Montag, Mai 23, 2022
Wie wir anders Denkende qualifizieren und integrieren

...und uns damit nebenbei auch selbst helfen können. Ein Gastkommentar von Hannes Färberböck, Co-Founder und Managing Director bei Nagarro.

Unternehmen haben in Fragen der Diversität und individuellen Förderung noch viel zu lernen. Gerade jetzt sehen wir uns »am Arbeitsplatz« mit vielen ganz neuen Entwicklungen konfrontiert, die auch ganz neue Denkweisen erfordern. Bei Nagarro lernen wir aus der Zusammenarbeit mit Menschen mit Asperger-Autismus und in interkulturellen Arbeitsteams. Gleichzeitig können wir dadurch auch einen sinnvollen gesellschaftlichen Beitrag leisten.

Neurotypische Menschen gelten als »normal«. Neurodivergente Menschen liegen außerhalb dieser »Norm«. Dazu gehören unter anderem Menschen mit Asperger-Diagnose, welche zudem noch ganz spezielle Talente besitzen und die es dennoch am Arbeitsmarkt sehr schwer haben. Wir haben bei Nagarro vor rund sechs Jahren das erste Ausbildungsprogramm für Menschen mit Autismus gestartet, weil uns die Expert*innen von Specialisterne Austria überzeugten: Wenn man sich auf spezielle Rahmenbedingungen einlässt, ein paar Grundvoraussetzungen berücksichtigt, findet man im neurodivergenten Spektrum tolle Kandidat*innen mit bester Eignung als Software-Tester*in.

Warum? Weil diese Menschen oft über eine ausgeprägte logisch-analytische Denkweise verfügen. Sie sind in der Lage, große Mengen an Daten und Fakten zu verarbeiten, darin Muster und Abweichungen zu erkennen. Ein hohes Maß an Genauigkeit und ein Auge fürs Detail zeichnet sie überdies aus.

Mittlerweile konnten wir über 60 neurodivergente Testexpert*innen qualifizieren, wovon knapp 80 Prozent heute einen festen Job haben und ihre speziellen Fähigkeiten ausspielen können. Der Bedarf an Fachpersonal in der IT-Branche ist riesig und wir bilden uns natürlich nicht ein, ihn mit diesem Programm abzufedern. Allerdings bieten wir ab dem nächsten Jahr zusätzliche Ausbildungsplätze für die Zertifizierung zum »AI und Data Assistant«. So bringen wir doppelt so viele ausgebildete Talente in den Arbeitsmarkt und in Jobs, für die es ganz spezielle Kenntnisse und Fähigkeiten braucht.


Wenn Floskeln fallen

Natürlich gibt es auch Eigenschaften, an die wir uns erst gewöhnen mussten, so zum Beispiel, dass Smalltalk in der Kaffeeküche, beim Feiern oder bei Ausflügen und das Vorbringen von kritischen Fakten in verdaulicher Form für Menschen mit Asperger Fremdsprachen sind.

Aber auch diese besonderen Bedürfnisse bewirken viel Positives im Team. Zum Beispiel sind für Menschen mit Asperger klare Antworten, Aufgaben und Erwartungen besonders wichtig, dafür macht ihnen der Kaffeetratsch in der Betriebsküche manchmal Stress. Neurodivergente Kolleg*innen sprechen auch sehr konkret an, was sie für ihre Arbeit brauchen. Einen ruhigen Arbeitsplatz zum Beispiel sowie konstruktives, klares Feedback, das auf Fakten und Beobachtungen
basiert.

Was tut man also? Man stellt sich auf diese ehrliche und offene Kommunikation ohne viele Floskeln ein. Diese direkten Fragen oder auch Fakten, die ohne Drumherum auf den Tisch kommen, öffnen automatisch ganz neue Blickwinkel.


Vom Flug der Albatrosse

Das Erkennen und Eingehen auf solche speziellen Bedürfnisse erfordert wesentlich mehr Achtsamkeit, einen besonders respektvollen Umgang und automatisch verändert sich die Team-Kommunikation und der Zusammenhalt.
Eine schöne Metapher zu den besonderen Fähigkeiten in Kombination mit damit einhergehenden Einschränkungen kommt von Specialisterne: Der Albatros ist durch seine großen Flügel ein toller Flieger, allerdings schlecht beim Starten und Landen. Würde man ihm die Flügel kürzen, würde er zwar besser starten aber sein "Talent" wäre dahin.

In diesem Sinne: Nutzen wir die Superkraft der Albatrosse, auch wenn wir beim Starten vielleicht etwas Geduld brauchen. Im Zuge der Digitalisierung begeben wir uns auf neue Flughöhen. Dafür brauchen wir High-Perfomance-Teams mit allen Talenten!

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