By Marlene Buchinger on Freitag, 23. Oktober 2026
Category: Europa

Schritt für Schritt zum nachhaltigen Erfolg – Teil 9 – Treibhausgasbilanz


Das Wissen über Treibhausgasemissionen wird immer mehr zum Wirtschaftsfaktor. Dieses Jahr hat uns wieder gezeigt, dass die Klimakrise auch massive Auswirkungen auf Unternehmen hat. Von gestiegenen Energiepreisen über die Unterbrechung von Lieferketten bis hin zur Verfügbarkeit von Gütern. Die Folgen sind massiv und in Zukunft wird das nicht weniger werden.

Die Treibhausgas (THG) Bilanzierung für Unternehmen ist die Basis für Veränderung und kein Hexenwerk. Die THG-Bilanz folgt auch klaren Prinzipien und abgegrenzte Betrachtungsbereiche (Scopes) geben den Rahmen vor. Der internationale GHG Protocol Standard setzte dazu vor mehr als 20 Jahren den Rahmen, zahlreiche weitere Standards, wie die ISO 14064, bauen darauf auf.

Wie geht man beim Erstellen einer Treibhausgasbilanz vor?

Bei jedem Projekt braucht es zuerst einmal Klarheit über die Zielsetzung und Wünsche. Warum machen wir das überhaupt? Von rechtlicher Compliance über bessere Konditionen bei Finanzierungen bis hin zur Erfüllung von Ausschreibungskriterien und Kundenwünschen ist alles dabei.

Die erstmalige Treibhausgasbilanz ist ein Aufwand, daher braucht es auch ein entsprechendes Commitment seitens der Unternehmensführung. Nur Lippenbekenntnisse ohne entsprechendes Budget für Fortbildung, Zeit, Personal und ggf. externe Unterstützung werden nicht reichen. Für die Erstellung einer Treibhausgasbilanz sollte man mehrere Monate einplanen, da die Erarbeitung schrittweise erfolgt. Besonders im ersten Jahr müssen die Prozesse für das strukturierte Erheben der Daten erarbeitet werden.

Welche Treibhausgase umfasst eine Treibhausgasbilanz?

Die Treibhausgasbilanz erfasst die Emissionen aus verschiedenen Treibhausgasen bzw. Gruppen an Gasen: Es wurden Gase mit großen Mengen und/oder großem Treibhausgaspotential (GWP) ausgewählt. Das Treibhausgaspotential beschreibt den Einfluss auf die Strahlungseigenschaften in der Atmosphäre über einen gewählten Zeitrahmen (meist 100 Jahre) im Vergleich zu CO2.

CO2

Kohlendioxid

Kohlenstoffdioxid entsteht besonders bei der Verbrennung fossiler Energieträger (durch Verkehr, Heizen, Stromerzeugung, Industrie) und verbleibt durchschnittlich über 100 Jahre in unserer Atmosphäre. Es wird als Referenzwert zur Normierung für andere Treibhausgase (CO2e) verwendet.

CH4

Methan

Methan entsteht zu etwa einer Hälfte in der Land- und Forstwirtschaft und zur anderen Hälfte durch die Nutzung von Erdgas (Exploration, Abfackeln, Reinigung, Transport). Methan ist etwa 25 Mal klimawirksamer. Das bedeutet die gleiche Menge Methan stärkt den Treibhausgaseffekt 25 mal mehr als die gleiche Menge CO2.

N2O

Distickstoffmonoxid (Lachgas)

Auch dieses Gas entsteht zum größten Teil durch landwirtschaftliche Nutzung. Es ist etwa 300 mal klimaschädlicher als CO2.

N3F

Stickstofftrifluorid

N3F wird vor allem in der Solar- und Halbleiterindustrie zur Reinigung verwendet.

Es hat ein großes Wärmepotential von 19.700 und hält sich etwa 500 Jahre in der Atmosphäre.

HFCx

Hydrofluorkohlenstoffe

Hydrofluorkohlenstoffe sind (teil)halogenierte Fluorkohlenwasserstoffe (H-FKW/HFC), die zwar eine kurze Lebensdauer in der Atmosphäre haben, aber eine großes Wärmepotential besitzen. Sie werden als Kühlmittel und Feuerlöschanwendungen eingesetzt.

PFCs

Perfluorierte Kohlenwasserstoffe

PCFs werden auch als Kältemittel oder Isolierstoffe verwendet.

SF6

Schwefelhexafluorid

Schwefelhexafluorid ist das stärkste bekannte Treibhausgas. Die mittlere Verweilzeit von SF6 in der Atmosphäre beträgt 3200 Jahre. Seine Treibhauswirkung ist 22.800 mal so groß wie die von CO2. SF6 wird als Isolationsgas in Schaltanlagen verwendet. Bis zum Jahr 2000 wurden auch Autoreifen und Schallschutzfenster damit gefüllt.

Weitere Treibhausgase können auf freiwilliger Basis berichtet werden, wenn diese für den Unternehmenskontext relevant sind.

Die Betrachtungsbereiche: Scope 1-3

Anschließend geht es um die Zuordnung der Emissionen in verschiedene Betrachtungsbereiche (eigenes bzw. andere Unternehmen) und hinsichtlich der Beeinflussbarkeit (direkte/indirekte Emissionen):

Scope 1 umfasst direkte Emissionen aus Quellen, die sich im Besitz der berichtenden Organisation befinden oder von ihr kontrolliert werden. Darunter fallen beispielsweise der eigene Fuhrpark, die Verbrennung von Brennstoffen in Heizkesseln und Kältemittelemissionen.

Scope 2 beinhaltet indirekte Emissionen aus der Erzeugung von eingekauftem Strom, Dampf, Wärme oder Kälte, die von der Organisation verbraucht werden. Die dazu notwendigen Energieerzeugungsanlagen gehören Dritten. Der GHG Protocol Standard verlangt von Unternehmen, dass sie sowohl nach der standortbasierten Methode (unter Verwendung durchschnittlicher Netzemissionsfaktoren) als auch nach der marktbasierten Methode (Darstellung der Emissionen, die durch eigene Entscheidungen zB Ökostrom beeinflusst wurden) berichten.

Scope 3 umfasst alle anderen indirekten Emissionen, die in der Wertschöpfungskette eines Unternehmens vor- und nachgelagert entstehen. Der GHG Protocol Standard definiert fünfzehn Kategorien von Scope-3-Emissionen. Upstream, also vorgelagert, zählen dazu beispielsweise die Emissionen aus eingekauften Waren und Dienstleistungen (Kategorie 1), Geschäftsreisen (Kategorie 6) oder das Pendeln der Mitarbeitenden (Kategorie 7). Bei den nachgelagerten Kategorien (downstream) werden Emissionen aus der Nutzung erzeugter Produkte (Kategorie 11), der Entsorgung dieser Produkte (Kategorie 12) bis hin zu Investitionen (Kategorie 15) betrachtet.

Rahmenbedingungen

An dieser Stelle kommt oft die Frage nach dem genauen Aufwand. Was muss berichtet werden? Die Antwort: Es kommt darauf an. Die Scope 1 und 2 Emissionen, für die Emissionen im eigenen Betrieb und die Emissionen aus der zukauften Energie, sind immer zu berichten.

Die Scope 3 Informationen hängen davon ab,

- ob man sich freiwillig dazu verpflichtet,
- seitens Vertragspartner danach gefragt wurde,
- per Gesetz verpflichtet (CSRD) oder

in bestimmten Sektoren tätig ist. Der europäische VS-Standard nennt bestimmte Prozesse in den Bereichen verarbeitendes Gewerbe, Agrarlebensmittel, Immobilienbau und Abfüllen/Verpacken als möglicherweise berichtsrelevant (siehe VS B3, Erläuterung 49).

Definition der Systemgrenzen

Dann geht es ans Eingemachte, die Analyse der Unternehmensgrenzen anhand von Organigrammen, der Prozessübersicht und Gesprächen mit der Finance Abteilung. Was gehört zum Unternehmen? Gibt es Subfirmen und Beteiligungen, welche Standorte und Gebäude, sowie Fuhrpark und Leasing sind Bereiche, die man betrachten muss? Es gilt festzustellen, wo Emissionen entstehen können und ob diese dem Unternehmen zuzurechnen sind.

Für die identifizierten Bereiche wird dann noch festgelegt, welche Scopes (nur 1 und 2 oder auch Scope 3) betrachtet werden.

Projektteam

An dieser Stelle ist es hilfreich in die Breite zu gehen und ein Projektteam aufzustellen. Dazu zählen Nachhaltigkeitsbeauftragte, Vertreter*innen der Finanzabteilung, Energieverantwortliche, Einkauf, Logistik/Fuhrpark, Facility Management, IT, HR und Expert*innen aus den wertschöpfenden Fachabteilungen, wenn es auch um Scope 3 Emissionen geht.

In einem gemeinsamen KickOff Workshop werden die Beteiligten mit dem Vorgehen vertraut gemacht und die nächsten Schritte besprochen. Je nach Unternehmensgröße kann in diesem Zuge gleich eine Gap-Analyse gemacht werden um zu verstehen, wo Daten vorhanden sind und wo nicht. Eines ist bei dem Projektstart besonders hilfreich: Die Unterstützung der Firmenleitung. Ein kurzer Impuls der Geschäftsführung, bei dem erläutert wird, warum der Fokus auf Emissionen für das Unternehmen wichtig ist, hilft beim weiteren Projektverlauf.

Datenfassung

An dieser Stelle sollten Sie sich für ein Erfassungstool entscheiden. Sie können die Treibhausgasbilanz in Excel erstellen (GHG Protocol Vorlagen) oder kostenlose Tools (WKO Klimaportal) verwenden. Bei diesen ist die Flexibilität hinsichtlich Eingabe und Auswertung gegenüber kostenpflichtigen Anbietern eingeschränkt.

Dann werden anhand der bereits definierten Quellen für die jeweiligen Scopes die Emissionen identifiziert und die Mengen und Einheiten erfasst. Zum Beispiel werden aus dem Fuhrpark alle Tankrechnungen geclustert nach Treibstoffart und Menge erfasst. Im Gebäudebereich werden die Stromrechnungen und weitere Energierechnungen gescreent um die Energiearten und Mengen zu evaluieren.

Vergessen Sie dabei nicht, die Datenqualität zu erfassen und zu beurteilen. Es wird dabei zwischen Primär- und Sekundärdaten unterschieden. Primärdaten werden gemessen (zB Stromzähler) und sind in den meisten Fällen genauer als Sekundärdaten. Diese können aus Schätzungen, Durchschnittswerten oder Branchenstandards bestehen und bergen größere Unsicherheiten.

Anschließend werden die erhobenen Emissionsquellen und deren Mengen mit den passenden Emissionsfaktoren versehen. Listen mit diesen Emissionsfaktoren für verschiedene Energieträger oder Materialien werden von Forschungsorganisationen erstellt, regelmäßig geprüft und ggf. aktualisiert.

Wichtig ist es dabei das Vorgehen zu dokumentieren. Notieren Sie das Vorgehen zur Datenerfassung und Validierung, sowie die Quellen mit samt der Datenqualität, Annahmen und Lücken. Das hilft bei der Prozessverbesserung und bei der Erstellung der Treibhausgasbilanz im Folgejahr.

Auswertung

Wenn die Emissionswerte berechnet sind, geht es an die Auswertung. Hilfreich sind dabei grafische Darstellungen wie Balken- oder Tortendiagramme um Hotspots hoher Emissionen zu identifizieren.

Teilweise werden auch spezielle Kennzahlen verwendet um die Treibhausgasintensität z.B. kg CO2e/m2 oder kg CO2e/Euro Umsatz ermittelt um genaueren Auskünfte über den aktuellen Stand und die Verbesserung zu erhalten.

Treibhausgasreduktion

Die Emissionserhebung und der Bericht ohne entsprechende Verbesserungsmaßnahmen sind sinnbefreit. Die THG-Bilanz ist die Basis für die nachfolgende Verbesserung. Es geht daher um die Entwicklung von konkreten Reduktionszielen z. B. Scope 3 –30 % bis 2030 gegenüber 2020 samt Zwischenzielen, den dazu gehörigen Maßnahmen, Verantwortlichen und Zeitplänen.

Danach geht es ans Machen. Priorisieren Sie die THG-Reduktionsprojekte und beginnen Sie mit einfachen und schnell umsetzbaren Maßnahmen, wie beispielsweise dem Umstieg auf die Bahn statt dem Flugzeug bei Geschäftsreisen. Das beschert erste Erfolgserlebnisse und hilft dranzubleiben. In weiterer Folge kommen dann Projekte für Energie, Mobilität und die innerhalb der Lieferkette.

Im neunten Teil dieser REPORT Serie erfahren Sie, wie Energiemanagement in der Praxis gelingt.


Zusammengefasst: Das Wichtigste zur Erstellung einer Treibhausgasbilanz