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Wenn ein Schuh zur Falle wird
E-Akkus im Restmüll sind für Entsorgungsunternehmen zu einer existenziellen Bedrohung geworden. Die Kärnten Abfallbewirtschaftung hat nun ein Technologieprojekt umgesetzt, das einen ganzen Wirtschaftszweig absichern kann.
Es brennt, jeden Tag. Was für andere Unternehmen eine Katastrophe wäre, gehört bei der Kärnten Abfallbewirtschaftung GmbH (KAB) zum Betriebsalltag. »Wir haben pro Tag circa drei bis fünf Mal einen Brand am Förderband«, berichtet Geschäftsführer Werner Bleiberger. Dass daraus keine Großbrände werden, ist einer aufwendigen Kombination aus Detektionssystemen, automatischer Kühlung und Löschtechnik zu verdanken. Gemeinsam mit dem Technologieunternehmen Siemens hat der Entsorgungsbetrieb in Klagenfurt rund 1,5 Millionen Euro in den Brandschutz investiert.
Die Brandgefahr ist in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Verantwortlich dafür sind vor allem Lithium-Ionen-Akkus, die über den Hausmüll oder die getrennte Sammlung in Sortieranlagen gelangen. Sie stecken nicht nur in Smartphones, Notebooks oder Elektrowerkzeugen, sondern auch in Kinderschuhen mit blinkenden Sohlen, Spielzeug oder musikalischen Grußkarten. Bleiberger zeigt bei einem Gespräch mit dem Report einen solchen Schuh. Der Akku ist in der Sohle eingeschweißt und lässt sich nur mit einem Messer herausschneiden. »Den Schuh, den Akku findet niemand«, sagt der Entsorgungsmanager. Bei täglich rund 300 Tonnen angeliefertem Material sei eine vollständige Aussortierung praktisch unmöglich.
Batterien zünden nicht gleich
Gefährlich wird es, wenn Akkus im Schredder mechanisch beschädigt werden. Dabei kann es zu einer unkontrollierten chemischen Reaktion, dem sogenannten Thermal Runaway, kommen. Die Batterie erhitzt sich und kann sich entzünden. Das geschieht nicht zwangsläufig unmittelbar nach der Beschädigung. Größere Brände entstehen meist am Wochenende, zu einem Zeitpunkt, an dem Anlagen oft personell nicht voll besetzt sind.
»Der schlimmste Fall wäre natürlich, wenn diese Batterie oder diese Lithium-Ionen-Batterie über diesen ganzen Prozess sozusagen in die Lagerung dann eintritt und am Schluss eigentlich dort entzündet wird, wo die größte Brandlast ist«, erklärt auch Martin Kirschner, Brandschutzexperte bei Siemens Österreich.
Die KAB – mit den Eigentümern Strabag-Gruppe und dem Kärntner Bauunternehmen Kostmann – hat ihre eigene Geschichte mit Brandereignissen. 2011 verursachte ein Großbrand einen Schaden von elf Millionen Euro. Als Ursache wurde damals ein von einer Ratte beschädigtes Elektrokabel festgestellt. 2015 folgte ein weiterer Brand, der laut Bleiberger auf Brandstiftung zurückzuführen war.
2019 kam es schließlich zu zwei Bränden durch Lithium-Ionen-Akkus. Beide ereigneten sich in Lagerboxen, nachdem die Batterien die Sortieranlage einschließlich dreier Magnetabscheider und dreier Nichteisenabscheider passiert hatten. Der Schaden betrug jeweils rund zwei Millionen Euro. Durch die enorme Hitze wurden sogar die Strukturen der Lagerboxen nachhaltig beschädigt. In einer Lagerbox befinden sich bis zu 1.000 Tonnen Ersatzbrennstoffe. Kunststoffe und andere energiereiche Materialien bilden eine entsprechend hohe Brandlast.
25 Minuten können zu lange sein
Nach dem zweiten Brand im Jahr 2019 war für Behörden und Versicherung klar, dass zusätzliche Maßnahmen notwendig waren. Eine Brandmeldeanlage allein genügte nicht mehr. Das Problem ist die Zeit. Nach Angaben des Geschäftsführers dauert es am Standort rund 25 Minuten, bis die Feuerwehr einen Löschangriff mit Wasser beginnen kann. Bei den enormen Brandlasten kann bis dahin bereits ein Großteil der Anlage zerstört sein. Das mit Siemens umgesetzte Projekt wurde während der Pandemie umgesetzt und ging 2022 in Betrieb.
Herzstück bildet eine stationäre Wasserlöschanlage mit einem 280 Kubikmeter großen Löschwassertank. Zwei dieselbetriebene Pumpenaggregate stellen die Löschwasserversorgung sicher – eines davon als Reserve. Insgesamt umfasst das System 18 Löschbereiche. Dazu gehören Lagerzonen, Maschinenbereiche und Hallen. Infrarot-Kameras überwachen den Materialfluss auf den Förderbändern und erkennen auffällige Wärmequellen. Werden solche »Hotspots« festgestellt, werden Kühl- und Löschmaßnahmen automatisch ausgelöst. Das Wasser löscht nicht den Akkubrand selbst – das wäre chemisch gar nicht möglich –, aber es kühlt gezielt und bekämpft umliegendes brennendes Material. Ist dann die Temperatur ausreichend abgesunken, kann der Materialtransport weiterlaufen. Bleibt das Material zu heiß, wird das Förderband gestoppt.
Nicht jeder Vorfall bringt die gesamte Anlage zum Stillstand. »Wenn es zu einem Brandfall kommt, schaut man darauf, dass es wirklich lokal bleibt«, betont Kirschner. Die hohe Geschwindigkeit der Materialverarbeitung und die unterschiedlichen Prozesse erfordern eine genaue Abstimmung zwischen Betrieb und Brandschutztechnik.
Zusätzlich kann das System Wärmequellen in den Lagerbereichen erkennen. Ein automatisch gesteuerter Wasserwerfer wird dann auf den Brandherd ausgerichtet. Bei Bedarf lässt sich dieser auch über eine Funkfernsteuerung manuell bedienen, um benachbarte Bereiche zu kühlen oder zusätzlich Löschschaum einzusetzen. Die Automatisierung ist keineswegs trivial: Bewegliche Fahrzeuge, heiße Auspuffrohre und wechselnde Umgebungsbedingungen dürfen keine unnötigen Löschvorgänge auslösen. Dafür waren nach der Installation umfangreiche Einstellungen und Tests notwendig, berichtet Bleiberger.
Ergänzend schützt eine automatische Sinorix-Gaslöschanlage den elektrischen Betriebsraum, in dem zentrale Anlagenkomponenten mit Energie versorgt werden. Dort wird ein chemisches Löschmittel eingesetzt, das beim Austritt gasförmig wird und nach Angaben von Siemens den Sauerstoffgehalt nicht verdrängt, sondern nur in den Flammprozess eingreift.
Existenzfrage Versicherung
Wie stark sich die Risiken verändert haben, zeigt ein Blick auf die Versicherungsprämien der KAB. 2004 bezahlte das Unternehmen nach Angaben Bleibergers rund 6.000 Euro jährlich für die Feuerversicherung. Seitdem ist die Jahresprämie mehr als dreißigmal so hoch. Dazu kommen erhebliche Selbstbehalte.
Noch schwerer wiegt die Unsicherheit, ob überhaupt Versicherungsschutz gewährt wird. Externe Risikoexperten prüfen den Standort jährlich über ein bis zwei Tage hinweg. Erst gegen Jahresende erfährt der Betrieb, ob die Versicherung für das Folgejahr verlängert wird. Siemens-Experte Kirschner bestätigt, dass Abfallbetriebe aus Sicht der Versicherungswirtschaft mittlerweile als Hochrisikobetriebe gelten. »Ohne Brandmeldeanlagen und Löschsysteme bekommt ein Unternehmen keinen Versicherungsschutz.«
Zwei Jahre Stillstand
Ein Großbrand bedeutet für Entsorgungsunternehmen nicht nur zerstörte Gebäude und Maschinen. Er kann auch eine jahrelange Betriebsunterbrechung nach sich ziehen. Spezialmaschinen wie Schredder oder Sortieranlagen sind nicht kurzfristig verfügbar. Sie müssen teilweise eigens konstruiert und hergestellt werden. Für die KAB ist ein kontinuierlicher Betrieb auch deshalb wichtig, weil das Unternehmen eine wesentliche Rolle bei der Aufbereitung von Abfällen zu Ersatzbrennstoffen spielt. Rund 70.000 Tonnen werden nach Angaben Bleibergers jährlich produziert und unter anderem an die Zementindustrie geliefert.
Siemens beschäftigt sich nicht nur mit Sortieranlagen, sondern entwickelt und testet seine Lösungen und Brandschutzkonzepte für stationäre Batteriespeicher und Ladeinfrastruktur. In einem Versuchslabor in der Schweiz untersucht das Unternehmen, wie sich beschädigte oder überladene Batterien verhalten und wie sich Kettenreaktionen verhindern lassen.
Am Standort der KAB in Klagenfurt ist der große Wassertank inzwischen zum neuen Wahrzeichen geworden. Er steht weithin sichtbar für eine Technologie, mit der große Schäden verhindert werden.

Bild: Martin Kirschner, Siemens, und Werner Bleiberger, KAB, haben gemeinsam ein umfassendes Projekt für Anlagenschutz und Brandbekämpfung in Klagenfurt umgesetzt.
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