Mittwoch, Juli 06, 2022



Martina Sennebogen ist seit Anfang des Jahres ­Country Managerin von ­Capgemini. Ihr Ziel ist, die internationale Firmenmarke weiter in Österreich zu stärken und die ­Vereinbarung von ­Arbeit und Privatleben auch im ­Consulting zu fördern.

Report: Sie führen seit Jänner das Geschäft von Capgemini in Österreich. Vor welchen Herausforderungen steht Ihr Unternehmen aktuell?

Martina Sennebogen: Ich würde es weniger als Herausforderung bezeichnen, sondern vielmehr als Chance: Meine wichtigste Aufgabe, mit der ich zu Capgemini kam, ist, die internationale Kompetenz und Macht der Gruppe nach Österreich zu bringen. Wir wollen jene Services, die Capgemini mit über 340.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weltweit leisten kann, auch für den österreichischen Markt zugänglicher machen. Das Unternehmen war zwar bislang bereits in Österreich vertreten, aber historisch bedingt durch die enge Beziehung mit der Niederlassung in Deutschland hier vielleicht weniger aktiv, als es grundsätzlich möglich wäre. Wir selbst haben knapp 250 hochgradig gut ausgebildete Mitarbeiter*innen, die in vielen Projekten in Österreich und auch in anderen Ländern tätig sind. Diese Erfahrung zu bündeln und am österreichischen Markt auszurichten, ist die Kernaufgabe.

Report: Wofür steht Capgemini? Was versprechen Sie Ihren Kund*innen?

Sennebogen: Wir fassen unser Portfolio unter dem Schlagwort der nachhaltigen Modernisierung zusammen. Wir wollen nicht ad hoc wahllos möglichst viele Projekte liefern, sondern es ist uns ein Anliegen, langfristig mit unseren Kund*innen zusammenzuarbeiten und sie entlang ihrer Reise zu begleiten. Die Modernisierung von Altsystemen und die Anpassung an neue Gegebenheiten ist gerade auch für den österreichischen Markt ein wichtiges Thema – nach Jahren der Suche und des Findens von passenden Strategien und des Ausprobierens. Wir setzen auf eine Verbindung des »Advisory« – des klassischen Consultings – mit den Menschen und Teams, die gemeinsam die Dinge in die Umsetzung bringen.

Report: In welchem Bereichen docken Sie hauptsächlich an?

Sennebogen:
Die Applikationsmodernisierung hat viele Facetten – sei es ein klassisches SAP-System oder Anwendungen »on prem«, die auch in eine Cloud-Infrastruktur oder in ein hybrides Setup eingebunden werden. Wichtig ist, dass eine Modernisierung entlang einer Applikations- und Systemlandschaft stets mit dem Fokus auf die Customer Experience geschieht. In diesem Zusammenhang zieht oft auch eine Prozess­automatisierung in die Systeme ein. Wir haben hier bereits gute Beispiele im Filtern und der Steuerung von Kanälen in der Kundenkommunikation oder bei Prozessen im Rechnungswesen, im Personalbereich oder im Vertrieb bei Analysen, Reportings und Prognoseberechnungen zur Unterstützung der Mitarbeiter*innen.
 
Report: Wenn Sie eine einzelne Technologie in der IT nennen würden, die in den nächsten Jahren massiv Unternehmen verändern wird – wäre das Automatisierung?

Sennebogen:
Wenn ich die eine Technologie wüsste, würde ich Ihnen direkt nach der Anmeldung meines Patents davon berichten (lacht). Automatisierung ist ein wichtiger Baustein in Projekten, aber die Zielsetzungen der Unternehmen sind vor allem die Erhöhung von Effizienz und das Thema »Go to Market« – wie also Technologie genutzt werden kann, um schneller und kundenorientierter zu werden. Lösungen aus dem Cloud-Computing und Low-Code-Entwicklung helfen bei diesen Herausforderungen. Man muss bei dieser Frage auch zwischen jenen Themen, die Unternehmen aktuell beschäftigen, und künftigen Trends unterscheiden. Derzeit sind es eben die Modernisierung, Effizienzsteigerung und auch intelligente Technologien für die Nutzung von Daten. In den kommenden Jahren werden uns sicherlich auch ausgereiftere Technologien wie Augmented Reality und Quanten-Computing beschäftigen. Entsprechend ist es unsere Aufgabe als Consultants, auch diese Themen mitzudenken, und sich dennoch zuerst einmal auf die Hausaufgaben an der Basis zu konzentrieren.

Viele der Themen in Unternehmen in Zukunft werden auch eine Weiterentwicklung der Herausforderungen heute sein. Nehmen wir den Umgang mit Daten zum Beispiel: In den vergangenen Jahren hatte man mit Zentralisierung versucht, die Daten in der eigenen Organisation in den Griff zu bekommen und mit einer entsprechenden Qualität auch möglichst großen Nutzen daraus ziehen zu können. Künftig wird man in einem nächsten Schritt Daten auch über die eigenen Firmengrenzen hinaus miteinander verschränken – mit anderen Unternehmen und etwa auch Behörden. Das erfordert eine neue rechtliche und regulatorische Betrachtung, bietet aber ein Riesenpotenzial.

Report: Werden datenbasierte Technologien helfen, die Nachhaltigkeit von Unternehmen hinsichtlich Emissionseinsparungen, fairen Arbeitsbedingungen und Ressourceneffizienz zu verbessern?

Sennebogen:
Auf jeden Fall. Ich sehe dazu die Wirtschaft in einer neuen Phase der Umsetzung. CSR-Themen (Anm. »Corporate Social Responsibility«) waren zu Beginn oft eine Aufgabe für die Unternehmenskommunikation und fürs Marketing. Heute werden sie von Jobbewerber*innen aktiv nachgefragt. Auch hier wieder brauchen wir die Datenverschränkung, die bisher bereits eine Transparenz in den Liefer- und Wertschöpfungsketten von Produkten und Services gebracht hat – künftig wird das bis zur Nutzung bei den Endkund*innen gehen. Ich weiß es selbst aus Gesprächen, dass das Interesse groß ist, für welche Werte ein Unternehmen steht und welchen Beitrag die oder der Einzelne dazu liefern kann. Das betrifft grüne Themen aber auch die Unternehmenskultur in Sachen Gerechtigkeit und Flexibilität in der Vereinbarung von Beruf und Freizeit.

Report: Was macht Capgemini hier besser als andere Unternehmen?

Sennebogen: Ich glaube, jedes Unternehmen braucht ein Konzept, das zur Kultur und der eigenen Organisation passt. Die IT-Branche hat seit Jahren mit einem Fachkräftemangel zu kämpfen, der nicht durch das gegenseitige Abwerben von Mitarbeiter*innen gelöst werden kann. Dann stehen die Unternehmen vielfach auch vor einem Generationenwechsel in ihrer Belegschaft. Einer aktuellen IT-Trends-Studie von Capgemini zufolge werden in den nächsten zehn Jahren durchschnittlich 23 Prozent der Mitarbeitenden im IT-Markt in den Ruhestand gehen. Und wir werden bei weitem nicht so viele ausgebildete neue Fachkräfte haben. Auch in der IT wird man deshalb auf einen Mix an Nachbesetzung und Veränderungen in der Arbeitswelt mit Hilfe von intelligenten Automatisierungslösungen setzen. Und es werden sich Unternehmen in allen Branchen die Frage stellen müssen, welche Kompetenzen tatsächlich im eigenen Unternehmen benötigt werden. Was wird unbedingt in Österreich gebraucht? Was könnte man sich dazukaufen oder wie in unserem Fall als Ressourcen innerhalb einer internationalen Unternehmensorganisation holen?

Gerade beim Thema Work-Life-Balance in Verbindung mit Homeoffice und neuen Arbeitszeitmodellen steht die Consultingbranche vor der großen Aufgabe, die Wünsche der Mitarbeiter*innen auch mit dem Bedarf bei den Kundenunternehmen abzustimmen. Wir führen dazu stets auch Gespräche mit unseren Kunden. Die Zeiten haben sich geändert. Heute sitzt eine Beraterin oder ein Berater nicht mehr rund um die Uhr beim Kunden.

Report: Wie gehen Sie mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und auch flexiblen Arbeitszeiten und -orten um? 

Sennebogen:
Grundsätzlich – mit oder ohne Familie – sind bei uns jederzeit Teilzeitmodelle möglich, ebenso wie die Arbeit von Zuhause. Das hängt auch von der Rolle im Unternehmen und den Projekten bei den Kunden und dem Reifegrad eines Auftraggebers ab. Auch Bildungskarenz für die Dauer eines Jahres wird in Anspruch genommen und von uns auch unterstützt. Ich selbst sehe mich hier ein bisschen als Role Model im Unternehmen: Mit drei Kindern sitze ich auch als Führungskraft nicht 60 Stunden im Büro. An drei Tagen in der Woche hole ich meine Kinder am Nachmittag vom Kindergarten ab und plane Meetings und andere Arbeiten am Abend. Wenn man zehn Jahre zurückdenkt, war diese Möglichkeit der flexiblen Einteilung in der Consultingbranche undenkbar. Ich kann nach sechs Monaten bei Capgemini bestätigen: Es funktioniert gut.

Man hat generell nach den ersten Pandemiejahren erkannt, dass die Flexibilität des Arbeitsortes und der Arbeitszeit zwar viele Herausforderungen bringt, aber den Menschen auch guttun kann. Nebenher vermeiden wir Kosten bei der Reduktion von Flügen und der CO2-Emissionen, wenn wir nicht täglich ins Büro fahren. Nach unserem Arbeitsmodell sollte man zwei Tage in der Woche im Büro sein – vorausgesetzt der Arbeitsweg ist nicht zu weit. Nicht jeder bei Capgemini wohnt im Umkreis von Wien. Ein großes Talent in Salzburg wird natürlich von dort aus arbeiten können und beispielsweise Kunden in Vorarlberg betreuen.

Viele dieser Maßnahmen, die oft in der Öffentlichkeit diskutiert werden, gehen immer noch in die Richtung von »one fits all« – ich bin aber überzeugt, dass es individuelle Modelle benötigt. Das kann auch Weiterbildungszeiten betreffen, denn wahrscheinlich wird nicht jeder zur gleichen Zeit lernen und viele sind zu unterschiedlichen Zeitpunkten hochproduktiv. Die Lebenswelten sind mittlerweile zu individuell, um alle über einen Kamm zu scheren. Unternehmen sind gefordert, eine Arbeitsumgebung zu bieten, die zu den Menschen passt. Man nimmt sich sonst aus dem Rennen um die besten Köpfe.

Report: Wie viele Stellen sind derzeit bei Capgemini in Österreich offen?
Sennebogen: Aufgrund unseres starken Wachstumsplans haben wir im Moment tatsächlich 40 offene Stellen. Würde durchwegs Englisch als Sprache auch in den Projekten bei unseren Kunden ausreichen, hätten wir weit mehr Fachkräfte zur Verfügung, als wir benötigen. Gerade bei kleineren Kunden ist aber nach wie vor Deutsch bei der Beschreibung von IT-Prozessen gefragt. Trotzdem habe ich mich dazu entschlossen, nicht alle Stellen deutschsprachig zu besetzen. Die Fähigkeiten und Erfahrungen aus Projekten in anderen Ländern auch nach Österreich zu bringen, ist absolut wichtig.


Zur Person
Martina Sennebogen ist seit Jänner Country Managerin von Capgemini in Österreich. Die gebürtige Kärntnerin war davor Head of Global Sales beim Linzer Softwareunternehmen Celum und elf Jahre lang in Marketing- und Sales-Funktionen bei Microsoft in Österreich tätig. Sie begann ihre Karriere als Produktmanagerin bei Hirsch Armbänder. Danach war Sennebogen mehrere Jahre beim globalen Werbeagenturnetzwerk McCann-Erickson tätig, wo sie als Etatdirektorin für große Marken wie H&M, Nestlé und Kempinski arbeitete.

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