By Michael Mrak on Montag, 06. Juli 2026
Category: Mensch und Gesellschaft

Geläutert? Von wegen. Zehn Jahre nach meinem Seminar bei der FIFA


Vor etwa zehn Jahren durfte ich in meiner Funktion als Leiter der Abteilung Compliance bei Casinos Austria ein Seminar in den Räumlichkeiten der FIFA in Zürich besuchen. Der Verband gab sich damals demonstrativ geläutert. Man sprach von Reformen, von neuer Transparenz, von einer Kultur der Integrität. Die Kulisse war beeindruckend, die Botschaft klar: Das dunkle Kapitel sei nun abgeschlossen.

FIFA Zentrale in Zürich
Zehn Jahre später ist von dieser Läuterung nichts übrig. Im Gegenteil. Es ist schlimmer geworden. Wer sich beruflich mit Governance, Compliance und der Frage beschäftigt, wie Organisationen Verantwortung tatsächlich implementieren, findet in der FIFA ein Lehrstück dafür, wie Integrität zur reinen Fassade verkommt.

Was damals schon auf dem Tisch lag
Zur Erinnerung: Genau in jenem Zeitraum, in dem ich bei der FIFA Gast war, wurde das ganze Ausmaß der Korruption dort sichtbar. Zwischen 1991 und 2015 sollen rund 150 Millionen US-Dollar an Schmiergeldern an die FIFA und ihre Funktionäre geflossen sein. Am 27. Mai 2015 durchsuchten Schweizer Behörden im Auftrag der Bundesanwaltschaft die Zürcher Zentrale und stellten Unterlagen zur Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 an Russland und 2022 an Katar sicher.

Am selben Morgen nahm die Zürcher Kantonspolizei auf ein US-Auslieferungsersuchen hin sieben hochrangige Funktionäre im Luxushotel Baur au Lac fest, darunter FIFA-Vizepräsidenten und Kontinentalverbands-Chefs aus Süd- und Mittelamerika. Die Vorwürfe: Annahme von Bestechungsgeldern für Medien-, Vermarktungs- und Sponsoringrechte, Vorgänge, die bis 1991 zurückreichen. Interpol schrieb kurz darauf mehrere Beschuldigte per Red Notice zur Fahndung aus.

Die schwersten Fälle im Überblick

Doch das waren nicht die einzigen Skandale, die zutage traten.

Stimmenkauf bei den WM-Vergaben. Schon 2010 kursierten Berichte, wonach im Vorfeld der Katar-Bewerbung Stimmen im Exekutivkomitee zum Kauf angeboten worden seien. Die Sunday Times wollte 2014 Beweise dafür haben, dass Millionen flossen, um die Abstimmung zugunsten Katars zu beeinflussen. Der interne Untersuchungsbericht von Chefermittler Michael Garcia wurde nie veröffentlicht. Der zuständige Richter der Ethikkommission attestierte immerhin einen Mangel an Transparenz, sprach die Vergaben aber frei.

Blatter und Platini. Die Bundesanwaltschaft eröffnete im September 2015 ein Verfahren gegen Präsident Sepp Blatter, unter anderem wegen einer Zahlung von zwei Millionen Schweizer Franken an UEFA-Chef Michel Platini. Für die Zahlung existierte kein schriftlicher Vertrag, nur ein mündliches Gentlemen's Agreement. Die Ethikkommission sperrte beide zunächst für acht Jahre. Bezeichnend für die juristische Aufarbeitung: 2022 wurden Blatter und Platini vom Bundesstrafgericht freigesprochen.

Selbstbedienung an der Spitze.
2016 machten von der FIFA beauftragte Anwälte öffentlich, dass Blatter, der frühere Generalsekretär Jérôme Valcke und der Ex-Finanzchef Markus Kattner sich über Jahre gegenseitig Boni von mindestens 79 Millionen Schweizer Franken genehmigt hatten.

Die ISL-Affäre. Der langjährige Präsident João Havelange und sein Schwiegersohn Ricardo Teixeira zählten laut Gerichtsakten zu den Hauptbegünstigten des Schmiergeldsystems rund um die Marketingfirma ISL. Das Verfahren wurde gegen Zahlung von fünf Millionen Franken eingestellt.

Weitere Fälle. Generalsekretär Valcke soll bei Ticketverträgen eine verdeckte Gewinnbeteiligung erhalten haben und wurde entlassen. Der südkoreanische Funktionär Chung Mong-joon wurde gesperrt, nachdem ein Brief bekannt wurde, in dem er 777 Millionen US-Dollar für den Fall in Aussicht stellte, dass Südkorea die WM 2022 bekäme. Mohamed bin Hammam wurde 2012 lebenslang gesperrt, weil er für die Präsidentschaftswahl Stimmen gekauft haben soll.

Compliance als reine Wortkosmetik
Der aus Governance-Sicht aufschlussreichste Vorgang ist ein anderer. 2018 verabschiedete der FIFA-Rat ein neues Ethikreglement. In der deutschen, englischen und spanischen Fassung wurde das Wort Korruption gestrichen, und Bestechung sollte nur noch zeitlich befristet verfolgbar sein. Gleichzeitig führte man den neuen Paragraf 22.2 ein, der es Spielern, Vermittlern und Offiziellen untersagt, öffentlich verleumderische Aussagen über die FIFA zu treffen. Bei Verstoß drohen Geldstrafe und bis zu zweijährige Sperre.

Ein Verband, der einen Compliance-Vorfall nicht durch bessere Kontrollen bewältigt, sondern durch das Entfernen des unbequemen Begriffs aus dem Regelwerk und durch einen Maulkorb für potenzielle Hinweisgeber.
Wer im ISMS- oder Compliance-Umfeld arbeitet, kennt diese Umkehrung. Nicht das Risiko wird behandelt, sondern die Sichtbarkeit des Risikos.

Und heute? Schlimmer als vor zehn Jahren
Die Läuterung, von der man mir 2016 erzählte, hat nicht stattgefunden. Sie ist einer noch brutaleren Interessenpolitik gewichen.

Die WM 2022 in Katar wurde unter massiver Kritik an der Menschenrechtslage und an der Situation der Wanderarbeiter ausgetragen. 2024 vergab die FIFA die WM 2034 an Saudi-Arabien, im Grunde ohne Gegenkandidaten und trotz eindringlicher Warnungen. Human Rights Watch sprach von eklatanten Menschenrechtsverletzungen, Amnesty International von einer rücksichtslosen Entscheidung, die viele Menschenleben gefährden werde. Die FIFA selbst attestierte dem Land lediglich ein mittleres Risiko. Human Rights Watch untersuchte fast 50 Todesfälle auf saudischen Baustellen und sieht die Risiken durch die WM-Bauten weiter steigen.

Dazu die politische Vereinnahmung. Im Mai 2025 reiste Infantino der Trump-Golfstaaten-Tour hinterher und erschien verspätet zum eigenen FIFA-Kongress in Südamerika. Bei der WM-Auslosung in Washington im Dezember 2025 verlieh er einen neu geschaffenen FIFA-Friedenspreis an Donald Trump.

Medien kommentierten das als Speichelleckerei. Die Menschenrechtsorganisation FairSquare reichte daraufhin eine Beschwerde bei der Ethikkommission wegen Verletzung der politischen Neutralität ein.

Und jetzt, mitten in der laufenden WM 2026 in den USA, der vorläufige Tiefpunkt. US-Stürmer Folarin Balogun sah im Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina nach VAR-Überprüfung die Rote Karte, was normalerweise eine automatische Sperre für das nächste Spiel nach sich zieht. Die FIFA setzte diese Sperre jedoch für ein Jahr zur Bewährung aus, sodass Balogun im Achtelfinale des Gastgebers gegen Belgien in Seattle auflaufen durfte.

Der Grund kam über Umwege ans Licht: Infantino räumte ein, einen Anruf von Donald Trump erhalten zu haben, und stellte es als bloßen Austausch dar, dies wurde von Trump mittlerweile sogar bestätigt.

Ein Präzedenzfall, in dem ein Staatschef Druck auf die FIFA ausübt, um über die Aufstellung in einem Spiel zu bestimmen, existiert nicht. Die UEFA sah eine rote Linie überschritten, Belgien legte formell Berufung ein, der DFB verlangte Aufklärung.

Das ist die Steigerung zum Friedenspreis. Ein amtierender Präsident greift in eine sportliche Regelentscheidung ein, und der Verband beugt dafür sein eigenes Disziplinarreglement zugunsten des kommerziell wichtigsten Marktes. Regeln gelten, bis der richtige Anrufer sie unbequem findet.

Was bleibt
Die FIFA hat in zehn Jahren nicht gelernt, integer zu handeln. Sie hat gelernt, Integrität besser zu inszenieren und gleichzeitig die Instrumente zu schwächen, mit denen man sie überprüfen könnte. Das Ethikreglement ohne das Wort Korruption, der Maulkorbparagraf, das mittlere Risiko für Saudi-Arabien, der Friedenspreis für einen amtierenden Präsidenten: Das ist keine Governance, das ist deren Simulation.

Für alle, die in ihren Organisationen ernsthafte Compliance-Strukturen aufbauen, ist die FIFA die wertvollste Negativschablone, die man sich denken kann. Sie zeigt, dass Ethikkodizes, Kommissionen und Reformversprechen wertlos sind, solange sie nicht mit echter Unabhängigkeit, Sanktionsfähigkeit und dem Schutz von Hinweisgebern unterlegt sind. Verantwortung implementiert man nicht dadurch, dass man das Wort für ihr Gegenteil aus dem Regelwerk löscht.


Dieser Beitrag ist am 6. Juli 2026 erschienen unter https://www.mrak.at/gelautert-von-wegen-zehn-jahre-nach-meinem-seminar-bei-der-fifa/?ref=responsibility-implemented-newsletter 

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