Montag, Mai 23, 2022
Werte schaffen, nicht Aktienblasen

Investition statt Spekulation fordert Bernd Rießland, der Obmann der Gemeinnützigen Bauvereinigungen.


(+) plus: Was bleibt von den während der Pandemie notwendigen Änderungen: Stichwort Home­office. Ist in Zukunft jede Wohnung auch Büro und wird aus dem Provisorium eine Dauereinrichtung?


Bernd Rießland: Die Leute werden ins Büro zurückkommen, aber ein Viertel der Arbeitszeit wird in der Wohnung erbracht werden. Wichtig ist, dass das Vertrauen entstanden ist, dass die Leute auch daheim arbeiten und nicht blau machen. Da sind jetzt Hemmungen überwunden.

(+) plus: Mich erinnert die Situation jetzt an die Entstehung von ebay, der Plattform, auf der jeder auch Gebrauchtes verkaufen kann. Damals haben viele gesagt: Das kann nie funktionieren, weil die Leute betrügen werden und einander übervorteilen. Alles falsch. Die Leute sind ehrlich. Das ist offensichtlich in der DNA. Jetzt hat sich gezeigt: Im Homeoffice wird nicht weniger gearbeitet, sondern im Gegenteil oft mehr.

Rießland: Das sehe ich auch so. Nur, ebay war von Anfang an freiwillig, während uns jetzt die Pandemie dazu gezwungen hat. Nachdem wir in einer Welt leben, in der gerade Medien ein negatives Menschenbild kreieren, ist das eine wirklich positive Botschaft: Mitarbeiter agieren anständig und loyal.

(+) plus: Was bedeutet dieses geänderte Verhalten für die Wohnwirtschaft?

Rießland: Erstens: Die Wohnungen müssen so gestaltet sein, dass Arbeit daheim möglich ist. Man sollte damit aufhören, Wohnungen immer kleiner zu machen. Wir müssen flexibel sein und auf die individuellen Herausforderungen reagieren.
Ich denke, dass Bürobauten mit Leerständen verstärkt zu kämpfen haben. Bei neuen Entwicklungen hat man ja schon redimensioniert und den Flächenbedarf um Urlaubs- und Homeoffice-Zeiten reduziert.

(+) plus: Aber der Trend zu kleineren Wohnungen ist ja auch deshalb entstanden, weil Größen den verfügbaren Mitteln der Wohnungswerber angepasst wurden. Größer ist teurer, wieso sollen Mieter/Käufer sich das plötzlich leisten können. Das ginge ja nur, wenn viel billiger gebaut wird, oder?

Rießland: Wir können uns viel wünschen, aber wir müssen mit dem Baumarkt leben, den wir haben.
Unsere Reaktion ist – und das setzen wir in Projekten schon um – dass wir Arbeitsplätze im Haus, aber außerhalb der Wohnung anbieten. Da testen wir gerade unterschiedliche Modelle, von stundenweiser bis tageweise Anmietung. Das wird angenommen, vor allem von jenen, die sich zwar den Weg in die Firma sparen wollen, aber trotzdem nicht in den eigenen vier Wänden arbeiten wollen.

(+) plus: Holz, Stahl, Dämmmaterialien werden viel teurer und natürlich Baugrundstücke auch. Die Flucht ins Betongeld gewinnt noch stärker an Fahrt...

Rießland: Ganz sicher bin ich nicht. Man hört, dass die Preise der Eigentumswohnungen immer noch nicht sinken. Aber wir sind an der Kippe, weil wir auch einen Punkt erreicht haben, wo sich der obere Mittelstand es sich nicht mehr leisten kann. Bei den Materialkosten ist die Gefahr, dass die vermeintliche oder tatsächliche Knappheit dazu verleitet, jetzt einfach mehr zu verlangen. Wenn das kollektiv passiert, wird daraus eine Welle.
Bei den Preisen der Baumaterialien sind Preiserhöhungen weniger durch die technische Wirklichkeit als durch die Psychologie erklärbar. Im Augenblick haben wir eine extreme Situation, die uns auch dazu zwingt, Bauprojekte zu verschieben.

Die ÖBB haben gerade Gründe versteigert. Die Preise lagen zwischen 2.500 und 3.000 Euro pro Quadratmeter. Vor zehn Jahren wäre das noch um 250 weggegangen. Wir sehen Umverteilungsprozesse von Arm zu Reich. Dem können wir nur mit Ordnungspolitik begegnen. Viele trauen sich da nicht drüber, aber Wien hat schon 2019 Schritte gesetzt. Es gibt eine Tradition, auf die man sich verstärkt besinnen muss.

(+) plus: Stabilität und Kontinuität, das hat die Gemeinnützige Wohnungswirtschaft gebracht. Ist es damit vorbei?

Rießland: Der Wohnbaumarkt hat den Nachteil, nicht schnell reagieren zu können. 0,5 Prozent des Bestandes ist die Produktion von neuen Wohnungen im Jahr. Die enormen Preisausschläge betreffen nur diesen Bereich. Da gibt es selbstverständlich einen Aufschrei, aber es bricht nichts zusammen.

Man wird hier trotzdem eingreifen müssen. Wenn die Preise überall steigen, wird man mit den Löhnen nachziehen müssen. Es kann nicht immer alles nur Kapitalertrag sein. Das Leben ist ein Gleichgewicht, das hat man in den vergangenen zehn bis 15 Jahren anscheinend vergessen, und die Umverteilung hat nur in eine Richtung stattgefunden: von unten nach oben!

(+) plus: Ein Argument, das dagegen verwendet wird, ist: Wenn zu den enormen Preissteigerungen auch noch enorme Lohnerhöhungen kommen, treten wir ein in die Inflationsspirale und am Ende haben alle nix davon, weil das Geld weniger wert wird.

Rießland: Da stellt sich doch die Frage, wer sind die Benachteiligten der Inflation. Das sind doch die hohen Geldvermögen, nicht der kleine Sparer.

(+) plus: Nur den kleinen Sparer trifft es bei jedem Einkauf.

Rießland: Natürlich trifft das. Aber der Grundstückspreis, die gestiegenen Preise der Baumaterialien spiegeln sich ja überhaupt nicht im Verbraucherpreisindex. Die kommen dort gar nicht vor. In Wahrheit haben wir eine Rieseninflation – im Bereich Aktienkurse, im Bereich Immobilienvermögen. Die ist nirgendwo abgebildet, keiner hat sich aufgeregt, dass wir eine Rieseninflation haben.

Man schaut auf den Salatkopf im Index, nicht aber dorthin, wo die Musik spielt für die Vermögenden. Wir sind Menschen in erster Linie und nicht Kapitaleigner. Bei den Menschen müssen die Einkommen steigen.

(+) plus: Die Notenbanken dieser Welt drucken enorme Geldmengen und die Liquidität steigt bei denen, die ohnedies im Geld schwimmen. Enorme Verwerfungen sind die Folge.

Rießland: Wir haben da volkswirtschaftlich viel vergessen, was wir in den 60er-Jahren noch gewusst haben. Die Dänen zum Beispiel haben viel Geld gedruckt, aber das war nicht das Problem, weil sie sofort investiert haben. Wir haben das nach 1945 auch gemacht und es ist unglaublich, wie man vergessen konnte, woher reales Wirtschaftswachstum kommt. Wir haben Infrastruktur – Straßen, Wohnungen, Bahnlinien – gebaut mit Hilfe massiver staatlicher Intervention. Heute geht alles in die Aktienspekulation.

Das Geld geht dorthin, wo eh schon zu viel ist, schafft keine Arbeit, erzeugt keine Infrastruktur. Das ist mittelmäßig intelligent. Kopenhagen war 1980 pleite. Mit Hilfe des Gelddruckens haben sie dann massiv investiert, sich neu erfunden und letztlich alles wieder rückerstattet. Sie haben Werte geschaffen und nicht nur Luft. Was wir machen sind in Wirklichkeit Transferzahlungen an die Reichen und das ist das Gegenteil von Investition.

Wir könnten das alles umdrehen. In Zeiten der Veränderung braucht eine Gesellschaft stabilisierende Faktoren. Dazu gehört eine stabile Wohnwirtschaft, die nicht der Logik der Verwerfung folgt. Gerade in unsicheren Zeiten braucht es Inseln der Sicherheit. Wir als Gemeinnützige schaffen solche Inseln.

640x100_Adserver

Log in or Sign up