Montag, Dezember 06, 2021
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„Ein bunter Mix, bei dem wir uns gegenseitig helfen können“

Peter Haupt arbeitet mit einem zwanzigköpfigen Team an der Weiterentwicklung und Optimierung der Telekommunikationsinfrastruktur in Österreich. Es sind viele weitere Standorte geplant und das Österreich-Team soll auf 30 aufgestockt werden.

Eine „Tower Company“ rollt den Infrastrukturmarkt im Mobilfunk neu auf und verspricht Netzbetreibern Kosteneinsparungen und Effizienz im weiteren Ausbau von 5G und dem „Internet of Things“.

Es gibt Deals, die trotz ihrer Größe unter der Aufmerksamkeitsschwelle auch an Wirtschaftsnachrichten Interessierter bleiben. Für rund zehn Milliarden Euro sind Ende 2020 insgesamt 26.000 Mobilfunkstandorte von Hutchison – der Gesamtbestand des Telekommunikationsunternehmens in Europa – in den Besitz der »Tower Company« Cellnex übergegangen. Die Verträge in Österreich, Irland, Dänemark, Schweden, Italien und UK beinhalten zudem den Ausbau von mehr als 5.000 Standorten in den nächsten Jahren mit einem Investitionsvolumen von weiteren 1,4 Milliarden Euro – darunter einige hundert »Sites« in Österreich.

In Österreich tritt Cellnex als On Tower Austria GmbH auf. Mit dem Deal wurde das Unternemen auf einen Schlag mit fast 4.500 Standorten einer der größten Betreiber von Telekommunikationsinfrastruktur. Die Tochtergesellschaft der spanischen Cellnex Telecom steht für einen Paradigmenwechsel in der Branche: Waren in den Jahren des Netzaufbaus die Mobilfunkmasten klares Kerngeschäft der Netzbetreiber, besinnt man sich angesichts einer Übermacht von Netflix, Amazon und Co sowie generell sinkender Renditen in der Telco-Branche auf neue Partnerschaften.

Herr über die knapp 4.500 Telekommunikationsstandorte von Drei in Österreich ist Peter Haupt, seit Dezember 2020 Managing Director der On Tower Austria GmbH. Er war ab 2001 Mitarbeiter der ersten Stunde von Hutchison Drei Austria und zuletzt Leiter der Bereiche Einkauf, Logistik und Facility Management. »Für Mobilfunker ist es ein guter Ansatz, Geld zu lukrieren, aber auch um Verantwortung auszulagern«, beschreibt Haupt das Geschäftsmodell des Outsourcings. Immobilien-Assets und Anlageninfrastruktur werden in eigene Servicegesellschaften geschoben, die fokussiert nur eines tun: den Betrieb der Infrastruktur sicherzustellen und gegebenenfalls auch den weiteren Ausbau umzusetzen. Auch Magenta und A1 haben ihre Mobilnetz-Infrastrukturen bereits in eigene Konzerntöchter verlagert.

Geteilte Arbeit
Cellnex hat Hutchison auf einen Schlag »unglaublich viel Geld« beschafft und Techniker*innen und administrative Kräfte sind nun über Österreich hinaus in der Region tätig, um neue Standorte zu errichten aber auch an den bestehenden zu arbeiten. Mit der Schweiz teilt man sich ein »Shared Service Center«.

Die Rechnung ist einfach: Je mehr Standorte Tower Companies wie Cellnex im Portfolio haben, desto günstiger wird es und desto besser sind die Fachkräfte in der Wartung und im Netzbau ausgelastet. Während Cellnex auch die Antennentechnik aufbaut, wird die IKT-Hardware weiterhin von Drei gestellt. »Wir optimieren die Standorte, indem wir auch andere Faktoren einfließen lassen. So empfehlen wir gemeinsam mit der Funknetzplanung unserer Kunden auch einmal eine Übersiedelung einer Anlage, um bessere Netzqualität und Kostenstrukturen zu erreichen«, beschreibt er.

Neben Hutchison ist Haupt in Gesprächen mit anderen Telekomanbietern. Darüber hinaus hat Cellnex kleinere Unternehmen im wachsenden Markt des »Internet of Things« als Zielgruppe entdeckt. Um ganz Österreich künftig mit IoT-Netzen abdecken zu können, braucht es viel Anstrengung und gehörige Investitionen. Je nach lokalen Möglichkeiten können große und kleine Betreiber den Standortservice von Cellnex – also Flächen, bauliche Strukturen, Antennen, Stromversorgung und Kühlung sowie Wartungen und Fehlerbehebungen – mitbenutzen.

»Wir fokussieren auf nichts anderes als auf diesen Teil der Wertschöpfungskette«, spricht der Experte von einem replizierbaren »Industrial Model«. Man sei nicht Investor, sondern Infrastrukturanbieter mit mittlerweile 120.000 Standorten. Ziel ist es, in jedem der Länder, in denen man mit einem ersten Kunden aufgeschlagen ist, mindestens einen zweiten zu finden. Dann könne mit einer Netzoptimierung so richtig durchgestartet werden. In Spanien etwa hat Cellnex zwei Infrastrukturkunden, darunter befindet sich – ein Unikum in Europa – auch der landesweite Rundfunkbetrieb. In Frankreich sind es drei, dazu werden auch Rechenzentren betrieben.

Ansätze für eine Konsolidierung der Services für die Netzinfrastrukturen der Mobilfunker gab es in der Vergangenheit bereits – der Erfolg blieb allerdings aus, Unternehmen mit ähnlichen Geschäftsmodellen wie Cellnex zogen sich wieder vom Markt zurück. Sogar behördlich wurden den Betreibern Steine in den Weg für Kooperationen gelegt, indem die Netze sämtlicher Betreiber kurzerhand zu Marktmonopolen mit entsprechenden Einschränkungen bei Kooperationen erhoben wurden. Heute gibt es rund 18.400 Basisstationen auf Dächern, Türmen, Mobilfunkmasten, Hochspannungsmasten und anderer Infrastruktur in Österreich.

Paradigmenwechsel
Mittlerweile sind neue Zeiten sowohl im Konkurrenzdenken als auch in der Bewertung des Kerngeschäfts im Mobilfunk angebrochen. Österreich wurde mit 2G-, 3G- und 4G-Netzen gut abgedeckt, die Endkundenpreise sind im Europavergleich immer noch niedrig und die Betreiber werken nun emsig an den festgelegten Ausbauzielen der nächsten, fünften Mobilfunkgeneration. Laut RTR werden aktuell 43 Prozent der Standorte von mehreren Netzbetreibern genutzt (»Sharing«). Die Branche betrachtet Netze als notwendige Basis fürs Geschäft. Voneinander abheben will man sich allerdings mit Services und Kostenoptimierungen.

Die regulatorischen Einschränkungen hätten ohnehin nur die technische Netzausrüstung betroffen, kaum den Standortbetrieb, betont Haupt. Und sogar die Auslagerung der IKT-Hardware an Dritte ist rechtlich möglich, solange eine Versorgungssicherheit für die Bevölkerung gewährleistet bleibt und der Mobilfunker weiterhin den Netzbetrieb verantwortet.

Wie Eigentumsverhältnisse und Serviceleistungen gestaltet sind, ist von Land zu Land unterschiedlich. Neben den großen Mobilfunkern fokussiert Haupt auf Unternehmen, die hierzulande lokale 5G-Lizenzen erworben haben und ebenso in Netzinfrastruktur investieren: Mass Response, Grazer Stadtwerke, Salzburg AG und Liwest. »Die einen bauen die Standorte selbst, andere wollen diese zu ihrem Portfolio hinzumieten. Es ist ein bunter Mix, bei dem wir uns  gegenseitig helfen können«, ist er überzeugt. »Das gibt den Netzbetreibern die Chance, auf ihre Kund*innen zu fokussieren.«

 

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