Donnerstag, Jänner 27, 2022
»Wer zögert, wird überrollt«

Die Verpackungsindustrie verzeichnet dank Online-Handel einen Wachstumsboom. Langfristig werden dennoch nur Unternehmen bestehen können, die bereits jetzt auf das Thema Nachhaltigkeit setzen, sind Studienleiter Christoph Kopp und Stefan Bergsmann, Partner der Managementberatung Horváth Österreich, überzeugt.


(+) plus: Die Pandemie hat zu einem E-Commerce-Boom geführt. Kann sich die Verpackungsbranche auf diesem Wachstumspolster ausruhen?

Kopp: Ich würde nicht nur sagen, dass sie sich ausruhen können. Dieser Polster wird auch wachsen. Das Kaufverhalten wird sich nicht mehr zurückentwickeln. Beim E-Commerce rechnet man weiterhin mit 10 bis 15 Prozent Wachstum pro Jahr. Auch wenn Online-Handel ein relativ kleiner Teil des Gesamtkuchens ist, bietet er besonders im Paper-Packaging große Möglichkeiten. Diese Unternehmen profitieren am meisten.

(+) plus: An dem Kuchen knabbern aber auch andere mit, wenn man sich die steigenden Rohstoff- und Energiepreise ansieht.

Kopp: Das Thema Wachstum ist eine Seite, die Profitabilität die andere. Die hohen Rohstoff- und Energiepreise treffen die Unternehmen unterschiedlich stark, je nachdem in welchen Bereichen sie tätig sind und inwieweit sie die Preissteigerungen an die Kunden weitergeben können. Unternehmen, die das aufgrund ihrer Vertragskonstellationen nicht machen können, werden bezüglich Profitabilität einen großen Dämpfer einstecken müssen. Unternehmen, die diesbezüglich flexibler sind, geht es besser.

(+) plus: Rechnen Sie mit einer weiteren Konsolidierung am Markt?

Kopp: Eine Konsolidierung wird es nicht aus diesem Grund geben, aber wir sehen generell, dass sich die Marktbereinigung, die sich bereits länger abzeichnet, in den nächsten Jahren weiter verstärken wird. Insbesondere kleinere, eigentümergeführte Unternehmen, die keinen Nachfolger finden, werden aufgekauft.

(+) plus: Gibt es überhaupt noch Spielraum für mehr Kosteneffizienz?

Kopp: Die kleinen Verpackungsunternehmen haben relativ wenig Overhead und bei dem einen oder anderen Produkt durchaus einen Kostenvorteil. Gleichzeitig fehlen ihnen aber Mittel für Investitionen. Das zeigt sich schon allein beim Thema Einkauf: Wenn ein Konzern mit mehreren Standorten einkauft, steht mehr Macht und Professionalität dahinter. Deshalb tun sich kleinere Unternehmen schwer, den nächsten Schritt zu gehen – auch beim Thema Nachhaltigkeit.

Stefan Bergsmann:
Die erwähnten 10 bis 15 Prozent Wachstum im E-Commerce kommen hauptsächlich von großen Playern. Kleinere Verpackungshersteller können Nischen gut bedienen, wachsen aber nicht so stark. Automatisierung und Digitalisierung erfordern Investitionen, die kleine Unternehmen nicht stemmen können. Dazu kommt oft die Nachfolgerfrage: Wenn kleine Verpackungshersteller in Privathand keinen Nachfolger finden, werden sie verkauft.

(+) plus: Wo können kleinere Anbieter noch mithalten?

Kopp: Es gibt Unternehmen, die sich auf stärkere Spezialisierung und kleinere Losgrößen konzentriert haben. Der Maschinen- und Produktionspark ist entsprechend ausgerichtet. Kleine Losgrößen sind dann möglich, wenn man schnell und effizient umrüsten kann, um bei einem Chargenwechsel wenig Ausschuss zu erzeugen.

Überall dort, wo Produkte langfristig nachgefragt werden und geringere Strukturkosten anfallen, kann das schon funktionieren. Viele lokale Kunden, etwa Lebensmittelerzeuger, gehen für ihre Verpackungen nicht unbedingt zu den großen Konzernen.

(+) plus: Nachhaltigkeit ist das zentrale Thema der Verpackungsindustrie. Ein Hebel wäre, schon beim Design der Verpackungen darauf zu achten, dass diese kreislauffähig oder zumindest rezyklierfähig sind. Geschieht das in ausreichendem Maß?

Kopp: Das ist derzeit der größte Schwerpunkt in der Produktentwicklung. Papier wird bereits fast vollständig wiederverwertet. Schwieriger ist es bei Kunststoff, hier geht der Trend zu Mono-Verpackungen. Viele Verpackungen bestehen ja aus mehreren Schichten, die man gar nicht oder nur mit sehr großem Aufwand recyceln kann.

Die Kunst ist also, Verpackungen aus nur einem Material zu entwickeln, aber zugleich alle positiven Eigenschaften der Mehrschicht-Verpackungen zu bewahren.

(+) plus: Insbesondere bei Kunststoffverpackungen sind die Recyclingquoten gering – im Bereich der Konsumgüter, aber noch mehr in Gewerbe und Industrie. Wie kann dieses Problem gelöst werden?

Kopp: Da gibt es keinen Königsweg. Was generell für die Branche eine Herausforderung wird, ist die Beschaffung von recyclingfähigem Plastik. Da sind mehrere Player gefragt – der Staat genauso wie die Industrie und die Verpackungsunternehmen selbst. Einige überlegen bereits, in der Wertschöpfung einen Schritt zurückzugehen und auf Unternehmen zu setzen, die sich auf die Sammlung von Altstoffen konzentrieren.

Bergsmann: Im Papierbereich sehen wir das schon und bei Kunststoff ist es im Kommen. Borealis steigt beispielsweise ins Recycling ein, um Rohstoffe zu bekommen. Chemiekonzerne und Verpackungskonzerne bekommen großen Druck von Kund*innenseite, einen gewissen Anteil ihrer Rohstoffe aus recyceltem Material abzudecken.

Kopp: Es muss uns bewusst sein, dass es noch nicht lukrativ ist, recyceltes Plastik zu verwenden. In der Pharma- und Lebensmittelindustrie gibt es sehr strenge Hygienevorschriften – hier ist eine besondere Aufbereitung erforderlich, die zusätzliche Kosten verursacht. Nachhaltige Produkte sind in der Regel zunächst teurer. Es braucht daher auch die Bereitschaft der Kund*innen, mehr zu bezahlen.



Stefan Bergsmann (li.) und Christoph Kopp sehen eine anhaltende Marktkonsolidierung. Für kleinere Anbieter wird es schwierig.

(+) plus: Sind Mehrwegverpackungen auch in der Industrie denkbar?

Kopp: Mehrwegverpackungen sind die nachhaltigste Variante, aber in vielen Bereichen technisch und logistisch nicht sinnvoll. Denken Sie an den Konsumgüterbereich: Da gibt es außer Mehrwegflaschen kein flächendeckendes Mehrwegsystem.

Was den CO2-Footprint betrifft, macht die Verpackung nur einen kleinen Teil aus. Eine gute Verpackung erhöht die Haltbarkeit des Produkts. Ist die Verpackung zwar umweltfreundlich, das Produkt verdirbt aber rascher darin, ist es der CO2-Bilanz auch nicht dienlich.

Bergsmann: Das größere Problem sind die Produktverpackungen – durch die Vermischung mehrerer Materialien ist die oft Wiederverwertung schwierig. Transportverpackungen sind dagegen recht leicht wieder in den Kreislauf zu führen. Viele Unternehmen gehen schon in Richtung Reduktion des Volumens und Materialeffizienz. Die Verpackung sollte so konzipiert sein, dass sie möglichst wenig Müll verursacht.

(+) plus: Auf den Kapitalmärkten und bei Investor*innen sind Unternehmen, die glaubhaft »grüne« Ziele verfolgen, hoch im Kurs. Ist Geld das stärkste Druckmittel?

Kopp: Ich sehe einen klaren Druck von der Finanzbranche – Green Bonds sind stark überzeichnet. Unternehmen bekommen durch den Fokus auf Nachhaltigkeit wirklich einen Finanzierungsvorteil. Druck kommt aber auch durch Regulatorik: Gerade in der EU werden die Daumenschrauben stärker angezogen, sukzessive auch global. Und schließlich sind es natürlich auch die Konsument*innen, die nachhaltige Produkte stärker nachfragen.

Konzerne, die sich als Vorreiter verstehen, verfolgen sehr ambitionierte Ziele. Daraus setzt sich ein Schwungrad zusammen, das sich immer schneller dreht. Unabhängig von der Branche betrachtet: Wer jetzt noch nicht vorne dabei ist, wird es in Zukunft schwer haben. Das Thema Nachhaltigkeit rückt in die Mitte der Gesellschaft und wird zum Standard. Unternehmen, die hier nicht mitmachen, haben definitiv einen Wettbewerbsnachteil.

(+) plus: Sind die gesetzlichen Vorgaben zu lasch?

Bergsmann: Man muss nicht immer alles über Regulatorien regeln. Unternehmen, die Nachhaltigkeit bereits jetzt als Chance erkennen, werden sich durchsetzen. Die warten nicht darauf, dass irgendeine Verordnung kommt, sondern sind im Eigeninteresse proaktiv. Alle anderen werden Probleme bekommen.

Kopp: Dieses Schwungrad ist so groß und dreht sich immer schneller. Wer zögert, wird überrollt. Die Entwicklung ist technisch getrieben. Was man als Konsument oft nicht weiß: Eine Verpackung ist ein hochtechnisches Produkt, kein Designobjekt.

Verfahrenstechniker und Chemiker müssen sich überlegen, wie man z. B. in einer Mono-Verpackung dieselben Barriereeigenschaften behält wie in einer dreischichtigen Folie. Unternehmen, die stark in der Materialkompetenz sind, werden als Gewinner dieser Entwicklung hervorgehen.

(+) plus: Wie können sich österreichische Verpackungsunternehmen global behaupten?

Kopp: Es ist wichtig, bei den genannten Trends vorne dabei zu sein. Behaupten werden sich jene Unternehmen, die integriert arbeiten – Recycling, Aufbereitung, Materialherstellung und Druck, alles aus einer Hand – und aufgrund ihrer Größe eine gewisse Schlagkraft haben. Unternehmen wie Mondi, Prinzhorn und Mayr-Melnhof gehen genau diesen Integrationsweg. Österreich hat mit der Verpackungsbranche wirklich eine Vorzeigeindustrie, die weltweit führend
tätig ist.

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