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Mehr bauen alleine reicht nicht
Mit dem Bautensprecher der SPÖ, Paul Stich, hat der Bau & Immobilien Report über seine Ansätze zur Ankurbelung der Bauwirtschaft gesprochen, über effiziente Wege zu günstigem Kapital, die Wohnbau- und andere Förderungen und das heikle Thema Mietrecht. Spoiler: Ein Bonus-Malus-System für Vermieter kann er sich vorstellen.
Bild: Eine Wiederbelebung der Wohnbauinvestitionsbank sieht Paul Stich skeptisch. »Heute gibt es effizientere Wege zu günstigem Kapital, etwa über die Europäische Investitionsbank.« Er nimmt aber auch die österreichischen Geschäftsbanken in die Pflicht.
Paul Stich ist Jahrgang 1998 und damit aktuell der jüngste Nationalratsabgeordnete der SPÖ. Nach der überraschenden Ernennung von Elke Hanel-Torsch zur Wiener Wohnbaustadträtin übernahm er im April 2026 von ihr die Funktion des Wohnbau- und Bautensprechers. Stich kommt aus Wien-Floridsdorf und ist leidenschaftlicher Rapid-Fan. Seinen Zivildienst leistete er beim SOS-Kinderdorf, danach arbeitete er unter anderem als Museumsmitarbeiter im Karl-Marx-Hof und absolvierte ein Bachelorstudium für das Lehramt Deutsch und Geschichte. Von 2020 bis 2025 war er Vorsitzender der Sozialistischen Jugend Österreich, seit 2024 sitzt er im Nationalrat. Der Bau & Immobilien Report hat Paul Stich im SPÖ-Parlamentsklub besucht, um mit ihm über die prekäre Lage der Bauwirtschaft und seine Lösungsansätze zu sprechen.
Auch wenn Stich die Funktion des Bautensprechers noch nicht lange bekleidet, ist er sehr gut in die Materie eingearbeitet. Sein Fokus liegt klar auf dem Thema Wohnbau, naturgemäß sieht er sich eher als Anwalt der Mieter:innen. Die schwierige Lage vieler Unternehmen aus der Branche ist ihm aber bewusst und nimmt er sehr ernst. Sorgen bereiten ihm die niedrigen Genehmigungszahlen. Die durch die Nullzinspolitik geprägten Boomjahre seien aber kein Normalzustand gewesen. Neue Bautätigkeit müsse mehr leisten als zusätzliche Aufträge. »Es geht nicht nur darum, mehr zu bauen, sondern auch um die Frage, wie und was gebaut wird«, sagt Stich und meint damit vor allem den sozialen und gemeinnützigen Wohnbau.
Billiges Geld und zweckgebundene Mittel
Als zentrale Hebel nennt Stich langfristig günstige Finanzierung, die Entwicklung geeigneter Flächen und öffentliche Investitionen. Er unterstützt Überlegungen, nachhaltige Investitionen von den europäischen Fiskalregeln auszunehmen. Wer heute nicht in langfristig leistbare Wohnungen investiere, werde auch in zehn oder zwanzig Jahren Probleme haben. Eine Wiederbelebung der Wohnbauinvestitionsbank sieht er skeptisch. Heute gebe es effizientere Wege zu günstigem Kapital, etwa über die Europäische Investitionsbank. Zugleich nimmt er die österreichischen Geschäftsbanken in die Pflicht. »Wenn sie an einer starken heimischen Wirtschaft interessiert seien, sollten sie auch langfristig leistbare Kredite ermöglichen«, sagt Stich. Klar ist seine Haltung zur Zweckbindung der Wohnbauförderung. Es sei nicht nachvollziehbar, warum Gelder für Wohnbauförderung nicht für Wohnbau verwendet würden.
Die Wiedereinführung sei im Regierungsprogramm verankert, die notwendigen Regelungen sieht er im nächsten Finanzausgleich. Dass sich die Länder gegen Einschränkungen ihrer finanziellen Spielräume wehren könnten, ist ihm bewusst. Es brauche Überzeugungsarbeit über Parteigrenzen hinweg. Wohnbaugelder dürften nicht zum Stopfen kurzfristiger Finanzlöcher dienen. Auch eine Baustrategie nach dem Vorbild der Industriestrategie unterstützt Stich. Eine konkrete Ausgestaltung ist aber noch offen.
Sanierung braucht verbindliche Ziele
Bei der Sanierung setzt Stich neben Förderungen stärker auf Vorgaben. Er spricht sich für verbindliche Ziele aus, bis wann Gebäude dekarbonisiert sein müssen. Das solle Eigentümern Planungssicherheit geben und Investitionen auslösen. Wer sich die Umstellung nicht leisten könne, brauche finanzielle Unterstützung. Denkbar seien auch degressive Förderungen: Je früher eine Maßnahme umgesetzt wird, desto höher fällt die Unterstützung aus. Den Unmut über das plötzliche Ende einer Förderschiene für thermische Sanierung im Februar dieses Jahres kann er verstehen. Er verweist aber auf die neuen Mittel und die getrennten Fördertöpfe für die thermische Sanierung und den Heizungstausch im Doppelbudget 2027/28.
Zuschläge sind verhandelbar
Das Mietrecht gilt der SPÖ bekanntlich als heilige Kuh, eine Lokerung als No-Go. Gilt das auch nach erfolgter Sanierung, die in der Regel die Vermieter*innen zahlen, während die Mieter*innen davon profitieren? »Ich bin dagegen, dass wir Hitzeschutz, Dekarbonisierung, Effizienz, Klimaneutralität und leistbare Mieten gegeneinander ausspielen«, sagt Stich. Für begrenzte Anpassungen zeigt er sich dennoch offen. Im regulierten Bereich könne es bei Sanierungen bestimmte Zuschläge geben. Positiv hebt Stich die Sanierungsaktivitäten der Gemeinnützigen hervor. Den Einwurf, dass private Vermieter:innen nicht gemeinnützig arbeiten können, sondern gewinnorientiert denken müssen, kontert er: »Eigentum bringt auch Pflichten mit sich.« Ein Bonus-Malus-System mit Anreizen für Sanierende und Nachteilen für jene, die nicht handeln, sei aber vorstellbar.
Regulieren und tatsächlich bauen
Den Einwand, Mietbegrenzungen könnten Neubauinvestitionen bremsen, weist Stich mit Blick auf den regulierten Bestand und die Gemeinnützigen zurück. Dort sieht er andere Ursachen für die Probleme, vor allem hohe Grundstückskosten. Deshalb sollten Kommunen Flächen leichter mobilisieren und selbst Projekte entwickeln können. Stich nennt das Bodenbeschaffungsgesetz und die Wiener Widmungskategorie für geförderten Wohnbau als Ansätze. Der Zugang müsse aber aus zwei Teilen bestehen: Regulierung und tatsächliche öffentliche beziehungsweise gemeinnützige Bautätigkeit. Mit Regulierung allein lasse sich noch kein leistbarer Wohnraum schaffen.
Stich bezweifelt, dass mehr Angebot automatisch niedrigere Mieten bringt. Entscheidend sei der Anteil leistbarer Wohnungen. Die derzeitigen Fertigstellungszahlen machen ihm angesichts des Stadtwachstums dennoch Sorgen. »Wien darf nicht Berlin werden«, warnt er vor einem angespannten Wohnungsmarkt und politischem Vertrauensverlust. Auch das Wiener Modell müsse weiterentwickelt werden, etwa beim Umgang mit Kurzzeitvermietung und Leerstand. Wohnraum solle zum Wohnen dienen, nicht zur Spekulation.
Einfacher bauen ohne Qualitätsverlust
Bei Genehmigungsverfahren unterstützt Stich Vereinfachungen und eine Abwicklung aus einer Hand. Er räumt ein, selbst kein Experte für Baugenehmigungen zu sein, hält das Weiterreichen zwischen verschiedenen Stellen aber für wenig sinnvoll.
Zur Debatte um den Gebäudetyp E fällt seine Antwort zurückhaltender aus. Überschießende Regulierung müsse überprüft werden. Niedrige Baukosten dürften aber nicht durch schlechte Wohnqualität erkauft werden. Mehr Potenzial sieht er in modularen Bausystemen, die aktuell auch von Unternehmen wie Strabag, Porr oder Leyrer + Graf entwickelt werden. Diese könnten Wohnungen günstiger machen und gleichzeitig Qualität sichern.
Als nächste Schwerpunkte seiner politischen Tätigkeit nennt er ein sozial verträgliches Dekarbonisierungspaket und ausreichend Neubau im leistbaren Segment. Was angesichts knapper Budgets und unterschiedlicher Ideologien in der Dreierkoalition umgesetzt werden kann, wird die Zukunft zeigen.
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