»Disruptives Potenzial schwingt immer mit«

»Disruptives Potenzial schwingt immer mit«

Die Finanzdienstleister haben es vorgemacht. Andere Branchen loten noch aus, welchen Mehrwert Blockchain-Lösungen bieten und wie Unternehmen die Technologie bereits jetzt als Wettbewerbsvorteil nutzen können. Ein eigens entwickeltes Assessment prüft Sicherheit, Transparenz und Vertraulichkeit der Blockchain-Lösungen. 

Transaktionen, Identitätsnachweise, Herkunftsverfolgung – Blockchain-Anwendungen können Industrie und Dienstleistungen auf ein neues Level heben. Doch jede Technologie wirft auch Fragen zu Risiken und Kontrolle auf. Der Report Verlag lud die Initiatoren des Blockchain Assessments – Anni Koubek (Quality Austria Trainings-, Zertifizierungs- und Begutachtungs GmbH), Klaus Veselko (CIS – Certification & Information Security Services GmbH) und Matthias Hirtschulz (Unternehmensberatung d-fine) – zu einem Gespräch über die Potenziale für Unternehmen und die damit verbundenen technischen und rechtlichen Herausforderungen.

Report: Schon vor rund zehn Jahren wurde Blockchain als große Revolution angekündigt. Bis heute ist die Technologie nicht im Alltag angekommen. Waren die Erwartungen überzogen?
Matthias Hirtschulz, d-fine: 2009 fand die erste Bitcoin-Transaktion statt, allerdings führte die Technologie noch viele Jahre ein Schattendasein. Ab 2013 griff die Finanzindustrie das Thema intensiver auf. Die Entwicklung von Ethereum und sogenannte Smart Contracts, mithilfe derer man Geschäftsprozesse automatisieren und effizienter abbilden kann, haben die Entwicklung dann beschleunigt. Ich erwarte, dass diese Dynamik weiter zunimmt. Einige unserer Kunden haben bereits blockchain-basierte Lösungen in Produktion genommen. Wir sollten der Technologie aber dennoch noch etwas mehr Zeit geben.

Anni Koubek, Quality Austria: Um Blockchain entstand von Anfang an ein Hype, weil man sofort gesehen hat, welches Potenzial darin steckt. Die Erwartungen, dass Lösungen ganz schnell in der Breite umgesetzt werden können, waren vielleicht überzogen. Wir kennen das von anderen Technologien: Anfangs will jeder dabei sein, dann aber scheuen viele das Investment in eine professionelle Realisierung. Jetzt geht es darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, um Blockchain-Lösungen sicher und transparent anbieten zu können.

Klaus Veselko, CIS: Ich möchte an dieser Stelle an den Gartner Hype Cycle erinnern. Jede neue Technologie durchläuft diesen Zyklus von der Innovation, die zu einem Marketinghype führt, über das »Tal der Desillusionierung« bis zum Ansteigen der Kurve auf das »Plateau der Produktivität«. Manche Technologien durchlaufen diesen Zyklus rascher – Blockchain zählt sicher nicht zu den schnellsten. Wir befinden uns noch immer in der Hype-Phase. Es wird sicher noch einige Zeit dauern, bis die Technologie in voller Breite produktiv im Markt zum Einsatz kommt.

Report: Spekulationsgeschäfte mit Kryptowährungen haben etwas am Image gekratzt. Doch gerade Blockchain-Lösungen sollen höchste Standards hinsichtlich Sicherheit und Transparenz erfüllen. Kann das durch die Zertifizierung garantiert werden?

Koubek: Eine Blockchain ist eine Software: Was ich an Intelligenz, Sicherheit und Transparenz hineinstecke, das macht sie dann auch. Natürlich kann ich in jedem Programm manipulieren oder Hintertürchen einbauen. Wir wollen Transparenz und Unverfälschbarkeit von Ergebnissen, deshalb müssen wir sicherstellen, dass die Technologie genau so aufgestellt ist. Eine Prüfung durch unabhängige Dritte gibt allen Teilnehmern an der Blockchain diese Sicherheit.

Hirtschulz: Entscheidend ist, wie die Technologie umgesetzt wird und Geschäftsprozesse angebunden sind: Wie dezentral sind die Strukturen tatsächlich aufgebaut? Wie wurde die sichere Verwahrung von privaten Schlüsseln operationalisiert? Diese Aspekte werden im Rahmen einer Zertifizierung geprüft.

Bild oben: Matthias Hirtschulz, d-fine: »Nicht nur der Privatsektor, auch Regierungen und Regulatoren treiben das Thema voran.«

Veselko: Ein Grund, weshalb die Technologie sich bisher nicht in die Breite entwickelt hat, ist sicher das mangelnde Vertrauen. Die Überprüfung gibt zukünftigen Nutzern die Gewissheit, dass die Anwendung nach dem heutigen Stand der Technik sicher ist und mit ihren Daten nicht Schindluder getrieben wird. Eine Garantie ist es nicht, aber ein klares Statement für eine gut funktionierende, vertrauenswürdige Technologie.

Report: Das Assessment soll international gültig sein. Sind diesbezüglich alle rechtlichen Aspekte geklärt?

Koubek: Quality Austria, d-fine und CIS sind hier Vorreiter. Wir haben gemeinsam dieses Zertifizierungs- und Begutachtungsmodell entwickelt. Der aktuelle Stand der bestehenden Normen wurde dabei berücksichtigt. Was es derzeit noch nicht gibt, ist eine gültige Zertifizierungsnorm. Wir sind aber in den entsprechenden Normengremien vertreten und erwarten, dass in Zukunft weitere Standards geschaffen werden und eine internationale Harmonisierung erfolgt.

Report: Wie läuft die Prüfung ab?

Veselko: Das Assessment wird durch ein Team von Experten durchgeführt und orientiert sich an den gängigen Normen ISO 27001 und ISO 20000-1 zu Informationssicherheit und IT-Servicemanagement. Der dritte Themenblock, der geprüft wird, betrifft spezielle blockchain-relevante Maßnahmen. Der Ablauf folgt im Grunde den Assessments bei Produkt- oder Unternehmenszertifizierungen.

Bild oben: Klaus Veselko, CIS: »Wir werden Blockchain-Lösungen auch als Konsumenten im B2C-Bereich sehen.«

Hirtschulz: Der Prüfungsphase geht die Konzeption und Umsetzung voraus. Schon in dieser frühen Phase vor der Prüfung bietet es sich an, die Prüfungskriterien zu berücksichtigen, um Kosten für nachträgliche Anpassungen zu vermeiden. Hierbei unterstützen wir unsere Kunden.

Report: Für welche Branchen gibt es inzwischen Anwendungen und Produkte?

Hirtschulz: Im Finanzsektor ging es zunächst um digitale Assets in allen Facetten – von Kryptowährungen bis zu digitalen Wertpapieren. Daraus entwickelten sich die ersten profitablen Geschäftsmodelle. Aber auch andere Industrien beschäftigen sich mit Aspekten wie höherer Transparenz, Koordination und Nachvollziehbarkeit in der Supply-Chain oder Herkunft der Teile eines Produktes: Wie sind die Produktionsbedingungen? Kann ich verhindern, dass gefälschte Teile in Lieferketten geschleust werden?

In der Bauwirtschaft lässt sich beispielsweise durch Blockchain eine größere Transparenz zwischen den verschiedenen Gewerken herstellen, um die Baustellen besser koordinieren zu können. Ein weiteres Beispiel: Wir begleiten gerade ein Maschinenbauunternehmen bei der Entwicklung einer Lösung, die Maschinen nutzungsabhängig abrechnet. Dies wird durch eine Verbindung zum tatsächlichen physischen Objekt erreicht.

Report: Ist die Technologie auch für KMU relevant?

Koubek: Das größte Potenzial gibt es in Unternehmen, die viele unterschiedliche Stakeholder in einer Lieferkette oder in Wertverträgen zusammenschalten möchten. Für KMU ist das Thema trotzdem relevant, wenn sie in diese Technologie eingebunden werden und ihre Daten sicherstellen wollen. Als Serviceunternehmen könnte ein KMU sogar eine zentrale Rolle einnehmen und die Abwicklung der Transaktionen steuern.

Bild oben: Anni Koubek, Quality Austria: »Wir wollen Transparenz und Unverfälschbarkeit von Ergebnissen.«

Report: Können durch die Automatisierung der Kontrollprozesse bei Transaktionen und Lieferketten signifikant Kosten gespart werden?

Koubek: Wie immer im IT-Bereich ist es zunächst ein Investment. Sobald alles operativ läuft, können jedoch massiv Transaktionskosten gespart werden. Blockchain ist eine Möglichkeit, die digitalen Prozesse auf die Lieferkette oder Kundenservices auszurollen. Unternehmen wollen nicht mehr reine Hersteller sein, sondern die unendlich vielen Daten ihrer Maschinen für Services nutzen. Sie brauchen sichere Verbindungen zu ihrer Lieferkette, um schnelle Produktion und große Nachvollziehbarkeit gewährleisten zu können.

Hirtschulz: Blockchain bedeutet nicht, Technologie 1 durch Technologie 2 zu ersetzen. Man muss Prozesse ändern, neue Geschäftsmodelle entwickeln, vielleicht sogar Intermediäre herausnehmen – insofern schwingt oft auch disruptives Potenzial mit. Das macht es gleichzeitig schwierig, Kosteneinsparungen zu realisieren, weil es oft damit einhergeht, etablierte Marktinfrastrukturen zu verändern. Erst dann können die Vorteile der Blockchain-Technologie vollständig gehoben werden.

Report: Wie lange dauert es, bis sich das Investment rechnet?

Hirtschulz: Ein sinnvoller Ansatz ist es häufig, vorerst parallele Infrastrukturen zu schaffen. Wir sehen das z.B. in der Finanzindustrie, wo der Umstieg auf neue Geschäftsmodelle  schrittweise, zunächst auf einige Anwendungsfälle begrenzt, vorgenommen wird. Je nach Komplexität des Use-Cases geht es bei einigen Kunden dafür schon nach wenigen Monaten in Produktion.

Report: Ist Blockchain nicht wesentlich komplexer als andere Technologien?

Hirtschulz: Vier Eigenschaften unterscheiden Blockchain-Technologien von anderen Datenbank-Technologien: Das ist die Unveränderbarkeit der gespeicherten Informationen, die Verwendung von Smart Contracts, die dezentrale Struktur und die Möglichkeit, digitale Assets abzubilden. Diese Eigenschaften werfen aber gleichzeitig Fragen auf: Wie kann ein effizienter und sicherer Konsens in einem verteilten Netzwerk hergestellt werden? Wie funktionieren Governance-Mechanismen in diesen Netzwerken?

Wie ist mit der Unveränderbarkeit der Daten oder der Geschäftslogik umzugehen? Andererseits hat Blockchain das Potenzial, eine Basisinfrastruktur – ähnlich dem Internet – zu bilden. Der Grundgedanke ist, dass in einer offenen Struktur Services inter-operabel werden und sich gegenseitig befruchten und Ökosysteme entstehen. Dadurch können neue Anwendungen relativ einfach auf Basis der dann existierenden Infrastruktur umgesetzt werden.

Report: Vielfach kritisiert wird der hohe Energieverbrauch von Kryptowährungen. Wie lässt sich dieses Problem lösen?

Hirtschulz: Viele der zuvor angesprochenen Anwendungsfälle, etwa im Industriebereich, bewegen sich nicht in offenen Blockchains, sondern in eigenen Netzwerken. Dort stellt sich diese Frage gar nicht. Aus meiner Sicht ist es ohnehin nur ein temporäres Problem. Momentan werden andere Konsens-Algorithmen entwickelt, z.B. der Proof-of Stake-Algorithmus, der diesen außergewöhnlichen Energieverbrauch nicht mehr mit sich bringt.

Report: Das US-Marktforschungsunternehmen Gartner rechnet frühestens 2028 mit skalierbaren Business-Lösungen. Wie ist Ihre Einschätzung?

Veselko: Erste Blockchain Lösungen sind heute schon im produktiven Einsatz. Wir werden in ein bis zwei Jahren den Beginn eines Booms dieser Technologie sehen. Bei einigen Anwendungsgebieten wird die Blockchain-Technologie etwas länger – vielleicht zehn Jahre – brauchen.

Es gibt u.a. in Finanzunternehmen schon zahlreiche Projekte abseits von Kryptowährungen und auch in der Lebensmittellogistik existieren fertige Lösungen am Markt. Eine Tochtergesellschaft der Österreichischen Staatsdruckerei arbeitet an einer blockchain-basierten Lösung. Da kommt einiges in Bewegung.

Wir werden das nicht nur im B2B-Geschäft sehen, sondern auch als Konsumenten im B2C-Bereich. Wir werden Blockchain als Anwender nutzen, z.B. um im Grundbuch Realitäten oder die Geschichte eines Hauses abzubilden. Beim Kauf eines Autos kann ich verfolgen, welche Unfälle es hatte und ob alle Services gemacht wurden. Das kann noch ein paar Jahre dauern, aber ich glaube, es wird für die Gesellschaft durchaus ein Gewinn sein.

Koubek: Wenn ein Unternehmen in einem Marktsegment eine skalierbare Lösung hat, ist ein gravierendes Risiko für die anderen Mitbewerber gegeben, Marktanteile zu verlieren.
Niemand will leere Kilometer gehen, aber letztlich auch nicht als Verlierer dastehen, weil ein anderer bereits eine skalierbare Plattform entwickelt hat. Deswegen wird sich die Dynamik, sobald erste Lösungen da sind, massiv verstärken.

Hirtschulz: Wenn ich die aktuellen Entwicklungen beobachte, glaube ich nicht, dass wir noch sehr lange warten müssen, bis wir Anwendungen in der Breite sehen. Denken Sie nur an die Komplementärwährung Libra: Die Libra Association hat in der Schweiz bereits einen Lizensierungsantrag gestellt und plant, in diesem oder kommenden Jahr damit live zu gehen. Wir haben also schon bald eine blockchain-basierte Lösung, die potenziell hunderte Millionen Menschen weltweit adressiert. Nicht nur der Privatsektor, sondern auch Regierungen und Regulatoren treiben das Thema voran und schaffen damit die Basis für weitere Anwendungen. Daher rechne ich eher mit einem Zeithorizont von wenigen Jahren.

Report: Wird die Coronakrise diese Entwicklung beschleunigen?

Koubek: Corona hat einen Digitalisierungsschub in der Gesellschaft gebracht. Es ist für mich unvorstellbar, dass wir diesen Schritt wieder zurückgehen. In diesem Zusammenhang fordern wir immer Transparenz und Sicherheit ein – und da sind wir wieder bei der Blockchain.


Fakten

Eine Blockchain ist eine dezen-trale Datenbank, in der Transaktionen in Blöcken zusammengefasst und verbunden werden. Die Transaktionen sind irreversibel gespeichert. Durch einen von allen Rechnern des Netzwerks verwendeten Konsensmechanismus wird die Authentizität der Datenbankeinträge sichergestellt. Dieses Konzept eines transparenten Buchungsverfahrens wird auch als Distributed Ledger Technologie (DLT) bezeichnet.

Eine der ersten Anwendungen einer Blockchain war die Kryptowährung Bitcoin, die 2008 unter dem Eindruck der Finanzkrise als technisches Konzept für digitales Geld entwickelt wurde. Aufgrund der Möglichkeit, Informationen manipulationssicher sowie zeitlich und organisatorisch nachvollziehbar zu archivieren, bieten Blockchains für Unternehmen unzählige Anwendungsgebiete, u.a. bei der Aufbewahrung von Dokumenten (z.B. Grundbuch, Aktien), Prozessabläufen (z.B. Wertpapiere, Versicherungen), Herkunftsverfolgung (z.B. Lebensmittel, Fahrzeuge) oder Lieferkettenüberwachung.
Durch Smart Contracts – elektronische Verträge, bei denen die dezentrale Speicherung und Authentifikation auf Basis von Blockchain-Technologie erfolgt – zeichnet sich eine zunehmend dynamische Entwicklung dieser Lösungen ab.

Blockchain Assessment

Distributed Ledger Technologien (DLT) gelten als manipulationssicher, jedoch unterliegen darauf basierende Lösungen wie jede andere IT-Implementierung auch Risiken. Das Blockchain Assessment umfasst eine standardisierte Prüfung der Anwendung auf prozessualer und technischer Ebene. Die Zertifizierung sorgt für Transparenz und Datenintegrität, beugt Betrugsfällen vor und schafft Vertrauen bei den Blockchain-Teilnehmern und Kunden.

Quality Austria Trainings-, Zertifizierungs- und Begutachtungs GmbH ist langjähriger Marktführer für System- und Produktzertifizierungen in Österreich und vergibt seit 1996 den Staatspreis für Unternehmensqualität in Kooperation mit dem BMDW.

Info: https://www.qualityaustria.com

Als akkreditierter Zertifizierungspartner ist CIS – Certification & Information Security Services GmbH auf Informationssicherheit, IT-Services, Cloud Computing, Rechenzentren und Business Continuity Management spezialisiert.

Info: https://at.cis-cert.com

d-fine ist ein europäisches Beratungsunternehmen mit Fokus auf analytisch und technisch anspruchsvolle Themen. In Bereich Blockchain unterstützt d-fine Unternehmen, blockchain-basierte Lösungen zu entwerfen, umzusetzen und produktiv zu nehmen. Mit über 900 Mitarbeitern und mehr als 15 Jahren Erfahrung bietet das Unternehmen Expertise in vielen Branchen.

Info: https://www.d-fine.com

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