Donnerstag, Oktober 22, 2026

Mehrwert für Manager

Rund zehn Milliarden Euro gibt Österreich jedes Jahr für fossile Energieimporte aus – und importiert damit angesichts der aktuellen geopolitischen Entwicklungen auch erhebliche Preis- und Lieferrisiken. Der Verband Oesterreichs Energie und die Österreichische Energieagentur legen mit dem „Kompass Energieunabhängigkeit“ eine umfassende Faktenbasis zu diesem Thema vor und gehen der Frage nach, wie Österreichs Abhängigkeiten schrittweise verringert werden können.

Windräder auf einem Feld
Bild: iStock


Wenige Tage vor dem Nationalfeiertag präsentieren Oesterreichs Energie und die Österreichische Energieagentur den „Kompass Energieunabhängigkeit“. Diese neue Online-Plattform stellt erstmals übersichtlich dar, wie es um die Energiesouveränität unseres Landes bestellt ist. Wie viel Energie erzeugt Österreich selbst, woher kommen Importe, welche Kosten und Risiken entstehen daraus und welche Rolle spielen Speicher für die Versorgungssicherheit? Künftig soll die neue Plattform Medien, Politik, Wirtschaft und der breiten Öffentlichkeit als gemeinsame aktuelle Faktenbasis zum Thema Energieunabhängigkeit dienen.

„Am Nationalfeiertag feiern wir die politische Freiheit und Unabhängigkeit Österreichs. Diese Werte sollten wir auch im Hinblick auf unsere Energieversorgung zum obersten Maßstab unseres Handelns machen“, fordert Michael Baminger, Präsident von Oesterreichs Energie. „Denn mehr heimische Energie bedeutet mehr Versorgungssicherheit, mehr Wertschöpfung im eigenen Land und mehr Handlungsspielraum in Zeiten internationaler Krisen.“

Handlungsspielraum statt Abschottung
Gleichzeitig betont Baminger, dass mehr Energieunabhängigkeit nicht mit Abschottung verwechselt werden dürfe. Österreich müsse Importe von Öl und Gas schrittweise durch heimischen erneuerbaren Strom ersetzen, Erzeugung, Netze und Speicher ausbauen und bestmöglich aufeinander abstimmen. Der europäische Energiemarkt bleibe für die Versorgungssicherheit aber unverzichtbar. Wie wichtig dieses Zusammenspiel ist, zeigt ein Blick auf die Stromversorgung: Über das Jahr betrachtet kann Österreich seinen Strombedarf derzeit nur in etwa jeder fünften Stunde vollständig aus heimischer erneuerbarer Erzeugung decken.

Noch deutlicher wird die Abhängigkeit bei der Betrachtung des gesamten Energiebedarfs. „Solange wir 59 Prozent unserer Energie aus ausländischen Quellen beziehen, sind unsere Haushalte und Betriebe in hohem Maße von Weltmarktpreisen, internationalen Lieferketten und geopolitischen Krisen abhängig“, erklärt Barbara Schmidt, Generalsekretärin von Oesterreichs Energie. „Mit dem Kompass Energieunabhängigkeit machen wir sichtbar, wo Österreich heute steht. Die entscheidende Frage ist aber: Wo wollen wir künftig hin? Wollen wir in dieser Abhängigkeit verharren, oder schaffen wir die Voraussetzungen für mehr Freiheit, Unabhängigkeit und Wertschöpfung im eigenen Land? Unser Nordstern bei dieser Reise muss die stärkere Nutzung unserer eigenen Ressourcen sein“, so Schmidt.

Erneuerbare dominieren heimische Erzeugung
Bei der Energie, die in Österreich erzeugt wird, ist das Bild auch im Hinblick auf die Klimabilanz positiv: Sie stammt bereits zum weit überwiegenden Teil aus erneuerbaren Quellen. Von den rund 155 Terawattstunden (TWh) heimischer Erzeugung im Jahr 2025 entfielen 75 TWh auf Bioenergie und 33 auf Wasserkraft. Photovoltaik, Windkraft und Umgebungswärme lieferten weitere wesentliche Beiträge. Erdöl und Erdgas spielen hier nur eine kleine Nebenrolle.
„Bei erneuerbaren Energien kann Österreich seinen Bedarf aus heimischen Quellen decken. Unsere größten Abhängigkeiten sind also fossil: 96 Prozent des Erdöls, 93 Prozent des Erdgases und die gesamte Kohle kommen aus dem Ausland“, erklärt Christoph Dolna-Gruber von der Österreichischen Energieagentur. „Wenn wir diese Importe durch heimische erneuerbare Energie ersetzen, stärken wir gleichzeitig unsere Versorgungssicherheit, Wertschöpfung und wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit.“

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick
• 155 Terawattstunden aus heimischer Erzeugung Österreich erzeugte 2025 rund 155 Terawattstunden selbst. Fast die Hälfte davon entfiel auf Bioenergie, weitere große Beiträge kamen aus Wasser-, Sonnen- und Windkraft sowie Umgebungswärme.
• Fossile Abhängigkeit bleibt hoch Gas erreicht Österreich seit 2025 vor allem über Deutschland und Italien. Rohöl kommt nahezu ausschließlich über die Transalpine Ölleitung und die Adria-Wien-Pipeline; 55 Prozent der Rohölimporte stammten 2024 aus Kasachstan.
• Zehn Milliarden Euro für Energieimporte Fossile Nettoimporte kosteten Österreich in den vergangenen zehn Jahren durchschnittlich rund zehn Milliarden Euro pro Jahr. Hinzu kommen Ausgaben für Reserven und Krisenhilfen sowie schwer planbare Kosten für Haushalte und Betriebe.
• Speicher als Rückgrat der Versorgungssicherheit Österreichs Gasspeicher fassen rund 100 Terawattstunden, etwa 80 Prozent des Jahresgasverbrauchs. Der Füllstand lag im Oktober bei rund 69 Prozent; ein erheblicher Teil der eingelagerten Mengen gehört allerdings ausländischen Speicherkunden. Die Wasserspeicher der Speicherkraftwerke fassen 3,3 Terawattstunden – rechnerisch entspricht das rund 18 Tagen Stromverbrauch. Bei stationären Batterien liegt die aktuelle Kapazität einer Schätzung der Energieagentur zufolge bei etwa drei bis vier Gigawattstunden.

Jedes Jahr fossile Importe im Wert von 1.000 Windrädern
„Die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten ist eine wirtschaftliche Achillesferse unseres Landes. Sie kostet Österreich jedes Jahr Milliarden und macht uns anfällig für Preisschocks“, erklärt Baminger. „Mit den zehn Milliarden Euro, die wir jedes Jahr für Öl-, Kohle- und Gasimporte ausgeben, könnte man etwa 1.000 Windräder errichten. Damit könnte man die gesamten Ausbauziele, die wir bei dieser Technologie bis 2040 haben, innerhalb von zwei Jahren erreichen - und gleichzeitig Arbeitsplätze in ganz Österreich sichern und lokale Wertschöpfung schaffen.“

Mehr heimische Erzeugung allein reiche jedoch nicht aus, so Baminger. „Wir müssen dafür sorgen, dass heimischer erneuerbarer Strom dort ankommt, wo er gebraucht wird, und auch dann verfügbar ist, wenn Sonne und Wind weniger liefern. Dazu müssen wir die Netze modernisieren, Speicher ausbauen und fossile Anwendungen schrittweise elektrifizieren. Diese Transformation gelingt nur im Team: Die E-Wirtschaft investiert und setzt um. Politik und Verwaltung müssen mit klaren Regeln und zügigen Verfahren aber dafür sorgen, dass aus Plänen rasch konkrete Projekte werden können.“