Montag, Dezember 06, 2021
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»Wissen sehr genau, wo etwas passiert«

Peter Lenz, Managing Director Region Alpine T-Systems, im Gespräch.

Peter Lenz, Managing Director Region Alpine T-Systems, über die Herausforderungen in der Digitalisierung der Wirtschaft und die Schwerpunkte des europäischen IKT-Dienstleisters.


(+) plus: T-System hat eine neue Strategie für Österreich angekündigt. Welche Wirtschaftsbereiche und Industrien werden nun verstärkt angesprochen?

Peter Lenz: Die neue Strategie unserer IT-Lösungen und Services trifft sich gut mit unseren bisherigen Aktivitäten in Österreich und in der Schweiz. T-Systems CEO Adel Al-Saleh hat speziell die Bereiche öffentlicher Sektor, Health – der jetzt pandemiebedingt einen Schub in der öffentlichen Wahrnehmung erfahren hat – und Public Transport, wo wir bei großen Kunden wie SBB und ÖBB gut vertreten sind, als große vertikale Initiativen festgemacht.
Als vierte Säule haben wir Automotive, wo die T-Systems traditionell mit der Daimler IT und Volkswagen IT ihre Wurzeln hat. Im Automobil-Zuliefererland Österreich ist das natürlich ein interessanter Fokus.


(+) plus: Was können Sie für Kunden im Automotive- und Transportbereich einbringen?

Lenz: Wir bieten vertikale Expertise mit speziellen Lösungen, wie etwa das Abführen von Daten aus den Fahrzeugen für Entwicklungen rund um automatisiertes Fahren – hier werden die großen Datenmangen über Edge-Computing bereits bei Sendestationen verarbeitet und komprimiert weitergegeben. Ebenso brauchen Bahnunternehmen oder der öffentliche Verkehr branchenspezifische Lösungen für die Bereitstellung von Echtzeitinformationen, aber auch Technologie im Bereich Servicequalität, der Customer Experience.

Wir haben hier in den letzten Jahren bereits die Österreichische Bundesbahn unterstützen können bei ihrer erfolgreichen App für ein einfaches und schnelles Ticketsystem. Die Schweizer Bundesbahn hat ein fantastisches Reservierungssystem, das ich selber auch als Kunde gerne nutze, weil es intuitiv und einfach ist.

Auch der Health-Bereich rund um den digitalen und mobilen Patienten mit der Vor- und Nachbereitung bei einem Spitalsaufenthalt und der Rehabilitation – das alles sind Lösungen, wo man wirklich die Gesundheitsbranche und -prozesse zum Wohle des Patienten umkrempeln kann.


(+) plus: Wo liegen die Daten Ihrer Kunden des öffentlichen Bereichs gespeichert – bei einem lokalen IT-Dienstleister oder bei Hyperscalern (Anm. Amazon Web Services, Microsoft Azure und Google Cloud Platform)?

Lenz: Die Datensicherheit können lokale Dienstleister ebenso wie internationale Player gut gewährleisten. Wichtig ist aber die Entscheidung, wer die Operations der Datenverarbeitung innehat. Das heißt: Tangiert es mich, wenn gerade in Indien die Deltavariante grassiert und das dortige Cloud-Team betroffen ist? Gibt es in den dortigen IT-Organisationen auch einen Notfallplan, der etwa Ersatzteams bereithält? Hier ist man am Wirtschaftsstandort Europa gut beraten, darüber nachzudenken.

Es gibt einige Initiativen wie die Österreich-Cloud – bei der vor wenigen Wochen Unternehmen wie auch T-Systems von Ministerin Margarete Schramböck ausgezeichnet worden sind – oder Gaia-X mit Deutschland und Frankreich als Initiatoren. T-Systems CTO Max Ahrens ist als Vorsitzender des Board of Directors bei Gaia-X ein wesentlicher Treiber für die europäische Datensouveränität.



Rechenzentren von T-Systems bieten Hochverfügbarkeit, eine hochredundante Strom-, Klima- und Netzversorgung – so auch am Standort Wien bei der Unternehmenszentrale des IKT-Dienstleisters.

(+) plus: Was werden Ö-Cloud und Gaia-X aus Ihrer Sicht lösen können?

Lenz: Ich denke, dass gerade in den von uns angesprochenen Sektorlösungen, in allen Bereichen von Data Storage und Computing – mit sensiblen Gesundheitsdaten, Fahrzeug- und Bewegungsdaten – die Datenhoheit und Vertraulichkeit sehr wichtig ist. Es geht hier um einiges – und in weiterer Form auch um das Aufbauen eines gesunden Gegengewichts zu den Hyperscalern. Ich merke gerade bei Unternehmen aus dem öffentlichen Bereich einen gewissen gesunden Datennationalismus.


(+) plus: Inwieweit sollten IT-Services auch für Business-Kunden einfach, nutzerfreundlich und auf Menschen zugeschnitten sein? Und wo steht die IT-Branche damit derzeit wirklich?

Lenz: Gerade im Business-Bereich hat sich dazu in den letzten Jahren viel getan. Es wurde immens viel in die User Experience investiert, wenn auch bei jedem Patch und jedem Upgrade die für die Nutzer gewohnten Funktionalitäten der Lösungen auf ihr Funktionieren überprüft werden müssen. Generell ist aber viel passiert, wenngleich weiter Luft nach oben ist.

Sicherlich ist das auch für die Business-User wichtig: Auch Softwarehersteller wie SAP haben erkannt – SAP bietet das mit Fiori Apps –, dass es für Organisationen notwendig ist, sich nicht nur auf externe, sondern auch auf interne Nutzer einzustellen. Es wird immer Hardcore-Nutzer geben, die ihr gewohntes, altes User-­Interface bevorzugen – was Fiori nach wie vor bietet. Der Großteil der Nutzer aber, gerade auch jüngere Generationen in den Unternehmen, schätzen zeitgemäße User-Frontends bei den Anwendungen.


(+) plus: Welche Synergien haben sich für T-Systems Alpine bislang durch den gemeinsamem Geschäftsraum Österreich und Schweiz ergeben?

Lenz: Die Zusammenarbeit mit den Schweizer Kolleginnen und Kollegen hat sich für uns sehr ausgezahlt – bis hin zu einer durchmischten Geschäftsführung mit zwei Schweizern und zwei Österreichern, die jeweils auch für das andere Land zuständig sind. Wir hatten davor zwei völlig getrennte Siloorganisationen, die autark gearbeitet hatten, und haben jetzt Synergien in den Produktionsbereichen gefunden, ebenso wie auf der administrativen Ebene. Fairerweise muss man sagen, dass die Systemharmonisierung auch noch weiter vorangetrieben werden muss – da sind wir noch nicht fertig.

Dazu kommt, als Organisation natürlich auf die unterschiedlichen arbeitsrechtlichen Bedingungen in den beiden Ländern achten zu müssen. Das Freizügigkeitsprinzip der Europäischen Union gilt in der Schweiz mit ihrem abgeschotteten Arbeitsmarkt ja nicht.

Letztlich gibt es aber so etwas wie einen europäischen Marktpreis, den wir mit nicht nur mit österreichischen und schweizerischen, sondern auch internationalen Ressourcen aus dem Konzern treffen müssen. Da brauchen wir große Nearshore-Zentren, wie wir sie in Košice in der Slowakei ebenso wie etwa in Ungarn haben.


(+) plus: Wie hat sich der Personalstand in den Ländern der Alpine-Region im letzten Jahr entwickelt?

Lenz: Er ist stabil geblieben. Unsere Suche nach den passenden Arbeitskräften ist in den letzten Monaten noch schwieriger geworden – es ist wie Dynamitfischen um Personalres­sourcen in der IT. Derjenige, der aktuell die Leute hat und an sich binden kann, wird in den nächsten Jahren das Rennen machen.


(+) plus: Wie wird das Thema hybrides Arbeiten in Ihrer Organisation gehandhabt?

Lenz: Der flexible Arbeitsort war bei uns schon vor der Pandemie gang und gäbe. Mit den Lockdowns hatten wir dann 100 % Homeoffice und mit aktuellen Betriebsvereinbarungen wieder eine hohe Flexibilität klar geregelt und besiegelt. Ich halte es trotzdem für positiv, ungefähr die Hälfte der Zeit im Büro mit den Kolleginnen und Kollegen und den Kunden in der Co-Creation zusammenzusitzen – bei einem Kaffee, dem gemeinsamen Mittagessen oder bei einem Bier nach der Arbeit. Wenn wir das nicht schaffen, haben wir künftig ein Heer von tausend Freelancern, wo man dann gar nicht mehr genau weiß, für wen man eigentlich arbeitet. Halbe-Halbe ist aus meiner Sicht die gesunde Mischung.


(+) plus: Sie haben jüngst die Zusammenarbeit mit Google Cloud weiter ausgebaut. Was bedeutet das für Ihre Kunden?

Lenz: Neben den Hyperscalern Microsoft und Amazon Web Services wollen wir nun verstärkt auch mit Google, beispielsweise in den Bereichen Data Analytics und künstliche Intelligenz, zusammenarbeiten. Wir sehen das herstelleragnostisch, in dem wir mit jedem können und für jede spezielle Kundenanforderung gemeinsam mit dem Kunden die beste Cloud-Lösung anbieten können. Das kann eine dieser Plattformen oder auch eine Deutsche-Telekom- und T-Systems-eigene Cloud, aber nach wie vor auch IT-Infrastruktur »on premises« beim Kunden sein oder in unserem Rechenzentrum im T-Center.

Ich denke, am schönsten hat es der Google Cloud CEO Thomas Kurian gesagt: Kunden suchen einen Partner, der Anwendungen nicht einfach nur in die Cloud verlagert, sondern der sie auch bei der digitalen Transformation unterstützt. Genau das wird diese Partnerschaft ermöglichen. Wir wollen Unternehmen an der Hand nehmen, und diese auf ihrer Digitalisierungsreise, wo Cloud ein Element ist, begleiten.


(+) plus: Warum sollten Unternehmen bei ihrer Cybersicherheit die Zusammenarbeit mit Servicepartnern wählen? Sollte dieses Know-how nicht besser in der eigenen Organisation gepflegt werden?

Lenz: Die aktuellen Erpressungsversuche und Ransomware-Attacken auf verschiedenste Firmen wie Salzburg Milch, Palfinger und vielen andere bis zu Arzt- und Rechtsanwaltspraxen – es vergeht ja kaum ein Wochenende, an dem nicht wieder etwas passiert – zeigen: große ebenso wie kleinere Unternehmen schaffen es hier gar nicht, stets am neuesten Stand der Technik zu bleiben.

Hier können große Anbieter wie T-Systems mit einem Security Operations Center (SOC) und einem »Security Incident and Event Management«, ihrer Marktmacht und dem Know-how einer Deutsche-Telekom-Security gut helfen. Wir wissen sehr genau, wo etwas passiert und wie wir unseren Kunden bei der Abwehr von Attacken und beim Widerherstellen eines gewünschten Zustands helfen können. Wenn man es dann noch von vornherein richtig macht, läuft man nicht alle zwei Wochen in Gefahr, neuerlich getroffen zu werden.


(+) plus: Steigt das Aufkommen von Schadsoftware?

Lenz: Ja, es ist wesentlich mehr zu tun, aber mehr und mehr Unternehmen werden auf den Nutzen der IT-Sicherheitsbranche aufmerksam. Es gibt immer noch ein paar, die meinen, ihre IT-Mannschaft habe die Bedrohungen und möglichen Vorfälle endgültig im Griff. Aber das ist gar nicht möglich. Die Angriffsvektoren ändern sich jede Woche und Unternehmen müssen dafür die richtigen Verhaltensweisen auch praktisch umsetzen können.

Selbst wenn man ein eigenes Team vorhalten könnte – und derzeit bekommt man diese Leute am Markt kaum – müssen diese auch ständig Herausforderungen finden. Das kann ich in unserer Organisation mit 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Sicherheitsbereich garantieren. Da passiert jeden Tag etwas.
 

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