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»Wir bleiben im Baubereich, wollen uns aber diversifizieren«
Im Interview mit dem Bau & Immobilien Report erklärt Haimo Primas, CEO Holcim Österreich, warum er für 2026 skeptischer als andere ist, warum er dennoch an den ehrgeizigen Nachhaltigkeitszielen festhält und welche rechtlichen Rahmenbedingungen er gerne geändert sehen würde. Außerdem verrät er, dass er wohl in Paris sein Glück gefunden hätte, wäre er nicht bei Holcim gelandet.
Bild: »CO2-ärmere Produkte sind nicht automatisch teurer. Der Markt entwickelt sich. Erste Kunden fragen bereits gezielt nach zertifizierten, emissionsarmen Bindemitteln«, erklärt Haimo Primas.
Die wirtschaftliche Lage ist seit geraumer Zeit angespannt, davon kann sich auch Holcim nicht abkoppeln. Welche Ziele haben Sie sich für 2026 gesetzt – und woran würden Sie ein erfolgreiches Jahr festmachen?
Haimo Primas: Man muss klar zwischen Inlandsnachfrage und realer Auslastung unserer Anlagen unterscheiden. Unsere Produktionsanlagen in Österreich sind derzeit gut ausgelastet, allerdings nicht aufgrund eines starken Inlandsmarkts, sondern wegen des Exports. Rund ein Drittel unserer Produktion ging zuletzt nach Ungarn und Slowenien. Jetzt schwächelt Ungarn ein wenig, der Markt in Slowenien funktioniert aber weiter sehr gut. In Österreich selbst haben wir heuer hingegen eine deutliche Delle gesehen.
Viele Marktteilnehmer rechnen für 2026 mit einer leichten Erholung. Teilen Sie diesen Optimismus?
Primas: Wir sind hier skeptischer. Auf Landes- und Gemeindeebene stehen massive Sparprogramme an, ausgelöst durch die angespannte Budgetlage. In Gesprächen mit Gemeinden höre ich immer öfter, dass Infrastrukturprojekte, Sanierungen oder Erweiterungen verschoben oder ganz gestrichen werden. Diese Zurückhaltung wird sich in der Bauwirtschaft bemerkbar machen, vor allem bei kleineren, lokal tätigen Unternehmen.
Was wäre aus Ihrer Sicht ein Erfolg für 2026?
Primas: Wenn wir unsere Erwartungen erreichen. Wir gehen von einem leichten Mengenrückgang in Österreich aus, etwa drei Prozent. Gleichzeitig sollte die Auslastung unserer Anlagen durch Exportmärkte stabil bleiben. Ein zweiter zentraler Erfolgsfaktor ist das Thema Carbon Capture. Österreich braucht dringend einen rechtlichen Rahmen für CO₂-Abscheidung und -Speicherung. Und drittens wollen wir unsere CO₂-Emissionen weiter senken – trotz bereits sehr hoher Effizienz. Eine zusätzliche Reduktion um fünf bis acht Prozent ist ambitioniert, aber machbar.
International gibt es derzeit auch Stimmen, Klimaziele zu verschieben. Wäre das nicht nachvollziehbar?
Primas: Nein. Unsere Eigentümer stehen klar hinter der Dekarbonisierungsstrategie. Das ist nicht nur ein Bekenntnis, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll. Während andere auf die Pause-Taste drücken, investieren wir weiter. Nachhaltigkeit ist kein Marketingthema, sondern Teil unserer industriellen Verantwortung. Gleichzeitig sehen wir, dass langlebige, recyclingfähige Baustoffe vom Markt zunehmend anerkannt werden.
Gibt es in Österreich tatsächlich eine Nachfrage nach CO₂-reduzierten Zementen und Betonen?
Primas: Ja, wenn auch noch in begrenztem Ausmaß. Wichtig ist: CO₂-ärmere Produkte sind nicht automatisch teurer. Der Markt entwickelt sich. Erste Kunden fragen bereits gezielt nach zertifizierten, emissionsarmen Bindemitteln. Der entscheidende Hebel wäre jedoch die öffentliche Beschaffung. Öffentliche Auftraggeber könnten durch Ausschreibungen gezielt Nachfrage schaffen – derzeit passiert das nur vereinzelt.
Die Novelle des Bundesvergabegesetzes wird teilweise als Rückschritt in Richtung Billigstbieterprinzip gesehen. Teilen Sie diese Sorge?
Primas: Jeder Anbieter wird versuchen, sich nicht nur über den Preis, sondern auch über Qualität und Zukunftsfähigkeit zu differenzieren. Wenn Österreich Dekarbonisierung ernst meint, braucht es auch von öffentlicher Seite ein klares Signal. Einzelne Projekte werden weiterhin stark preisgetrieben sein, aber der grundsätzliche Trend zu nachhaltigem Bauen wird sich fortsetzen.
Ein viel beachtetes Projekt war Carbon Capture & Utilisation-Projekt C2PAT. Wie ist der Stand?
Primas: Dieses Projekt ist vorerst abgeschlossen. Die Umwandlung von CO₂ in Kohlenwasserstoffe, um daraus Treib- und Kunststoffe zu machen, scheiterte an mehreren Faktoren: Die Lösung wurde nicht als klimaneutral eingestuft, was ein enormer finanzieller Rückschlag war. Dazu kommt die mangelnde Verfügbarkeit von grünem Wasserstoff und vor allem der enorme Strombedarf. Unser Fokus liegt nun auf Carbon Capture and Storage. Doch auch hier fehlt in Österreich das notwendige Gesetz, um Förderungen auf EU-Ebene beantragen zu können.
Wie weit ist Holcim heute auf dem Weg zur klimaneutralen Produktion?
Primas: Wir nähern uns dem technisch erreichbaren Minimum. Rund 700.000 Tonnen CO₂ pro Jahr entstehen prozessbedingt – diese lassen sich nicht vermeiden. Unser Fokus liegt daher auf Kreislaufwirtschaft, Ersatzbrennstoffen und Recycling. In einzelnen Werken liegt der Anteil fossiler Energie bereits unter fünf Prozent. Ziel ist es, diesen Wert bis Ende 2026 weiter zu senken.
Neben Nachhaltigkeit sprechen Sie auch von Wachstum durch Zukäufe.
Primas: Richtig. Ein Teil unserer Strategie ist Diversifikation. Wir bleiben im Baubereich, wollen aber weniger abhängig vom klassischen Zementgeschäft sein. Fertigteile, Bauelemente oder Gebäudelösungen sind Felder, in denen wir wachsen wollen. In Österreich wollen wir 2026 zumindest eine Akquisition umsetzen.
Zum Abschluss noch ein paar persönliche Fragen: Welche Vision treibt Sie als CEO von Holcim aktuell am stärksten an?
Primas: Ich möchte, dass Holcim Österreich besser aufgestellt ist, wenn ich einmal gehe. Vielfalt, Diversität und neue Formen von Führung sind mir wichtig. Und ich sehe es als Verantwortung, unsere privilegierte Ausgangslage zu nutzen, um einen echten Beitrag zu leisten – wirtschaftlich erfolgreich und gleichzeitig mit geringerem ökologischem Fußabdruck.
Sie sind seit Oktober 2024 CEO von Holcim. Was war in dieser Zeit Ihre beste Entscheidung? Und was würden Sie heute anders machen?
Primas: Rückblickend waren es vor allem Entscheidungen rund um Teamaufstellung und Zusammenarbeit, die den größten Unterschied gemacht haben. Entscheidend ist dabei, dass Kompetenzen, Verantwortung und Rollen gut zusammenspielen. Vor drei Jahren habe ich in Retznei ein Flying-to-the-moon-Projekt gestartet, mit dem ich die CO2-Emissionen massiv senken wollte. Das war ein fast unmögliches Ziel. Aber wir haben es geschafft, weil wir das richtige Team dafür hatten und alle an einem Strang zogen.
Was ich anders machen würde? Ich habe diese Position sehr überraschend übernommen und eine Zeit lang gebraucht, um mich zurechtzufinden. In dieser Phase habe ich mich zu stark nach außen orientiert und zu wenig Zeit in die interne Zusammenarbeit investiert. Das würde ich heute sicher anders machen.
Wenn Sie nicht CEO von Holcim wären, welche Branche hätte Sie gereizt?
Primas: Dann hätte ich vermutlich ein kleines Boutiquehotel in Paris – mit eigener Boulangerie. Backen war immer eine Leidenschaft von mir.n
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