Mittwoch, Juli 24, 2024

Erwin Kotányi führt den gleichnamigen Familienbetrieb in vierter Generation. Den richtigen Riecher fürs Geschäft bewies er mit dem frühen Schritt nach Osteuropa.

Fertiggerichte, Diskonter und steigende Rohstoffpreise sorgen dafür, dass ihm auch heute nicht langweilig wird. Über die Hölle am Pfeffermarkt, das wachsende Gesundheitsbewusstsein und die ungewöhnliche Liebe der Österreicher zum Pizzagewürz erzählt der 56-Jährige im Report(+)Plus-Interview.

(+) plus
: Sie mussten schon mit 24 Jahren aus familiären Gründen die Leitung des Betriebs übernehmen. Waren Sie darauf vorbereitet?

Erwin Kotányi: Ich wurde eigentlich ins kalte Wasser gestoßen. Als der Anruf kam, dass mein Onkel unerwartet verstorben war, befand ich mich im finalen Teil meines Studiums. Ich hatte noch das Doktoratsstudium an der WU vor und wollte im Ausland Erfahrungen sammeln. Von der Familie hatte aber nur ich eine entsprechende Ausbildung. So habe ich mich entschlossen, die Herausforderung anzunehmen und stand von einem Tag auf den anderen im Unternehmen. Das Unternehmen war damals noch viel kleiner und ausschließlich in Österreich tätig. Bereits Ende der 80er-Jahre begannen wir, Osteuropa für uns als Markt zu entdecken – rückblickend war das die wichtigste Entscheidung.

(+) plus: Haben sich die Koch- und Essgewohnheiten der ÖsterreicherInnen im Laufe der Jahre geändert?

Kotányi: Früher gab es hauptsächlich Gulasch und Schweinsbraten. Kurkuma oder Cumin sind heute durch die asiatische Küche ein fixer Bestandteil im Gewürzregal. Der Favorit ist in ganz Europa die italienische Küche, was sich bei uns im Sortiment der
Kräuter niederschlägt. Das Gesundheitsbewusstsein ist heute viel stärker verankert. Wo früher nur Fleisch am Griller lag, wird nun auch Gemüse zubereitet.

(+) plus: Gibt es noch Spielraum für Produkt­ innovationen?

Kotányi: Oft ist die Innovation nicht das Gewürz, sondern die Packung. Mit der Einwegmühle haben wir einen richtigen Trend ausgelöst und das Nachwürzen bei Tisch eingeführt – jeder kann jetzt selbst entscheiden, ob er es schärfer haben will oder nicht. Die Technologie einer günstigen Mühle mit einem funktionierenden Mahlwerk ist sehr aufwendig. Die Entwicklung hat eineinhalb Jahre gedauert, die Nachjustierung auf ein zweistufiges Mahlwerk – grob und fein – ein weiteres Jahr. Heute finden Sie unsere Mühlen schon in Brasilien und Australien.

(+) plus: Machen Ihnen die Fertiggerichte das Leben schwer?

Kotányi: Zum Glück ist der Convenience-Bereich bei uns nicht so stark wie etwa in den USA. Aber wir beobachten die Entwicklung sehr genau, denn das greift natürlich unser Geschäft an. Die Vielzahl an Kochsendungen hilft uns ein bisschen. Sie führen den Menschen vor Augen, dass Kochen gar nicht so kompliziert ist. Die Qualität einer selbstgekochten Speise ist den Leuten schon bewusst. Beim Fertiggericht weiß man nicht, was da alles drin ist, wie der Skandal um das Pferdefleisch gezeigt hat. Aber keine Frage: Der Faktor Zeit fehlt uns allen. Und wenn Sie ein Basisprodukt für Gulasch haben, werden Sie nicht auch noch unser Gulaschgewürz nehmen. Andererseits verkaufen wir Unmengen von Pizzagewürzsackerl – so oft wird Pizza zu Hause nicht selbst gebacken. Fertiggerichte werden also auch nachgewürzt.

(+) plus: Sie machen 70 % ihres Umsatzes in Osteuropa. Sehen Sie noch Wachstumschancen?

Kotányi: Russland ist der größte und wichtigste Markt für uns. Wir sind erfreulicherweise Marktführer und das Entwicklungspotenzial ist noch immer groß. Bisher hatten wir uns vorwiegend auf die Ballungsgebiete Moskau und St. Petersburg konzentriert, jetzt gehen wir mit den Distributoren auch massiv in die Regionen. Kotányi finden Sie mittlerweile sogar in Novosibirsk. In anderen Ländern wie Ungarn oder Tschechien ist der Markt schon gesättigt. Aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung ist in Osteuropa nicht mehr viel Wachstum möglich. Da geht es eher darum, die Märkte zu halten.

(+) plus: Unterscheiden sich die Ge-würzvorlieben in den verschiedenen Ländern?

Kotányi: Pfeffer ist überall top. Bei den Mischungen gibt einen Klassiker, der überall akzeptiert ist: unser Brathuhngewürz. Da kommen wir international mit einer Mischung sehr gut durch. Aber sonst müssen wir uns natürlich an die nationalen Gewohnheiten anpassen. Piment ist beispielsweise ein Produkt, das hierzulande wenig benutzt wird, für Krautgerichte in Polen aber unerlässlich ist. Bei den Nationalgerichten, von der russischen Borschtschsuppe bis zum Schaschlik in Kroatien, haben wir viel Wissen aufgebaut und versuchen, den jeweiligen Geschmack nachzuempfinden. Allein das Schärfeempfinden ist sehr unterschiedlich – je südlicher, umso schärfer wird es. Dieses Know-how ist unsere Kompetenz, damit hatten wir auch beim Markteintritt in Osteuropa die ersten Erfolge. Pfeffer allein wäre austauschbar.

(+) plus: Die Preise von Agrarrohstoffen sind stark von Spekulationen getrieben. Welche Gewürze sind besonders betroffen?

Kotányi: Sie sprechen einen heißen Punkt an, der uns seit einigen Jahren große Sorgen bereitet. Das hängt mit der Entwicklung auf den Rohstoffmärkten zusammen, aber auch die Bauern überlegen sich, welcher Anbau für sie lukrativer ist. An erster Stelle ist Pfeffer zu nennen – gerade jetzt ist wieder die Hölle los. Die Preise sind innerhalb von drei Jahren auf den vier- bis fünffachen Wert gestiegen. Pfeffer ist eindeutig spekulativ in die Höhe getrieben. Es gibt nicht zu wenig Pfeffer, aber auch nicht zu viel. Vietnam beherrscht mehr als die Hälfte des gesamten Exportmarktes, dahinter stehen finanzkräftige Unternehmen, die große Mengen bewusst zurückhalten. Pfeffer ist getrocknet lagerfähig und eignet sich deshalb gut für Spekulationsgeschäfte. Paprika ist dagegen am Ende der Saison schon viel weniger wert, weil er dann an Farbe und Geschmack verliert.

(+) plus: Welche Rolle spielen schlechte Ernten oder Naturkatastrophen?

Kotányi: Bei Knoblauch gab es vor einem Jahr massive Missernten. Solche Einbrüche können von anderen Ländern nicht immer ausgeglichen werden. China hält eine monopolartige Stellung bei Knoblauch – und die Chinesen sind Weltmeister im Spekulieren. Das geht so weit, dass sich Händler einige Tonnen auf Lager legen. Auch bei Vanille gibt es im Prinzip nur Madagaskar, das weltweit größere Mengen abdecken kann. Bei Muskatnuss lagen die Preise vor sieben Jahren bei drei bis vier Euro, heute werden weit über 20 Euro verlangt. In Grenada, einem der Hauptanbaugebiete von Muskatnuss, hat nämlich ein Wirbelsturm die halbe Insel verwüstet und die Bäume vernichtet. Jetzt ist nur noch Indonesien übrig und die Preise sind explodiert. Auch Gewürznelken haben Rekordpreise, weil der größte Verbrauch in die Zigarettenproduktion geht. Wenn Indonesien Einbrüche hat, kauft der Staat auf anderen Inseln die Ernten auf und treibt die Preise in die Höhe. Der Einkauf ist deshalb bei uns sehr gefordert. Man muss immer abschätzen, soll man vorkaufen oder zuwarten. Außerdem muss die Qualität stimmen. Wir bedienen uns Zwischenhändlern in Holland und liefern uns nicht direkt den Händlern in Asien aus, so haben wir das Risiko ganz gut im Griff.

(+) plus: Macht Ihnen die Konkurrenz durch Eigenmarken der Diskonter zu schaffen?

Kotányi: Inzwischen ist auch bei den Diskontern eine gewisse Sättigung eingetreten. Wir können den Konsumenten den Mehrwert gegenüber einem Billigprodukt zwar erklären, das wird sich aber niemand anhören. Deshalb müssen wir Vertrauen in die Marke schaffen. Gewürze sind Vertrauenssache. Sie sind kein hochpreisiges Produkt, die Preissensibilität ist deshalb auch nicht so groß wie bei Waschmittel oder Bier. Wegen der Gewürze allein geht man nicht zum Diskonter.

(+) plus: Niemetz, auch ein österreichisches Familienunternehmen, hatte trotz der starken Marke große Schwierigkeiten, am Markt bestehen zu können. Mit welchen Herausforderungen haben Sie zu kämpfen?

Kotányi: Uns ist es durch Innovationen gut gelungen, das Image des ganzen Unternehmens aufzuwerten. Durch die Positionierung in 20 verschiedenen Ländern können wir austarieren, wenn ein Markt etwas zurückgeht. In Österreich sind wir noch immer sehr stabil aufgestellt. Leichter ist es aber auch für uns nicht geworden.

(+) plus: Werden Sie am Firmensitz in Wolkersdorf festhalten?

Kotányi: Wir haben hier noch große Ausbaumöglichkeiten im unteren Teil des Industriegebiets. Das Lohnniveau ist in Osteuropa zwar günstiger, aber unsere Produktion liegt bereits auf einem Automatisierungsgrad von 90 %. Über Handarbeit wird sehr wenig gemacht. Was nicht maschinell geht, etwa Zimtstangen in Dosen einfüllen, lagern wir nach Ungarn aus. Die Logistikkos­ ten für einen eigenen Produktionsstandort in Tschechien, Ungarn oder Russland rechnen sich aber nicht.

(+) plus: Sie sind viel unterwegs. Wie finden Sie Ausgleich zum beruflichen Stress?

Kotányi: Über Sport. Beim Tennis kann ich Stress gut abbauen. Im Winter ist mein großes Hobby Helikopterskiing. Natürlich versuche ich auch mit der Familie – ich habe eine sechsjährige Tochter – viel Zeit zu verbringen.

(+) plus: Als Schüler haben Sie an Skirennen teilgenommen. Wären Sie lieber Skirennläufer geworden?

Kotányi: Ich bin nur kleine Schulskirennen gefahren. Weiter hat das Talent leider nicht gereicht. Auch eine Tenniskarriere war nicht drinnen – es reicht gerade für Spiele mit Freunden. Es war nicht mein Wunsch, mich ab 24 Jahren bis zum Ende nur mit der Gewürzwelt zu beschäftigen. Aber die Erfolge haben mir viel Mut und Freude gegeben. Das Geschäft ist international immens spannend. Auch nach vielen Jahren, wenn man meint, schon alle Gewürze zu kennen, kann man sich noch immer neues Wissen aneignen. Mir liegt es sehr, neue Kulturen und Menschen kennenzulernen. Ich wüsste nicht, was interessanter wäre. Langweilig ist mir noch nicht.

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