Die österreichische Industriestrategie 2035 will Wettbewerbsfähigkeit sichern, Innovation fördern und die Resilienz stärken. Diese Ziele sind richtig. Doch sie beruhen auf einem Denkrahmen, der aus einer Welt stammt, die es so nicht mehr gibt. Wir optimieren ein System, dessen strukturelle Voraussetzungen verschwunden sind.
Wertschöpfung entsteht heute nicht mehr primär aus industrieller Effizienz. Sie basiert auf Wissen, Daten, Koordination und menschliche Gestaltungsfähigkeit. Dabei entkoppelt Automatisierung Produktion von Beschäftigung. Energie entscheidet als strategischer Produktionsfaktor über Skalierbarkeit. Und Daten sind kein Nebenprodukt, sondern der zentrale Rohstoff wirtschaftlichen Agierens. Kapital folgt diesen Faktoren: Es verstärkt, was technologisch und strukturell vorbereitet ist.Wer unter diesen Bedingungen weiterhin auf die alten Instrumente und Machtlogiken des Industriezeitalters setzt, entscheidet sich keineswegs für Stabilität. Die Konsequenzen dieses Festhaltens sind bereits sichtbar: technologische Abhängigkeiten, fragile Lieferketten, politische Blockaden, wirtschaftliche Stagnation und die Erosion demokratischer Institutionen.
Die zentrale Schwäche der aktuellen Strategie liegt weniger in einzelnen Maßnahmen. Sie liegt im Weltbild. Industrie erscheint weiterhin als primärer Motor von Wertschöpfung und Beschäftigung. Digitalisierung wird zwar als Werkzeug der Effizienzsteigerung verstanden, nicht aber als eigenständiger Produktionsraum. Daten werden verwaltet, aber nicht strategisch kontrolliert. Digitale Souveränität wird auf Sicherheitsfragen reduziert, obwohl es in Wahrheit um die Kontrolle von Wertschöpfungsketten geht.
Rollenänderung
Mit dem Rückgang arbeitsintensiver industrieller Produktion verändert sich die Rolle des Menschen grundlegend. Der Mensch ist nicht mehr primär Produktionsfaktor, sondern Träger von Innovation, Gestaltung und systemischem Verständnis. Der Industriestrategie 2035 liegt implizit ein funktionalistisches Menschenbild zugrunde. Der Mensch erscheint primär als Träger von Qualifikationen, als anzupassender Faktor des Strukturwandels und als Kostenposition innerhalb industrieller Wertschöpfung. Dieses Menschenbild steht im Widerspruch zu empirischen Befunden über Motivation, Engagement und Innovationsfähigkeit. Umfragen zeigen seit Jahren, dass nur ein geringer Anteil der Beschäftigten in Österreich eine hohe emotionale Bindung an ihre Arbeit und ihre Organisation aufweist.
Europa verfügt über die industrielle Kompetenz und wissenschaftliche Exzellenz. Doch unser Defizit liegt in fehlender Koordination. Während andere Wirtschaftsräume technologische Entwicklung, Kapitalmärkte und politische Steuerung strategisch verzahnen, fragmentieren wir Verantwortung entlang föderaler und sektoraler Linien.
Industrie bleibt notwendig. Aber sie ist nicht mehr der Ort, an dem wirtschaftliche Zukunft entschieden wird. Diese Entscheidung fällt im tertiären und quartären Sektor: Dort, wo Daten aggregiert werden, wo Lernkurven entstehen, wo Plattformen Standards setzen und wo technologische Architekturen kontrolliert werden. Solange wir versuchen, den Übergang in eine wissens- und datenbasierte Ökonomie mit den Instrumenten des Industriezeitalters zu bewältigen, werden wir die Transformation verzögern.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, wie wir Industrie effizienter machen. Sie lautet, ob wir bereit sind, Steuerung und Wirtschaftspolitik neu zu denken. Zukunftsfähigkeit entsteht nicht durch die Verteidigung bestehender Strukturen, sondern durch den Mut, ihre Logik zu hinterfragen.
Über die Autoren
Werner Illsinger ist Wirtschaftspsychologe und Unternehmensberater. Er ist Gründer der 4future.group, um den Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft im digitalen Zeitalter aktiv mitzugestalten. Helmut Detter ist em. o. Universitätsprofessor der TU Wien mit jahrzehntelanger Erfahrung an der Schnittstelle von Technologie, physischer Welt und Gesellschaft.