Montag, Oktober 19, 2026

Mehrwert für Manager

Bau | Immobilien

Frische Bodenversiegelung soll vermieden werden, neue Infrastruktur ist teuer. Bei Brownfield-Entwicklungen ist beides schon da. Was auf den ersten Blick nach Win-win klingt, hat aber auch Tücken.

Brownfield statt Greenfield

Bild: Auf dem Areal des ehemaligen Gaswerks Leopoldau entstand ein neues Stadtquartier, in Bad Vöslau errichtet die EGW auf dem Gelände einer ehemaligen Kammgarnfabrik einen Wohnbau.

»Der Wohnungsneubau auf der grünen Wiese wird wohl dauerhaft nicht mehr das Niveau der späten 2010er-Jahre erreichen. Allerdings werden Flächenkonversionen und Sanierungen stark an Stellenwert gewinnen«, sagt Wolfgang Amann, Geschäftsführer des Instituts für Immobilien, Bauen und Wohnen, im Gespräch mit dem Report (siehe auch Seite 18). Speziell im urbanen Raum gewinnen deshalb Brownfield-Entwicklungen an Bedeutung. Dabei handelt es sich um Projekte auf einem Grundstück, auf dem zuvor bereits Gebäude oder andere Strukturen existierten. Das kann alles sein, von alten Fabrikanlagen über verlassene Bürokomplexe bis hin zu ehemaligen Stallungen.

»Der große Vorteil liegt auf der Hand«, sagt Karin Kieslinger, Geschäftsführerin der gemeinnützigen Bauvereinigung EGW. »Es kommt zu keiner neuen Versiegelung und auch die öffentliche Infrastruktur muss meist nicht neu errichtet werden. Im besten Fall können von den bestehenden Gebäuden oder sonstigen Strukturen auf der Liegenschaft noch Teile genutzt werden.« Die EGW ist gerade dabei, in Bad Vöslau auf dem Gelände der ehemaligen Kammgarnfabrik ein Wohnbauprojekt zu entwickeln. »Ziel ist es dort unter anderem, von den Bestandshallen die historischen Stahlstützen beim Neubau wieder zu verwenden.« Auch beim Österreichischen Siedlungswerk ÖSW ist man vom großen Potenzial von Brownfield-Entwicklungen überzeugt.

»Brownfield-Entwicklungen tragen wesentlich zur Reduktion von Bodenversiegelung bei und fördern eine ressourcenschonende Flächennutzung. Nicht zuletzt eröffnen Brownfields große Chancen im Bereich Re-Use und Urban Mining. Bestehende Materialien und Strukturen können weiterverwendet werden, wodurch sowohl ökologische als auch wirtschaftliche Vorteile entstehen«, erklärt Gerald Parzer, Abteilungsleiter Projektentwicklung beim ÖSW.

Umfangreiche Erfahrungen mit Brownfield-Entwicklungen hat das ÖSW etwa bei Projekten wie den Mellergründen in Wien Liesing, der Biotope City am ehemaligen Coca-Cola-Areal in Wien Favoriten oder der Waldmühle Rodaun auf dem Gelände eines ehemaligen Zementwerks gesammelt. Diese Projekte zeigen laut Parzer, wie unterschiedlich die Ausgangssituationen sein können und wie individuell die Lösungen ausfallen müssen. Dennoch sind Brownfield-Entwicklungen für ihn ein zentraler Baustein für eine nachhaltige und zukunftsorientierte Stadtentwicklung, »vorausgesetzt, die komplexen Rahmenbedingungen werden frühzeitig erkannt und ganzheitlich berücksichtigt«. Denn Brownfield-Entwicklungen bieten nicht nur zahlreiche Chancen, sondern auch einige Hürden.

Stolpersteine
Eine zentrale Herausforderung besteht darin, dass die Flächen aufgrund ihrer früheren Nutzung als Industrie- oder Gewerbestandort potenziell kontaminiert sein können. »Umfassende Prüfungen und kostenintensive Maßnahmen zur Altlastensanierung im Bodenbereich können erforderlich sein«, erklärt Parzer. Entgegen der landläufigen Meinung, Brownfield-Entwicklungen gingen schneller voran als der Neubau auf der grünen Wiese, machen viele Projektentwickler die Erfahrung, dass diese Projekte sehr lange Zeiträume in der Entwicklung in Anspruch nehmen. »In der Regel sprechen wir von größeren Projekten, da Betriebsliegenschaften ja immer eher größere Grundstücke sind, und somit die Umwidmung, die in der Regel notwendig ist, öffentliches Interesse erregt und die Widmungsprozesse und Raumordnungsverträge viel Zeit und Kosten in Anspruch nehmen«, erklärt Kieslinger.

Ähnliche Erfahrungen hat auch Evgeni Gerginski von Hawlik Gerginski Architekten gemacht, etwa bei der Bebauung des ehemaligen Gaswerks Leopoldau. »Brownfield-Entwicklungen sind komplexer als Projekte auf der grünen Wiese.« Man müsse Rücksicht auf die technischen Rahmenbedingungen der Grundstücke und der darauf stehenden Gebäude nehmen, dazu kommen die Freimachung von Altlasten und die langwierigen, kostenintensiven Prozesse rund um die Bebauungsfindung unter Einbindung vieler Akteure und Anrainer. Um Brownfield-Entwicklungen zu forcieren, braucht es laut dem Architekten vor allem mehr Initiative seitens der Kommunen.

»Oft sind die Liegenschaften zerstückelt und kleinteilig. Durch das Aufkaufen solcher Liegenschaften durch kommunale Entwicklungsgesellschaften können die Grundstücke arrondiert werden, und ein städtebaulich sinnvolles Konzept ist möglich.« So bleibe auch ein möglicher Widmungsgewinn bei der Kommune. Für Parzer geht es vor allem um Planungssicherheit. Dazu zählt er etwa die Notwendigkeit klarer Rahmenbedingungen, aber auch schnelle und gut abgestimmte Verfahren, etwa bei Widmungsänderungen oder Umweltprüfungen.

»Es wird häufig unterschätzt, wie viele Schritte notwendig sind, lange bevor konkrete Planungen oder Bauausführungen beginnen können.« Damit ist es für Bauträger oft schwierig, Zeit, Kosten und Risiken realistisch einzuschätzen und die Wirtschaftlichkeit eines Projekts richtig zu beurteilen.


Die Vor- und Nachteile von Brownfield-Projekten

Vorteile
Kostenersparnis: Brownfield-Grundstücke sind in der Regel kostengünstiger zu erwerben, da sie oft aufwändig renoviert werden müssen, um den staatlichen und örtlichen Anforderungen zu entsprechen.

Ökobilanz: Die Wiederverwendung von brachliegenden Flächen reduziert die Bodenversiegelung und hilft dabei, alte Gebäude auf den aktuellen Umweltstandard zu bringen.

Nachteile
Ungelöste Zuständigkeiten:
Die Reaktivierung von Brownfield-Flächen scheitert oft an ungeklärten Zuständigkeiten und fehlenden einheitlichen Standards. Das kann die Erneuerung der Flächen erheblich erschweren.

Rechts- und Planungsunsicherheiten: Brownfield-Entwickler sehen sich oft mit einer unsicheren Rechtslage, regulatorischen Auflagen und Denkmalschutzbestimmungen konfrontiert.

Populär

In New York werden ungenutzte Luftrechte zu handelbarem Baupotenzial. So können neue Baukörper über oder neben bestehenden Gebäuden entstehen. Foto: REPORT/Eva Flatscher

Haus über Haus: Wie New York mit Luftrechten baut

In New York wird nicht nur mit Grundstücken gehandelt, sondern auch mit dem...
Batterieelektrische Scania-Zugmaschine in Dreiviertelansicht.

Langstrecke unter Strom

Scania will batterieelektrische Lkw stärker für längere Strecken einsetzen....
Buchcover: Homo Universus von Matthias Strolz
Cover: Edition Platin

Homo Strolzus

Matthias Strolz widmet sich in „Homo Universus“ den großen Fragen des...
Luftaufnahme des Knauf-Standorts in Ferndorf in Kärnten mit Produktionshallen, Bahntrasse sowie angrenzenden Feldern und Gewässern.

Knauf investiert 30 Millionen Euro in Recyclinganlage

In Ferndorf in Kärnten entsteht eine neue Recyclinganlage für Glas- und...
Gruppenbild Studierende mit Michael Nowak vor der verbotenen Stadt

Studierende tauchten in Chinas Tech-Welt ein

Das Bildungsprogramm „Seeds for the Future“ fand in diesem Jahr zum zwölften...
Sabine Hammer

Infinigate: Sabine Hammer übernimmt Leitung DACH

Als neue RVP DACH wird Sabine Hammer ab dem 1. Oktober das Wachstum des...

ThemaThema

Einladung zur Enquete „Chance Bau 2026“

Die österreichische Bau- und Immobilienwirtschaft steht vor entscheidenden Weichenstellungen: Digitalisierung, Kreislaufwirtschaft, Sanierung, Künstliche Intelligenz, neue regulatorische Rahmenbedingungen und die Frage, wie rasch der Markt wieder an Dynamik gewinnt. Bei der Enquete „Chance Bau...

Leben & StilView all