Donnerstag, Oktober 21, 2021
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»Es wird nicht über Nacht passieren, sondern ein Jahrzehnt dauern.«

Lewis Black ist CEO des Bergbauunternehmens Almonty, einer der weltweit größten Produzenten von Wolfram. Er spricht über Engpässe in der globalen Containerschifffahrt quer über alle Branchen und die Notwendigkeit der Diversifizierung von Europas Wertschöpfungsketten.

(+) plus: Wie würden Sie die aktuelle Situation der Verknappung von Schiffscontainern beschreiben? Inwiefern betrifft das auch den Handel mit dem Rohstoff Wolfram?

Lewis Black: Almonty ist der größte Produzent von Wolfram außerhalb Chinas, mit Minen in Portugal, in Spanien und mit der baldigen Wiedereröffnung der größten Wolfram-Mine auch in Südkorea. Wolfram wird bei der Herstellung beispielsweise von Elektrofahrzeugen verwendet und wird generell in Containern verschifft.

Nun gibt es eigentlich genug Container, doch sind diese am falschen Ort. Es herrscht ein totales Ungleichgewicht bei den Frachtkosten weltweit. Die Herstellung eines neuen Containers kostet rund 10.000 Dollar. Wenn Sie einen Container von China nach Nordamerika verschiffen wollen, liegen die Frachtkosten aktuell bei 10.000 Dollar pro Container, statt wie früher 2.000 Dollar. Damit haben Sie schon bei der ersten Lieferung die Kosten für den Container eingespielt. Damit herrscht ein regelrechter Goldrausch: Jede Reederei macht sich auf den Weg nach Osten, um von diesen Margen zu profitieren.

(+) plus: Wie sind die Auswirkungen auf andere Industrien und betrifft das vor allem den Wirtschaftsraum Europa?

Black: Die ersten Probleme, die wir gesehen haben, waren Engpässe bei Halbleitern. Mittlerweile betrifft es etwa auch Polymere in Deutschland, die für die Kunststoff-Produktion benötigt werden. Europa ist in einer Zwickmühle. Der Großteil der Fracht, die in die USA geht, kommt noch durch, wenn auch sehr langsam. Normalerweise würde ein »Shipment« von Portugal nach New York zehn Tage bis zum Empfänger brauchen. Jetzt sind es eher fünf bis sechs Wochen. Rotterdam als wichtigster Hafen Europas ist zwar betriebsbereit, operiert aufgrund von Covid-Beschränkungen aber auf einem niedrigeren Niveau. Wir warten bis zu zehn Wochen, um Platz für unsere Wolfram-Lieferungen zu bekommen.

Reedereien benötigen in der Regel einige Tage, ein Container-Schiff zu beladen. Durch die Profitabilität der Handelsroute Asien–Nordamerika werden die Schiffe, sobald sie entladen sind, mit leeren Containern in Richtung Asien geschickt. Man sieht, dass der freie Markt funktioniert, nur sind gerade die Europäer die Opfer.

(+) plus: Gibt es andere Gründe als die Covid-Beschränkung für diese anhaltende Situation für europäische Unternehmen?

Black: Tatsache ist, dass die Wirtschaft in Europa im Vergleich mit Nordamerika viel langsamer in Fahrt kommt. Also gibt es hier weniger Geschäft. Schiffscontainer sind nur eine weitere Folge dessen, was passiert, wenn man die globale Wirtschaft ohne große Vorwarnung oder Planung herunterfährt – und niemand hätte das je voraussehen können. Es wird einige Zeit dauern, bis hier wieder einigermaßen ein Gleichgewicht herrscht. Ich denke, wir können das nicht vor Ende 2022 erwarten.

(+) plus: Welche Rolle hat bei den Verzögerungen die Havarie des Containerschiffs »Ever Given« im Suezkanal gespielt?

Black: Um ehrlich zu sein, eine sehr kleine. Rund 200 Schiffe waren sechs Tage lang in einem Rückstau, der sich dann relativ schnell aufgelöst hat. Der Suezkanal ist eine gut geschmierte Maschine. Die Frage, die man sich trotzdem stellen muss: Wie kann es passieren, dass eines der größten Containerschiffe mitten im Kanal feststeckt? Das ist ein fast unmöglicher Vorgang, die Schiffe sind GPS-gesteuert und ein Lotse muss sie durch den Kanal führen. Zum Glück hat es keine großen Auswirkungen gehabt.

(+) plus: Welche Zukunftsmärkte haben Sie mit dem Rohstoff Wolfram im Visier?

Black: Wir haben mehrere große Abnehmer von Wolfram und Märkte, die sich ständig weiterentwickeln. Ob es die Halbleiterbranche ist, Elektrotechnik und Batterien, 5G-Netzwerke und traditionelle Anwendungen in Militär, Medizin, Automobil, Luft- und Raumfahrt und sogar Bergbau: Wolfram hat besondere Eigenschaften, die in vielen Produktionsbereichen gefragt sind.

(+) plus: Wolfram wurde in der Vergangenheit in Glühbirnen verwendet. Ist dieser Markt endgültig verschwunden?

Black: Glühdraht aus Wolfram wurde in großem Umfang verwendet, weil Wolfram den höchsten Schmelzpunkt aller chemischen Elemente hat. Es ist lange her, dass ich eine Glühbirne gesehen habe, aber in den USA und in Großbritannien hat man wieder angefangen, sie zu produzieren. Ein Freund von mir hat mir vor Kurzem eine Sechserpackung geschickt. Viele von uns haben vergessen, wie schön das Licht war.

Ich vermute, dass dieser Markt auf seinem Höhepunkt etwa 1 bis 1,5 Prozent der Wolframproduktion ausgemacht hat. Das MIT hat jetzt Glühbirnen mit Wolfram entwickelt, die tatsächlich mehr Licht als Wärme abgeben und damit wesentlich effizienter sind. Ein Comeback würde ich aber nicht erwarten. Es gibt jetzt eine ganze Industrie rund um LEDs. Wir konzentrieren uns auf andere Anwendungsbereiche.

(+) plus: Erwarten Sie in der Zukunft einen möglichen »Ölkrieg« auch um den Markt für Batterie-Rohstoffe? Wie könnten wir diesen verhindern?

Black: Der Begriff Krieg ist vielleicht überstrapaziert, da wir weder Panzer auf Schlachtfeldern sehen werden noch Rohstoff-Engpässe wie in der Ölkrise in den siebziger Jahren. Die Spannungen werden subtiler sein. China hat über 30 Jahre eine umfangreiche Lieferkette entwickelt, die sich im Wesentlichen von den Rohstoffen bis zu den fertigen Produkten erstreckt. Die Abhängigkeit der westlichen Länder von der chinesischen Lieferkette hat zugenommen. Letztlich sind alle westlichen Unternehmen ihren CFOs ausgeliefert. Die Lagerbestände werden so klein wie möglich gehalten, da man jederzeit zum Telefon greifen kann und bei den Kollegen in China bestellt, was man braucht. Das hat den chinesischen Unternehmen sukzessive Marktanteile gebracht.

Wir können davon ausgehen, dass China dieses Geschäftsmodell nicht abdrehen wird, aber die Spannungen aufgrund des Ungleichgewichts werden definitiv zunehmen. Die EU und Regierungen wie in Kanada, Australien, Japan und Südkorea sind sich dessen bewusst. Diversifizierung ist enorm wichtig, aber als Staat muss man vorsichtig sein. Offen diskutierte Überlegungen, Abhängigkeiten abzubauen, können bereits die Beziehung zum Handelspartner China trüben – Australien hat erst kürzlich diese Erfahrung gemacht.

Eine Diversifizierung wird sicherlich auch langsamer erfolgen können, aber das wird eben nicht über Nacht geschehen. So etwas dauert mindestens ein Jahrzehnt.


Bild: Lewis Black, CEO des Bergbauunternehmens Almonty, warnt vor einseitigen Produktionsketten mit China.

(+) plus: Gibt es auf europäischem Boden genug Wolfram für die Industrie?

Black: Es gibt nicht einmal annähernd genug. Europa ist ein vergleichsweise kleiner Kontinent, wenn man im Bergbau tätig ist. Wohl gibt es hier eine lange Geschichte mit dem Abbau von Kohle, Nickel, Kupfer oder Gold, doch politisch gesehen ist der Appetit auf Bergbau gestillt. Europa wird sich um eine Diversifizierung seiner Lieferanten in befreundeten Ländern bemühen müssen.

(+) plus: Welche weiteren Länder sind für den Abbau von Wolfram interessant?

Black: Wir fokussieren auf jedes Land, in dem sichergestellt ist, dass nicht eines Tages der Sohn des Präsidenten aufwacht und sich entscheidet, ins Geschäft mit Wolfram einzusteigen. Alle unsere Kunden fordern entsprechende ESG-Programme (»Environmental, Social and Governance«) und Transparenz bei unseren Aktivitäten am Rohstoffmarkt. Diese Standards können Sie nur erfüllen, wenn Sie ausschließlich in Ländern mit funktionierenden Rechtssystemen tätig sind. Es gäbe schon Projekte, die wir gerne betreiben würden, die aber keinem Transparenztest standhalten – das betrifft Regionen in Afrika ebenso wie im südlichen Teil Russlands und im Kaukasus.

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