Was VR mit »realem« Business zu tun hat

Foto: ViARSys entwickelte eine Mindmap für Workshops und kollaborative Strategiesitzungen. Jeder Knoten der Mindmap ist ein eigener »Raum«, dem Daten hinzugefügt werden können – sei es ein Bild, ein Video, ein 3D-Modell oder Text. Foto: ViARSys entwickelte eine Mindmap für Workshops und kollaborative Strategiesitzungen. Jeder Knoten der Mindmap ist ein eigener »Raum«, dem Daten hinzugefügt werden können – sei es ein Bild, ein Video, ein 3D-Modell oder Text.

Virtual Reality, zur Anwendung in Meetings und Präsentationen gebracht. Gedanken zur Zukunft von VR. Ein Beitrag von Konrad Gill, Geschäftsführer des Wiener Unternehmens ViARsys.

2014, auf einer Messe in London, habe ich mein erstes Erlebnis mit Virtual Reality gehabt. Sofort spürte ich neben meiner kindlichen Begeisterung für Holodeck-ähnliche Anwendungen – wie man es aus Captain Picards »Star Trek« kennt –, dass diese Technologie die Welt verändern wird. Ich spielte und experimentierte damit und hatte bald Gleichgesinnte verteilt über den ganzen Planeten gefunden. Wir haben VR-Brillen, Sensoren und Requisiten ausprobiert – beispielsweise Holzplanken, die zu schmalen Stegen über virtuelle Tiefen wurden, um Höhenangst zu simulieren. Wir haben uns dazu rege in Foren ausgetauscht – eine kleine, weltweite Bastler-Community eben.

Der Fokus aufs Thema änderte sich für mich 2016 beim »Discgolf« spielen. »Social VR« war gerade am Entstehen und ein amerikanischer Freund hatte eine Visualisierungsfirma in Seattle für die Immobilienbranche gegründet. Auf einem brandneuen Platz in einer VR-Welt Frisbee werfend und über Immobilien sprechend erkannten wir, dass wir gerade die gleiche Art der entspannten Konversation und des Fachsimpelns wie auf einem echten Green hatten.

Aber wir waren auf verschiedenen Kontinenten. Was für ein Potenzial! Als »Bootstrapping«-Unternehmen ohne Fremdfinanzierung bringen wir VR jedem einzelnen Kundenkontakt persönlich näher. VR ist schwer zu erklären und schwer zu verkaufen – man muss es selbst erleben. Ein typisches Anwendungsfeld sind Showrooms, um Unternehmen und Produkte vorzustellen und diese nicht nur sichtbar, sondern auch greifbar zu machen. In VR stecken die Möglichkeiten, Vertrieb und Marketing generell zu verändern.

Mittlerweile arbeiten wir bei ­VIARsys nicht nur an VR-Anwendungen jeden Tag, sondern auch inmitten der virtuellen Realität. Wir brainstormen, designen, entwickeln, programmieren und halten Strategiebesprechungen an einem virtuellen Lagerfeuer ab. Natürlich hören wir auch ein Knistern und im Hintergrund heulen im visualisierten dunklen Wald die Wölfe – die beste Arbeitsumgebung, um über ein nächstes Projekt zu plaudern. Bereits heute befinden sich in VR unsere Meetingräume und unsere Arbeitsplätze, die die Werkzeuge für den Bau weiterer VR-Umgebungen bereitstellen. Virtual Reality selbst ist das Eingabemedium geworden, das andere Lösungen verbessert oder gänzlich ersetzt.

Meetings in VR

Einer der entscheidenden Aspekte der Fernarbeit ist, dass wir den größten Teil des Tages allein sind, zumindest physisch. Viele von uns arbeiten von einem Heimbüro aus, was sich durch die aktuelle Coronakrise wesentlich verstärkt hat. Egal ob nun unsere Familien ebenfalls zu Hause sind oder die meiste Zeit des Tages in der Schule oder in der Arbeit – eines bleibt gleich: Wir müssen in der Lage sein, unsere Aufmerksamkeit über lange Zeiträume hinweg bei der Arbeit am Computer zu halten. Wir müssen uns beispielsweise auf Coding oder Kommunikationskanäle konzentrieren können, um unsere Arbeit gut erledigen zu können.

Doch erst persönliche Gespräche und soziale Verbindungen führen zu Freundschaften und starken Arbeitsbeziehungen. Es gehört zur menschlichen Natur, dass wir sinnvolle Interaktionen mit anderen haben wollen. Genau das ist einer der wichtigsten Vorteile, die VR als Instrument für »Remote Work« bringen kann: die Verbindung untereinander auf einer persönlicheren Ebene.

So gibt es einen fundamentalen Unterschied zwischen dem Betrachten einer Person auf einem Bildschirm und dem Gefühl, mit dieser im selben Raum zu sein. VR vermittelt das Gefühl eines gemeinsamen Erlebnisses und Erfahrens. Man kann Gesten wie Handbewegungen, Körperdrehungen und Kopfneigungen sehen. Diese geben kleine, aber wichtige Hinweise, wie sich eine Person bei der Kommunikation fühlt  – in verteilten Teams, an unterschiedlichen Standorten weltweit.

Whiteboard in VR

Nimmt man heutzutage an einem Geschäftstreffen teil, gibt es in jedem Sitzungsraum ein gemeinsames Werkzeug, eine weiße Tafel. Themen und Ideen werden darauf hervorgehoben, auf die sich alle konzentrieren sollen. Man kann eine Grafik zeichnen, Haftnotizen anbringen oder ein Flussdiagramm, das ein abstraktes Konzept darstellt. Dann könnte jemand mit einem Telefon ein Foto machen, um die Ideen zu speichern und sie zusammen mit Notizen aus der Sitzung verteilen.

Das ist wesentlich schwieriger, wenn man sich nicht im selben Raum befindet. In der virtuellen Realität können alle diese Formate kollaborativ einfach umgesetzt werden. Ob es sich um ein Organigramm, ein API-Design, die Orchestrierung einer Konferenz oder die Begehung eines Immobilienmodells handelt – Skizzen und Ideen konnten nie zuvor so anschaulich demonstriert und begreifbar gemacht werden.

Präsentationen in VR

Wenn bei Problemstellungen und Aufgaben Worte alleine nicht ausreichen, greifen viele auf Präsentationen mit Power­Point oder Keynote zurück. Elemente wie Bilder, großer Text, Farben und Übergänge zwischen den Folien sollen das Interesse der Zuhörer wecken. VR hat eine einzigartige Möglichkeit, die Aufmerksamkeit des Publikums zu fesseln. Es ist etwas anderes. Es ist animiert, es ist lebendig und es ist dreidimensional. Die größte Wirkung entfaltet es, wenn man jemanden in einer räumlichen Umgebung durch seine Ideen führen kann.

Kollaboratives Design

Webdesign-Umgebungen wie Zeplin, Invision und Figma sind auf die Iteration und Präsentation von flachen 2D-Designs ausgerichtet. Die Raumgestalter von heute verwenden Anwendungen wie Tilt Brush, Medium und Microsoft Maquette, um ihre Kreationen in Anwendungen wie »Neos VR« umzusetzen. Die digitale Transformation ist dreidimensional geworden, um mit Kollegen zusammenzuarbeiten und Präsentationen für Kunden zu erstellen. Und diese Tools werden noch besser, wenn Unternehmen in sie investieren – und die Erstellung und Gestaltung von weiteren Inhalten für die Zukunft ermöglichen.

Kollaborative Entwicklung

Bei der Arbeit mit unserem Entwicklerteam sind wir in letzter Zeit vom herkömmlichen Gruppenchat weggegangen, um miteinander direkt in VR zu diskutieren. Wir zeigen uns dort gegenseitig unsere Fortschritte und kommunizierten über die nächsten Schritte. Die offenen Punkte werden auf unserer internen Aufgabenliste »Nello« aufschrieben. In VR können wir uns gegenseitig in unseren Arbeitsbereich helfen.

Manchmal »springen« auch Kunden direkt in eine Sitzung für ein direkte Rückmeldung. Das fühlt sich äußerst effizient an, sogar noch effizienter als Sprach- oder Videoanrufe, die wie auch weiterhin führen. Wenn ich auf etwas hinweisen möchte, »fliege« ich einfach hin und zeige darauf. Die anderen können mir folgen, während wir das Gespräch fortsetzen. Ich kann etwa um Hilfe bei einem logiX-Code für das VR-Interface bitten. Der Kollege schaut mir dann buchstäblich über die Schulter und sieht, was ich sehe. Die Zusammenarbeit wird reibungslos.

Die Zukunft der Arbeit

VR-Technologie hat sich in den letzten fünf Jahren rasant weiterentwickelt. Wenn nun die Preise für Headsets weiter sinken – eine drahtlose VR-Ausrüstung kostet derzeit knapp 400 Euro – sowie der Funktionsumfang steigt, werden wir in einer Social-VR-Plattform wie »NEOS Metaverse«, »Facebook Horizon« oder »Altspace VR« Steigerungsraten sehen, wie damals in der Internetphase in den Neunzigerjahren.

Ich bin überzeugt, dass die Mehrheit der Menschen und Unternehmen in Zukunft ihre eigenen VR-Räume haben wird, so wie einst jeder eine eigene Website haben wollte. VR wird eine grundlegende Veränderung bringen, wie wir an Informationen kommen, wie wir miteinander interagieren, arbeiten und spielen. Ähnlich des Baus von Websites heute wird es eine Nachfrage nach VR-Sites geben. Zunächst werden es Personen sein, die neugierig auf diese Technologie sind. Es werden VR-Sites entstehen, die mit Geocities und MySpace vergleichbar sind. Wir sehen dies bereits heute. In einer folgenden Phase wird der Großteil der Menschheit VR-Plattformen nutzen. VR wird so selbstverständlich, wie es heute das Internet ist.

Wir sehen uns im Metaverse!

Last modified onMittwoch, 30 September 2020 13:44
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