Vier mal fünf ist zwölf. Vier mal sechs ist dreizehn. Vier mal sieben ist vierzehn. Wer so rechnet, kommt nie bis zwanzig. Das stellt Alice fest, kurz nachdem sie in den Kaninchenbau gefallen ist (diese Szene stammt aus Lewis Carrolls „Alice im Wunderland"). Sie will prüfen, ob sie noch sie selbst ist, und greift dafür zu dem, was sie kennt: dem Einmaleins. Nur passt es nicht mehr zu der Welt, in der sie gelandet ist.

An diese Szene musste ich denken, als ich mir vor kurzem die Mitgliederstatistik der Wirtschaftskammer für Wien angesehen habe. Bei einer Zahl habe ich zweimal hingeschaut.

503. 

So viele Frauen waren 2010 in Wien als IT-Dienstleisterinnen mit eigenem Einzelunternehmen aktiv. Sieben Jahre später waren es 489. Nicht mehr, sondern weniger. In denselben Jahren kamen fast 400 Männer dazu.

Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Nicht über Quoten. Sondern darüber, wie wir eigentlich verändern, wenn wir dabei so vieles bewahren. Die ganze Zeitreihe bis 2025 erzählt eine ruhige, aber deutliche Geschichte. In der IT-Dienstleistung ist der Frauenanteil in Wien in 15 Jahren von 9,7 auf 11,2 Prozent gestiegen. Unter demselben UBIT-Dach, in der Unternehmensberatung, stieg er im selben Zeitraum von 28,8 auf 37,5 Prozent. In der Beratung ist seit 2010 fast jede zweite neue Selbstständige eine Frau. In der IT ist es jede siebte.

Und Wien ist keine Ausnahme. In Niederösterreich liegt der Frauenanteil in der Unternehmensberatung 2025 bei 32,1 Prozent, in der IT-Dienstleistung bei 9,9 Prozent. Österreichweit sind es 33,8 und 10,0 Prozent. Selbst der höchste Wert aller Bundesländer in der IT-Dienstleistung, 12,6 Prozent in Kärnten, erreicht nicht einmal 13 Prozent. In der Unternehmensberatung liegt dagegen kein einziges Bundesland unter 28 Prozent.

Und die Zwölf taucht immer wieder auf. Die Impact IT-Studie 2026 des VÖSI, wissenschaftlich geleitet von Economica, kommt in den befragten Unternehmen auf 12,8 Prozent Frauen in IT-Rollen und 12,2 Prozent in Führungspositionen. Insgesamt arbeiten dort 21,8 Prozent Frauen. Frauen sind also in den IT-Unternehmen. Nur seltener in den IT-Rollen. Auch beim Nachwuchs landen wir in derselben Größenordnung. Laut dem Factsheet von Frau in der Wirtschaft der WKO lag der Frauenanteil 2024 im Einzellehrberuf Applikationsentwicklung Coding bei 12,4 Prozent.

Eine Erklärung höre ich immer wieder. Die Umgebung in der IT kann sich nicht verändern, solange zu wenige Frauen dort sind. Und es sind zu wenige Frauen dort, weil sich die Umgebung nicht verändert. Dazwischen stehen Männer, die ehrlich sagen, sie wüssten nicht, wie sie uns motivieren sollen. Und Frauen, die auf eine Umgebung warten, die zu ihnen passt.

Ich glaube, alle meinen es hier gut. Und trotzdem dreht sich etwas im Kreis. Wir zählen fleißig. Wir messen, berichten, vergleichen. Wir kommen nur nicht bis zwanzig. Nicht, weil wir falsch rechnen, sondern weil wir mit der alten Tabelle rechnen.

Wir wollen eine neue Welt betreten. Und prüfen sie mit den Regeln der alten.

Dabei ist Bewahren nicht falsch. Manches verdient es, bewahrt zu werden: Qualität, Verlässlichkeit, fachliche Tiefe. Die eigentliche Frage ist eine andere. Was bewahren wir, weil es uns trägt? Und was bewahren wir, weil es uns vertraut ist?

Was in der Beratung anders gelaufen ist, kann ich nur vermuten. Aber ein Detail in der Zeitreihe fällt mir auf. 2012 hat die Wiener Unternehmensberatung die Schwelle von 30 Prozent Frauen überschritten. Seitdem steigt der Anteil Jahr für Jahr weiter, fast wie von selbst.

Ich bin keine Soziologin. Aber bei meiner Recherche bin ich auf die Arbeit von Rosabeth Moss Kanter gestoßen. Sie hat schon 1977 beschrieben, was in Gruppen passiert, in denen eine Minderheit nur rund 15 Prozent ausmacht. Die Einzelnen werden dort zu Ausnahmen. Sie werden beobachtet, verglichen, stellvertretend für alle gesehen. Erst wenn eine Gruppe deutlich größer wird, hört sie auf, Ausnahme zu sein. Heute sprechen wir von Sense of Belonging: dem Gefühl, an einem Ort selbstverständlich dazuzugehören. Wer es hat, bleibt. Und wer bleibt, bringt andere mit.

Deshalb glaube ich: Das Ziel heißt nicht zwanzig.

Wir brauchen dreißig Prozent. Ab dort kann sich die Veränderung selbst tragen.

Unter dieser Schwelle bleibt jede Initiative ein Anschieben. Darüber beginnt etwas zu rollen. Und genau dort steckt die IT seit 15 Jahren im Stau.

Beim Weiterlesen bin ich allerdings auf einen wichtigen Einwand gestoßen. Er geht auf die Psychologin Janice Yoder zurück, die sich später mit Kanters Ansatz auseinandergesetzt hat. So wie ich ihre Arbeit verstanden habe, reichen Zahlen allein nicht immer. Wenn Veränderung als Verlust erlebt wird, kann der Widerstand mit wachsender Zahl sogar zunehmen. Zahlen sind notwendig. Aber sie sind nicht ausreichend.

Und hier schließt sich für mich der Kreis zum Bewahren. Menschen halten fest, was ihnen Sicherheit gibt. Veränderung gelingt dort, wo sie nicht als Verlust erlebt wird, sondern als Gewinn für alle.

Auch Alice findet übrigens ihren Weg. Nicht, indem sie das Einmaleins lauter aufsagt. Sondern indem sie ausprobiert. Ein Stück vom Pilz von der einen Seite, ein Stück von der anderen. So lange, bis sie die Größe hat, die zur Tür passt. Die neue Welt hat eigene Regeln. Man lernt sie nur, wenn man sich auf sie einlässt.