht standardisierte Prüf- und Rezertifizierungsprozesse kosten Zeit und Geld. Wiederverwendete Stahlträger können laut Studie im Einkauf bis zu 20 Prozent günstiger sein; der zusätzliche Aufwand kann diesen Vorteil jedoch aufzehren. Hinzu kommen Lagerung, Transport und die Abstimmung zwischen dem Zeitpunkt des Rückbaus und dem Bedarf im neuen Projekt.
Ökologischer Gewinn mit Mehrkosten
Die Kostenanalyse liefert ein differenziertes Bild. Für zehn realitätsnahe BIM-Gebäudemodelle vergleicht die TU Wien konventionelle mit ökologisch optimierten Varianten. Im Durchschnitt steigen die Bauwerkskosten je Quadratmeter Bruttogeschoßfläche um 16,6 Prozent, die berechneten Lebenszykluskosten um 6,6 Prozent. Gleichzeitig sinken die flächen- und jahresbezogenen grauen Emissionen um 85,8 Prozent und die Abfallmasse je Quadratmeter über den betrachteten Zeitraum um 33,1 Prozent.
Diese Ergebnisse sind keine pauschale Kostenprognose. Die Lebenszykluskosten werden über 50 Jahre berechnet, die ökologische Langzeitbetrachtung über 100 Jahre. Betriebskosten bleiben in der Kostenrechnung ebenso unberücksichtigt wie Rückbaukosten und mögliche Materialrestwerte. Drei zusätzlich herangezogene fiktive Literaturbeispiele zeigen hingegen niedrigere Lebenszykluskosten für recyclinggerechte Konstruktionen; sie beziehen Rückbau und Entsorgung ein. Die Berechnungsgrenzen unterscheiden sich somit wesentlich.
Früher planen und länger erhalten
Kratochwill fordert deshalb einen längeren Betrachtungshorizont. Wer an der Instandhaltung spart, riskiert einen früheren Ersatz des Bauwerks. Regelmäßige Erhaltung könne etwa die Nutzungsdauer von Straßen verlängern und Materialbedarf vermeiden. Ebenso wichtig sei die frühe Einbindung ausführender Unternehmen: Sobald die Ausschreibung feststeht, bleibe oft nur wenig Spielraum für andere Lösungen.
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