Dienstag, Juli 21, 2026

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Österreichs Bauwirtschaft gilt als Produktivitätsschlusslicht Europas. Doch die eigentliche Schwäche liegt möglicherweise nicht auf der Baustelle, sondern in der Art, wie die Branche Produktivität definiert und misst. Eine neue Metastudie der Zukunftsagentur Bau und der Universität Innsbruck stellt vermeintliche Gewissheiten infrage – und liefert gleichzeitig Hinweise darauf, wo die größten Hebel für Verbesserungen liegen.

Illustration Arbeiter am Bau
Bild: iStock

Seit Jahrzehnten begleitet die Bauwirtschaft der Vorwurf mangelnder Produktivität. Während Industrieunternehmen ihre Leistung kontinuierlich steigern konnten, scheint die Produktivität auf Baustellen zu stagnieren oder sogar zurückzugehen. Die neue Metastudie »Grundlagen zur Produktivitätsanalyse in der Bauwirtschaft« der Zukunftsagentur Bau (ZAB) und der Universität Innsbruck bestätigt diesen Befund zunächst scheinbar eindeutig: Im internationalen Vergleich bleibt die Bauwirtschaft deutlich hinter anderen Wirtschaftssektoren zurück. Doch die Autoren gehen einen entscheidenden Schritt weiter. Das eigentliche Problem sei nicht der Mangel an Daten, sondern die fehlende Einigkeit darüber, was Produktivität überhaupt bedeutet. Unterschiedliche Definitionen von Output und Input, unterschiedliche Betrachtungsebenen und unterschiedliche Kennzahlen würden dazu führen, dass oft völlig unterschiedliche Sachverhalte miteinander verglichen werden.

Österreich ist Europas Schlusslicht
Besonders ernüchternd fällt der Blick auf Österreich aus. Laut einem internationalen Vergleich des Instituts der deutschen Wirtschaft verzeichnete die heimische Bauwirtschaft zwischen 2005 und 2023 einen durchschnittlichen Rückgang der Arbeitsproduktivität von 3,1 Prozent pro Jahr. Damit liegt Österreich auf dem letzten Platz der untersuchten Volkswirtschaften und deutlich hinter dem EU-Durchschnitt von minus 0,7 Prozent jährlich. Die Studie warnt allerdings ausdrücklich davor, diese Zahlen als Beweis mangelnder Leistungsfähigkeit der Beschäftigten zu interpretieren. Gerade in konjunkturellen Schwächephasen halten viele Unternehmen ihre Mitarbeiter trotz sinkender Auftragslage bewusst im Unternehmen, um bei einer späteren Erholung über ausreichend Fachkräfte zu verfügen. Rechnerisch sinkt dadurch die Produktivität, obwohl die tatsächliche Leistungsfähigkeit unverändert bleibt.

Rezession verzerrt die Statistik
Gerade Österreich ist hierfür ein Paradebeispiel. Die Branche befindet sich seit 2021 in einer anhaltenden Rezession. Die reale Bruttowertschöpfung ging vier Jahre in Folge zurück, die Bauinvestitionen sanken kontinuierlich und der Wohnbau brach infolge steigender Zinsen und der KIM-Verordnung massiv ein. Gleichzeitig hielten viele Unternehmen ihre Belegschaften weitgehend stabil. Das Ergebnis: Die Produktivitätskennzahlen verschlechterten sich dramatisch.

Das Missverständnis der Bauwirtschaft
Die Studie identifiziert einen weiteren zentralen Fehler: In der öffentlichen Diskussion werden häufig Bauvolumen, Umsätze oder Beschäftigtenzahlen als Produktivitätsindikatoren interpretiert. Tatsächlich sagen diese Kennzahlen jedoch lediglich etwas über die Aktivität einer Branche aus, nicht über deren Effizienz.
Eine steigende Bauleistung bedeutet nicht automatisch höhere Produktivität. Wenn gleichzeitig mehr Personal, mehr Maschinen und mehr Material eingesetzt werden müssen, kann die Produktivität sogar sinken. Noch komplizierter wird die Situation durch die Besonderheiten des Bauens selbst. Jedes Projekt ist ein Unikat, jede Baustelle hat andere Rahmenbedingungen, und anders als in der Industrie existiert keine oder kaum eine standardisierte Serienproduktion. Ein direkter Vergleich zwischen Projekten ist deshalb nur eingeschränkt möglich.

Europa misst kaum
Besonders überraschend ist ein Ergebnis der internationalen RICS-Erhebung. Nur 29 Prozent der Unternehmen messen ihre Produktivität überhaupt regelmäßig und quartalsweise. Mehr als ein Viertel der Unternehmen führt überhaupt keine oder keine regelmäßigen Produktivitätsmessungen durch. Europa schneidet dabei weltweit am schlechtesten ab – noch hinter Nordamerika, Asien oder dem Nahen Osten. Die Konsequenz ist laut Studie offensichtlich: »Wer nicht misst, kann auch nicht steuern.«

Die größten Produktivitätskiller
Über die Ursachen herrscht dagegen erstaunlich große Einigkeit. Internationale Studien nennen immer wieder dieselben Faktoren: Bürokratie und Regulierung, Fachkräftemangel, schlechte Projektkoordination, unvollständige Planungsunterlagen sowie fehlende Digitalisierung. Gerade die Trennung von Planung und Ausführung wird im deutschsprachigen Raum zunehmend kritisch gesehen. Länder mit stärker integrierten Projektmodellen und mehr Early Contractor Involvement schneiden im internationalen Vergleich häufig besser ab.

Die größten Hebel
Auch bei den wichtigsten Produktivitätstreibern ist man sich weitgehend einig. Dazu zählen die Qualifizierung der Mitarbeiter, Digitalisierung und Datennutzung, Vorfertigung und Industrialisierung, bessere Beschaffung und Lieferketten sowie die integrierte Projektabwicklung. Besonders die Vorfertigung gewinnt international massiv an Bedeutung. In einer US-Studie erwarten Unternehmen, den Anteil vorgefertigter Leistungen innerhalb von fünf Jahren von 16 auf 34 Prozent der handwerklichen Arbeitsstunden zu steigern.

Direkte und indirekte Produktivität
Die vielleicht interessanteste Erkenntnis der Studie betrifft jedoch die vorgeschlagene Unterscheidung zwischen direkter und indirekter Produktivität. Demnach beschreibt die direkte Produktivität die eigentliche Wertschöpfung auf der Baustelle – also jene Tätigkeiten, die unmittelbar zur Erstellung des Bauwerks beitragen. Indirekte Produktivität umfasst dagegen Koordination, Dokumentation, Berichtspflichten, Genehmigungen oder regulatorische Anforderungen. Ein hoher Anteil indirekter Tätigkeiten kann dabei sowohl Ausdruck notwendiger Organisation als auch Hinweis auf Ineffizienzen und überbordende Bürokratie sein. Hier sehen die Autoren einen entscheidenden Ansatzpunkt für zukünftige Analysen.

Die eigentliche Baustelle liegt im System
Die wichtigste Botschaft der Studie lautet daher nicht, dass die Bauwirtschaft produktiver werden muss. Darüber herrscht ohnehin Einigkeit. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, ein gemeinsames Verständnis dafür zu entwickeln, was Produktivität überhaupt bedeutet und wie sie gemessen werden soll. Erst dann lassen sich Hemmnisse präzise identifizieren und gezielt beseitigen.


Hintergrund: Die fünf größten Produktivitätstreiber und -bremsen

Treiber 
Qualifizierung der Mitarbeiter
Digitalisierung und Datennutzung
Vorfertigung und Industrialisierung
Bessere Beschaffung und Lieferketten
Integrierte Projektabwicklung

Bremsen
Bürokratie und Regulierung
Fachkräftemangel
Schlechte Projektkoordination
Unvollständige Planungsunterlagen
Fehlende Digitalisierung

Grafik im Bau & Immobilien Report zum Thema: https://online.fliphtml5.com/jlgle/Bau_REPORT_07_26/#p=26

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