Friday, January 30, 2026

Mehrwert für Manager

Bau | Immobilien

Seit 2012 kümmert sich Andreas Pfeiler als Geschäftsführer des Fachverbands Steine-Keramik um die Interessen der industriellen Baustoffhersteller. Im Interview spricht er über Lücken in der Industriestrategie der Regierung, falsche Kriterien bei der Nachhaltigkeitsbewertung und das Bild der Interessenvertretung nach Außen. Außerdem verrät er, was die beste Entscheidung seiner bisherigen Amtszeit war – und was er heute anders machen würde.

Bild: »Andere Baustofflobbys waren in Brüssel vielleicht erfolgreicher. Aber leider nicht auf Basis von wissenschaftlichen Fakten, sondern von Emotionen«, bedauert Andreas Pfeiler.


Die neue Industriestrategie der Bundesregierung wurde als großer Wurf präsentiert. Die Bau- und Baustoffwirtschaft kommt darin allerdings nur am Rande vor. Wurden Ihre Branche übergangen?

Andreas Pfeiler: Grundsätzlich ist es positiv, dass sich eine Bundesregierung überhaupt intensiv mit Industriepolitik auseinandersetzt. Industrie ist kein Selbstläufer, sie braucht stabile und wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen. Was fehlt, sind konkrete Maßnahmen. Dass das Thema Bau und Baustoffe in der Strategie nur sehr eingeschränkt vorkommt, ist schade. Da braucht es sicher Nachschärfungen. Wir stehen am Beginn der Wertschöpfungskette und haben einen enormen Hebel – wirtschaftlich wie auch klimapolitisch. Aber unsere Produktionsprozesse sind großteils sehr »Low Tech«, auch wenn es enorme Fortschritte und Innovationen gibt. Ich denke etwa an die Bauteilaktivierung, die CO2-reduzierte Produktion von Zement oder die nahezu klimaneutrale Herstellung von Ziegeln. Es wäre ein Fehler diese traditionellen Branchen zurückzulassen.

Die Strategie fokussiert stark auf Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz. Ist das aus Ihrer Sicht zu einseitig?

Pfeiler: Schlüsseltechnologien sind wichtig, keine Frage. Was mir fehlt, ist der Blick auf jene Industrien, die die Basis unseres Wirtschaftsstandorts sichern, aber nicht so gut verkaufbar sind. Auch Standard-Produktionsprozesse werden permanent verbessert, auch wenn sie nicht so leicht kommunizierbar sind. Diese nicht zu berücksichtigen, fällt uns auf den Kopf.

Ein wichtiger Aspekt der Strategie ist der Industriestrom.

Pfeiler: Genau. Klingt auf den ersten Blick sehr gut, greift in der Praxis aber zu kurz. Viele energieintensive Branchen – etwa die Gips-, Kalk- und Ziegelindustrie – profitieren nicht davon, weil europäische Beihilfenregeln nationale Förderungen stark einschränken. Die Kriterien sind auf Export-orientierte Branchen eingeschränkt, aber Betriebe mit hohem Energieeinsatz, die hauptsächlich regional versorgend tätig sind, schauen durch die Finger. Wenn man solche Instrumente ankündigt, muss man sie auch europarechtlich möglich machen

Ein Dauerthema Ihrer Branche ist Regulierung. Wie bewerten Sie die bisherigen Deregulierungsbemühungen?

Pfeiler: Deregulierung heißt für mich nicht weniger Regeln um jeden Preis, sondern bessere. Aktuell erleben wir aber eine massive Zunahme an Dokumentations- und Nachweispflichten, etwa bei Umwelt- und Lebenszyklusanalysen. Das verbessert kein Produkt, verursacht aber hohe Kosten.

Kritisiert wird auch die Berechnungslogik bei Nachhaltigkeitsbewertungen.

Pfeiler: Ja, insbesondere die pauschale Annahme einer Gebäudelebensdauer von 50 Jahren ist realitätsfremd. Wer würde ein Eigenheim kaufen, das nach 50 Jahren abgerissen wird? Aktuell liegt der Schwerpunkt der Berechnung auf der Herstellungsphase. Unsere Baustoffe sind aber auf Langlebigkeit und Wiederverwertung ausgelegt, das wird in vielen Modellen nicht fair abgebildet.

Sind andere Baustoff-Lobbys in Brüssel erfolgreicher?

Pfeiler: Das liegt im Auge des Betrachters. Viele Entscheidungen basieren auch auf Emotion und weniger auf wissenschaftlichen Fakten. Nachwachsende Baustoffe gelten gesellschaftlich als »gute« Baustoffe. Das hat in Bereichen seine Berechtigung, ist aber nie die alleinige Lösung. Nachhaltiges Bauen heißt, den richtigen Baustoff am richtigen Ort einzusetzen – und nicht ideologisch zu argumentieren. Dass verschiedene Lobbying-Gruppen das anders sehen, sei diesen unbenommen, aber dass die Politik der Argumentation kritiklos folgt, das empfinde ich als wettbewerbsverzerrend. Die Politik müsste die Argumente kritisch hinterfragen und dann Berechnungsgrundlagen wie eine Gebäudelebensdauer von 50 Jahren sofort kübeln. Das Problem bei der Diskussion ist, dass sie hauptsächlich von Dogmatikern geführt wird. Die sind an einer fachlich-sachlichen und fairen Diskussion nicht interessiert.

Das Thema »leistbares Wohnen« beschäftigt nicht nur Österreich, sondern ganz Europa. Mit dem »Affordable Housing Plan« will die EU einen Rahmen schaffen, der den Mitgliedstaaten hilft, die wachsenden Herausforderungen am Wohnungsmarkt zu bewältigen. Wie bewerten Sie diese Maßnahme?

Pfeiler: Es ist gut, dass die EU das Problem erkannt hat. Entscheidend ist aber die Umsetzung auf nationaler Ebene. Die EU stellt nur einen allgemeinen Fördertopf zur Verfügung, den abzuholen liegt bei den Mitgliedstaaten. In Österreich fehlt es an Planungssicherheit. Angekündigte Wohnbaupakete sind bis heute nicht wirksam angekommen. Der Wohnbau kann ein ganz zentraler Hebel für ein höheres Steueraufkommen und mehr Sozialversicherungsbeiträge sein. Aber wenn die Politik diese Schritte nicht setzen will, dann erwarte ich zumindest eine klare Ansage, damit wir wissen, woran wir sind.

Wie haben sich die Turbulenzen rund um die WKO auf den Fachverband ausgewirkt? Mussten Sie sich oft rechtfertigen?

Pfeiler: Die Aufregung war natürlich groß, aber für unsere inhaltliche Arbeit mussten wir uns zu keiner Zeit rechtfertigen. Die Stein- und keramische Industrie ist nicht besonders groß. Wir haben zu fast allen Unternehmen persönlichen Kontakt. Unsere Mitglieder wissen, was wir können oder wo wir gegebenenfalls nachschärfen müssen.

Was entgegnen Sie Skeptikern, die die Pflichtmitgliedschaft in Frage stellen? Was sind aus Ihrer Sicht die zentralen Leistungen des Fachverbands?

Pfeiler: Systeme kann man immer kritisieren, genauso wie außer Streit steht, dass es für und wider gibt. Sie werden Unternehmer finden, die das für gut halten, genauso es jene gibt, die das nicht gutieren. Ich habe eines hier im Fachverband gelernt. Es gilt die Kritiker ins Boot zu holen und ihnen das Leistungsportfolio zu vermitteln und sie mitmachen zu lassen. Wenn es dann berechtigte Kritik gibt, muss man Verbesserungsprozesse einleiten. Im Fachverband stehen wir durch den intensiven und täglichen Austausch mit den Mitgliedern ständig am Prüfstand.

Unsere Aufgabe ist es, auf fachlicher Ebene Interessen zu vertreten und konkrete Probleme zu lösen. Ob Emissionshandel, Umweltrecht oder arbeitsrechtliche Fragen – wir konnten unseren Mitgliedsunternehmen in den letzten Jahren erhebliche Kosten ersparen. Ein konkretes Beispiel: Zu den Verhandlungen zum Emissionshandel vor rund 10 Jahren standen Regelungen im Raum, die unserer energieintensiven Baustoffindustrie jährlich rund 100 Mio Euro gekostet hätte. Wir konnten im Verein mit unseren Dachverbänden in Brüssel und den Kollegen in den nationalen Verbänden die Politik überzeugen, dass diese Regelungen den Wirtschaftsstandort enorm schädigen. Fazit: Seither haben wir unsere Baustoffindustrie von diesen Zahlungen bewahrt. Die Bewertung dieser Einsparung überlasse ich jedem selbst.

Sie sind seit 2012 Geschäftsführer des Fachverbands. Was war in dieser Zeit Ihre beste Entscheidung? Und was würden Sie heute anders entscheiden?

Pfeiler: Eine meiner besten Entscheidung war, dass wir uns im Jahr 2018 bewusst auf ein Verjüngung des Fachverbandsausschusses vorbereitet haben. Wir haben gewusst, dass die neue Generation an Unternehmensführern anders tickt und uns hinterfragt. Die haben wir aktiv ins Boot geholt, ihnen gezeigt, was wir tun und wie. Wir waren in Brüssel und haben ihnen die Entscheidungsprozesse gezeigt. Viele der Skeptiker von damals arbeiten heute aktiv im Fachverband mit.

Was ich anders machen würde? Im Idealfall würde ich die Emotion bewusster dosieren (lacht). Aber die Leidenschaft für die Sache gehört ja auch dazu und die treibt mich an.

Wären Sie nicht Geschäftsführer des Fachverbands? Welche andere berufliche Tätigkeit würde Sie reizen?

Pfeiler: Ich würde gerne Menschen helfen und sie in schwierigen Phasen begleiten. Soziale Themen und mentale Gesundheit liegen mir sehr am Herzen. Das wäre eine Aufgabe, in der ich viel Sinn sehe und die mir Spaß machen würde.

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