Freitag, Juli 31, 2026

Mehrwert für Manager

Der Umbau des österreichischen Energiesystems von fossil auf erneuerbar kostet Milliarden. Wie es funktionieren könnte, ohne die Stromverbraucher über die Maßen zu belasten.

Michael Strugl vor einem Laufwasserkraftwerk
Bild: Josef M. Fallnhauser

Bild: Michael Strugl, Verbund, kann künftig bei Ausbauprojekten mit einem »überragenden öffentlichen Interesse« rechnen.


»Wir müssen die Strompreise niedrig halten«, nennt Verbund-Vorstand Michael Strugl das Ziel der gesamten E-Wirtschaft. Wichtigster Punkt dabei ist für ihn der kräftige Ausbau der erneuerbaren Energien. »Mehr Angebot senkt die Preise«, lautet die dahinterstehende Logik. Bis 2040 soll die installierte Leistung von Photovoltaik und Wind von derzeit zwölf auf 34,4 Gigawatt ausgebaut werden, und jene der Wasserkraft von neun auf 14,4 Gigawatt. »Im Gegenzug werden die Kosten für importierte fossile Brennstoffe deutlich sinken«, gibt Strugl zu bedenken. Immerhin geben die Österreicher*innen dafür jährlich zehn bis 14 Milliarden Euro aus. Dass erneuerbarer Strom auf Dauer deutlich günstiger ist als fossile Energie, hat sich die Strombranche bestätigen lassen (siehe unten).

Bessere Koordination
Einfach nur neue Kraftwerke zu errichten, reicht nicht. »Wir müssen einen integrierten Ansatz wählen«, betont Strugl. Sprich: Es muss eine gute Abstimmung zwischen den Erzeugungsarten Solar, Wind, Biomasse und Wasserkraft mit den verfügbaren Stromnetzen geben. Da ist in den vergangenen Jahren einiges schiefgelaufen. Vor allem die Photovoltaik wurde dank attraktiver Förderungen ohne Rücksicht auf Absatzmöglichkeiten und Leitungen wie wild ausgebaut. Mit den aktuell neun Gigawatt installierter Solar­energie-Leistung übersteigt diese Erzeugungsart bereits jene der Flusskraftwerke. Allerdings: Photovoltaikanlagen produzieren im Durchschnitt 1.100 Stunden im Jahr Strom, Wasserkraftwerke dagegen rund 6.000 Stunden. »Das Stromnetz muss aber so gebaut werden, dass der Solarstrom zu den Spitzenproduktionszeiten mittags im Sommer aufgenommen werden kann«, erklärt der Verbund-Vorstand. Dieser Netzausbau koste viel Geld und sei nicht sinnvoll, zumal die Menge an Sonnenstrom oft gar nicht gebraucht werde. Es sei eben nicht egal, in welchem Tempo welche Erzeugungsart ausgebaut werde, so Strugl. Damit der für die starken Sonnentage nötige Netzausbau verhindert wird, hat die Strombranche die Möglichkeit der »Spitzenkappung der Solar­energie« durchgesetzt. Es bedeutet, dass die Spitzenleistung (Kilowatt peak) der Anlagen auf 70 Prozent beschränkt wird. Damit könnte der Netzausbau gedämpft werden und die Kosten würden verringert.

Mehr Wind
Nach den Plänen der E-Wirtschaft sollte nach dem Boom der Photovoltaik nun der Fokus auf Windenergie gelegt werden. »Windkraft ist eine gute Ergänzung zur Solarenergie«, nennt der Verbund-Chef den Grund für den neuen Schwerpunkt. In sonnenarmen Zeiten – nachts oder im Winter – liefern Wind­räder oft viel Strom. Vor allem im Süden und Westen Österreichs fehlt Windenergie. Doch gerade dort trifft diese Art von Kraftwerk auf Widerstand der Bevölkerung. Setzt sich der aktuelle Trend des viel zu langsamen Ausbaus der Windenergie fort, könnte 2030 nur etwas mehr als die Hälfte des von der Branche als erforderlich erachteten Zubaus erreicht werden. »Höhere Strompreise als nötig wären die Folge«, mahnt die E-Wirtschaft.

Genehmigungen beschleunigen
Ein alter Wunsch der Branche hat von der Politik nun endlich Unterstützung bekommen: Das im Nationalrat beschlossene Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungs-Gesetz sollte den Weg frei machen für die raschere Errichtung neuer Wind-, Wasserkraft- und großer Solaranlagen. Definiert wird darin ein »überragendes öffentliches Interesse«. Wie sehr damit der Ausbau wirklich beschleunigt wird, bleibt abzuwarten.

Netzkosten neu aufsetzen
Besonders wichtig ist Strugl eine Änderung der Netzkosten. Denn immerhin machen sie rund ein Drittel der Bruttostrompreise aus. Aktuell bezahlen die Stromkunden je nach verbrauchter Kilowattstunde eine Gebühr an die Netzbetreiber. Doch der Umbau des Stromsystems bringt diese Art der Netzfinanzierung in Probleme. Denn die Solaranlagenbetreiber beziehen weniger Strom übers Netz und zahlen daher weniger. Die Netzkosten würden somit auf all jene aufgeteilt, die keine Solaranlage haben. Sie müssten wesentlich mehr fürs Netz zahlen, was vor allem sozial ungerecht wäre. Die Idee daher: Die Finanzierung des Netzes sollte weniger an die bezogene Kilowattstunde und mehr an die Bereitstellung der Leistung gekoppelt werden. Damit müssten auch Betreiber von Photovoltaikanlagen wieder mehr fürs Netz bezahlen. In einem ersten Anlauf ist die Einbeziehung der kleinen Solaranlagen in so eine Regelung nicht gelungen. Betroffen von einer stärkeren Betonung der zur Verfügung gestellten Leistung in der Berechnung der Netzkosten sind auch Energiegemeinschaften.

Viele neue Stromverbraucher
Strugl setzt zudem auf eine kräftige Steigerung der Anzahl der Stromverbraucher. Elektroautos und Digitalisierung würden den gesamten Energiemarkt weg von fossilen Brennstoffen hin zu Elek­trizität treiben. »Mehr Stromverbraucher bedeutet, die Kosten auf mehr Köpfe zu verteilen«, sagt der Verbund-Chef.

All diese Maßnahmen würden allerdings nicht unmittelbar dämpfend auf den Strompreis wirken, längerfristig jedoch für günstige Preise sorgen. Und: Sie betreffen nur das, was die Stromversorger beeinflussen können. Internationale Strommarktpreise hängen nach wie vor zum Teil am Erdgaspreis. Diese Preise fließen auch in die österreichischen Strompreise ein, zumal die Versorger grenzüberschreitend mit Strom handeln. Um die Strompreise unmittelbar zu reduzieren, fällt der E-Wirtschaft nur ein Punkt ein: eine Steuersenkung auf Strom. Rund ein Drittel des Bruttostrompreises sind Steuern, Abgaben und Ökostromförderung. Würde die Politik an dieser Schraube drehen, wäre eine rasche Preissenkung erreicht.


Hintergrund: Die positive Wirkung der Erneuerbaren

»Mehr erneuerbare Erzeugung im Stromsystem dämpft die Großhandelspreise und bietet Resilienz gegen externe Preisschocks, vor allem gegenüber Anstiegen im Gaspreis«. So lautet die Conclusio der Studie über Auswirkungen des Erneuerbaren-Ausbaus des Austrian Institute of Technology. Dass diese Aussage in der Realität stimmt, zeigte die Strompreisentwicklung nach der Sperre der Straße von Hormus. Diese fiel genau in eine äußerst sonnenreiche Zeit in Mitteleuropa. Der viele Sonnenstrom drückte den Großhandelspreis, obwohl der Gaspreis in die Höhe geschnellt ist. Das AIT hat sich in der Studie aber auch die Gesamtkosten des Erneuerbaren-Marktes angesehen und kommt zum Schluss, dass der preisdämpfende Effekt die Förderkosten der Marktprämie für Ökostrom übersteigt. Das AIT hat in Simulationen berechnet, dass eine zusätzliche Terawattstunde erneuerbare Erzeugung den durchschnittlichen Großhandels-Strompreis in Österreich 2025 um 2,1 Euro je Megawattstunde gedrückt hätte. Hochgerechnet auf den jährlichen Gesamtstromverbrauch Österreichs wäre das eine Einsparung von 150 Millionen Euro.