Samstag, Juli 20, 2024

Brigitte Ederer hat sich aus der Politik und ihrer aktiven beruflichen Karriere zurückgezogen und Lebensqualität gewonnen. Tauschen möchte die viel beschäftigte Aufsichtsrätin nicht mehr – denn auf den berühmten »Tausender« wird sie 20 Jahre nach dem EU-Beitritt noch immer angesprochen.

(+) Plus: Othmar Karas hat Sie als Kandidatin für die EU-Kommission vorgeschlagen. Fühlen Sie sich geschmeichelt?

Brigitte Ederer: Natürlich freut es mich, wenn mich jemand, der einer anderen Partei angehört, vorschlägt, denn das zeigt eine gewisse Wertschätzung. Aber ich weiß auch, dass das völlig unrealistisch ist.

(+) Plus: Hätten Sie Interesse?

Ederer: Nein. Es ist ein wunderschöner Job mit gestalterischen Möglichkeiten. Dabei zu sein und zu sehen, wie die Europäische Union langsam zusammenwächst – das ist schon spannend. Aber ich habe meinen Lebensmittelpunkt wieder in Wien und schätze das sehr. Das möchte ich auch nicht ändern.

(+) Plus: Sie haben einmal gesagt, in der Wirtschaft zu arbeiten, sei angenehmer, weil sie im Gegensatz zur Politik nach rationalen Kriterien funktioniere. Sehen Sie das nach dem plötzlichen Aus bei Siemens anders?

Ederer: Was mich in der Politik schon sehr frustriert hat, war die tägliche Beurteilung in den Medien und durch Menschen auf der Straße. Das war wirklich mühsam. Im Wirtschaftsbereich gibt es das weniger. Dass es in einem sehr gut dotierten Job von heute auf morgen vorbei sein kann, ist in der Gage inkludiert.

(+) Plus: Können Sie nachvollziehen, weshalb Ihr Abgang gewünscht wurde?

Ederer: Ich habe mir mein Ausscheiden aus der aktiven Berufswelt anders vorgestellt, das stimmt. Warum die Betriebsräte und Gewerkschaften meine Ablöse verlangt haben, kann ich nicht nachvollziehen. In den Medien wurde kolportiert, der wahre Grund sei die Nicht-Verlängerung des Arbeitsvertrages des 65-jährigen Herrn Adler (Anm.: Lothar Adler, Betriebsratschefs der Siemens AG). Leute abzubauen, belastet jeden anständigen Menschen. Aber bei Siemens gab es in diesen dreieinhalb Jahren keinen einzigen Streik, so konfliktreich kann das Verhältnis zu den Gewerkschaften also nicht gewesen sein.

(+) Plus: Auch aus dem ÖIAG-Aufsichtsrat sind Sie ausgeschieden. Hatten Sie das Gefühl, als Einzige die Interessen der Republik zu vertreten?

Ederer: Das wäre eine Anmaßung. Aber ich habe nie verstanden, warum der Eigentümer – also die Republik Österreich – nicht bereit ist, die Führungsmannschaft mitzugestalten und wesentliche Positionen wahrzunehmen. Kein Industrieller dieser Welt würde es akzeptieren, dass sich der Aufsichtsrat seiner Firma aus sich selbst erneuert.

(+) Plus: Haben Sie Hoffnung, dass die Regierung endlich die angekündigte Neuausrichtung der ÖIAG in Angriff nimmt?

Ederer: Es steht im Regierungsprogramm. Vier Jahre hat sie noch Zeit. Ich bin optimistisch, dass bald etwas passiert.

(+) Plus: Sie hatten schon die Bestellung von Siegfried Wolf zum Aufsichtsratschef kritisiert. Für die Arbeit im Aufsichtsrat war das vermutlich nicht förderlich?

Ederer: Ich kenne Siegfried Wolf seit vielen Jahren. Er war ja auch im Aufsichtsrat von Siemens Österreich. Ich schätze ihn, denn es ist nicht selbstverständlich, im Ausland eine führende Managementposition zu bekommen. In der ÖIAG und deren Ausrichtung war ich aber nicht immer seiner Meinung.

(+) Plus: Wie viel politischer Einfluss tut so einem Unternehmen gut?

Ederer: Im Moment gibt es gar keinen politischen Einfluss und immerhin gehören wesentliche Anteile dieser Firmen der Republik. Es ist schon richtig: Die Tagespolitik sollte sich nicht einmischen und die Unternehmen sollen nach wirtschaftlichen Kriterien geführt werden. Aber ob das größte Infrastrukturunternehmen unseres Landes de facto an mexikanische Investoren geht, ist schon eine Frage, über die der Eigentümer entscheiden muss.

(+) Plus: In einer Umfrage der B&C Industrie Holding und der Initiative Aufsichtsräte Austria gaben 30 % der Befragten an, sich acht oder mehr Stunden auf eine Aufsichtsratssitzung vorzubereiten. Sie sind Mitglied in fünf Aufsichtsräten, können Sie dieses Ergebnis nachvollziehen?

Ederer: Der Aufwand ist unterschiedlich und hängt vom Unternehmen ab. Der Aufsichtsrat greift ja nicht operativ ins Tagesgeschäft ein. Es geht zunächst darum, die Zahlen auf ihre Plausibilität zu überprüfen, dann zerbricht man sich den Kopf über strategische Themen, um das Management hier zu begleiten. Aber auch wenn man sich gar nicht vorbereitet, haftet man als Aufsichtsrat nach dem Aktiengesetz. So lustig ist das nicht. Aufsichtsratsposten sind in Österreich auch kein lukrativer Nebenjob, wie das gerne dargestellt wird. Ich bin auch Aufsichtsrat von Boehringer Ingelheim. Um dort beispielsweise die richtigen Fragen zur Entwicklung des Pharmamarktes in Zentral- und Osteuropa stellen zu können, muss man sich das Know-how selbst aneignen. Mich interessieren in erster Linie Industrieunternehmen, weil ich mit dem Wissen, das ich in den letzten 14 Jahren aufgebaut habe, weiter am Ball bleiben möchte. Und die ÖBB sind einfach ein wichtiges Unternehmen in Österreich.

(+) Plus: Sie haben vor einiger Zeit kritisiert, den Parteien sei der Blick für die Realität verloren gegangen. Was wird übersehen?

Ederer: Beide Regierungsparteien haben das Problem, dass ihre Funktionäre nicht mehr die Breite der Bevölkerung widerspiegeln. Sie erkennen keine gesellschaftlichen Entwicklungen. Bei der ÖVP ist es das Thema Bildung: Wir brauchen keine industrielle Reservearmee und auch nicht die traditionellen Muster einer Schule. Bei der SPÖ ist es das öffentliche Eigentum: Um Privatisierungen zu verhindern, muss man diese Unternehmen wirtschaftlich führen. Mit dieser Ansicht tun sich einige Leute schwer.

(+) Plus: Würden Sie eine Vermögenssteuer befürworten?

Ederer: Wenn man das Land wieder für Investitionen und Wirtschaftswachstum fit machen will, braucht es eine Steuerreform, zu der alle Beteiligten einen Beitrag leisten. Ich persönlich halte mehr von einer Vermögenszuwachssteuer, weil das am richtigen Punkt ansetzt: bei Vermögen, die sich rasch vermehrt haben. Ich gehe davon aus, dass man zu einem Kompromiss kommen wird, mit dem beide Parteien gut leben können, auch wenn sich die Medien immer Gewinner oder Verlierer wünschen.

(+) Plus: Sie waren lange einer der wenigen Managerinnen Österreichs. Warum rücken so wenige Frauen in die erste Reihe?

Ederer: Ich war heuer zum Ladies Talk der Wirtschaftsprüfung KMPG eingeladen und überrascht, wie viele Frauen es in oberen und mittleren Führungspositionen bereits gibt. Aber es geht langsam, da haben Sie recht. Frauen werden seltener vorgeschlagen und sind auch mit Zusagen zurückhaltender. Ich habe in meinem ganzen beruflichen Leben keinen einzigen Mann erlebt, der wegen seiner Kinder eine Position abgelehnt hat oder weil er sich den Job nicht zugetraut hat. Ich kann mich aber an mehrere Frauen erinnern, die mir diese Gründe genannt haben.

(+) Plus: Finden Sie eine Frauenquote für Aufsichtsräte und Vorstände gut?

Ederer: Die Quote im Aufsichtsrat bringt für junge Frauen gar nichts. Das betrifft eine kleine Gruppe von Frauen, die es ohnehin geschafft haben. Aber die Auseinandersetzung um die Quote schafft Bewusstsein in den Unternehmen. Es ist gut, dass es diese Diskussion gibt, denn es braucht gesellschaftlichen Druck, damit in dieser Frage etwas weitergeht. In der Politik war ich gegenüber Quoten immer skeptisch, aber dort hat es mit Sicherheit einen Schub gebracht.

(+) Plus: Via Social Media trifft Kritik unmittelbarer und manchmal auch unverschämter, zuletzt war Gabriele Heinisch-Hosek von einem Shitstorm betroffen. Hat die Aggressivität zugenommen?

Ederer: Der Charme der Österreicher in der Anonymität hält sich extrem in Grenzen. Wenn ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin, ist diese Aggression immer vorhanden. Man wird mit Leuten konfrontiert, die sich denken: »Der sag ich jetzt einmal richtig rein, worüber ich mich schon so lange ärgere.« Im Internet fällt das noch leichter. Über meinen ÖIAG-Rücktritt dürften in allen Online-Foren Kommentare stehen, die ich gar nicht lesen will. Aber es zeigt, welches Aggressionspotenzial in unserer Gesellschaft offensichtlich vorhanden ist.

(+) Plus: Stört es Sie, noch immer auf den »Tausender« angesprochen zu werden?

Ederer: Es ist langweilig. In der U-Bahn stürmen ältere Leute auf mich zu: »Wo ist der Tausender?« Es kommt auf meine Laune und meine Tagesverfassung an, wie ich dann reagiere. Wenn etwas von mir in Erinnerung bleiben wird, dann ist es das Busserl von Herrn Mock und der Tausender. Das ist nicht wirklich beeindruckend. Ich kann mich aber trösten, von anderen bleibt gar nichts übrig.

(+) Plus: Vielleicht kommt ja noch etwas. Barbara Prammer galt als mögliche Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten. Wäre das etwas für Sie?

Ederer: Es würde schon niemand auf die Idee kommen, mich vorzuschlagen. Ich will auch nicht mehr in diese Mühle der öffentlichen Bewertungen und Kränkungen, wenn mich wieder irgendjemand als dumm bezeichnet. Politik ist der spannendste, faszinierendste und gleichzeitig kränkendste Job, den es gibt. Diese Bandbreite an Gestaltungsmöglichkeiten haben Sie sonst nirgends. Aber ich habe Lebensqualität zurückgewonnen. Es ist vorbei.


Zur Person:
Brigitte Ederer, 58, studierte an der Universität Wien Volkswirtschaft und war bis 1992 in der Arbeiterkammer tätig. 1983 rückte sie als SPÖ-Abgeordnete in den Nationalrat nach. Als Europa-Staatssekretärin verhandelte Ederer 1994 gemeinsam mit Außenminister Alois Mock den EUBeitritt Österreichs maßgeblich mit. 1997 wurde sie Finanzstadträtin in Wien. Nach dem Ausscheiden aus der Politik wechselte Ederer 2000 in den Vorstand von Siemens Österreich und löste fünf Jahre später Albert Hochleitner als Generaldirektorin ab. 2010 folgte der Sprung in den Vorstand der Siemens AG in München, wo sie den Personalbereich und die Wirtschaftsregion Europa verantwortete. Im September 2013 wurde Ederer abberufen. Sie sitzt in den Aufsichtsräten von Boehringer Ingelheim, Infineon, Schoeller-Bleckmann und Wien Holding und ist seit 11. September 2014 Aufsichtsratsvorsitzende der ÖBB. Ihr ÖIAG-Aufsichtsratsmandat legte sie wenige Tage davor zurück.

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