»Die Aufgabe ist monumental«

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Harald Stindl, Geschäftsführer Gas Connect Austria, im Gespräch über den aktuellen Verlauf des Gasgeschäfts in Österreich, Erwartungen für einen Wasserstoff-Backbone in Europa und den allgemeinen Wunsch nach grünem Gas.

Report: Welchen Geschäftsverlauf erwarten Sie durch den Pandemieeffekt für heuer?

Harald Stindl: Man rechnet in der Wirtschaft generell mit einem Rückgang des Gasabsatzes zwischen fünf und sieben Prozent. Der Wärmemarkt ist unabhängig davon, die größte Nachfrage nach Erdgas besteht vielmehr durch die Industrie. Hier ist die Frage, wie lange der zweite Lockdown dauern wird, und in welcher Intensität er erfolgt. In Europa waren die Auswirkungen auch im Frühjahr sehr unterschiedlich. Während es im März und April kaum einen Rückgang im Osten Deutschlands oder Polen gab, ist der Gasmarkt in Italien um zehn Prozent eingebrochen. Der prognostizierte Rückgang in Österreich beruht aber auch auf einem relativ starken Jahr 2019, in dem für die Versorgungssicherheit – mit dem Hintergrund der Russland-Ukraine-Krise – sehr viel eingespeichert wurde.

Mittelfristig erwarten wir durch den Ausstieg von Kohlekraftwerken aus dem Strommarkt in Europa zumindest für die nächsten fünf Jahre einen Anstieg des Erdgasbedarfs. Auch in Österreich wurde ja im Frühjahr das letzte Kohlekraftwerk verabschiedet.

Report: Was wird sich für Gas Connect Austria mit dem Mehrheitseigentümer Verbund ändern?

Stindl: Als »Independent Transmission System Operator« ändert sich grundsätzlich nichts bei unserer operativen Geschäftsaktivität – und auch nichts an einer Einflussnahme von außen. Wir sind auch gesetzlich verpflichtet, im Rahmen bestimmter Prozesse mit unseren Angeboten am Markt tätig zu sein. Strategisch gesehen, wandern wir von einem eher fossil orientierten Unternehmen wie der OMV als Eigentümer zu einem Unternehmen mit viel grüner Energie, dem Verbund. Unser bisheriger Schwerpunkt – uns im Rahmen der Energiewende auf den Transport von erneuerbarem Gas umzuorientieren – wird sich wahrscheinlich noch weiter verstärken.

Report: Wenn man den politischen und gesellschaftlichen Wunsch nach grünem Gas betrachtet: Wie realistisch ist eine flächendeckende Umsetzung eines Backbones dazu in Europa? Mit welchen Zeiträumen ist hier zu rechnen?

Stindl: Die Umsetzung eines Backbones wird eher mittel- und langfristig realisierbar sein und auch regional durchaus unterschiedlich ausfallen. Sinnvoll wird der Einsatz in Clustern sein: So kann Wasserstoff an Orten mit überschüssiger Windenergie etwa in Nordwesteuropa hergestellt werden und in einem Industriegelände wie in Rotterdam umgesetzt werden. Man wird in weiterer Folge diese Cluster überregional und, soweit möglich, auch europaweit verbinden. Denn nicht alle Länder werden die Möglichkeit haben, kostengünstig grünen Wasserstoff zu erzeugen, und nicht alle haben auch die Ressourcen dazu.

Aus einer internen Studie schätzen wir, dass in Österreich aus derzeit grüner Überschussenergie ungefähr 1,2 Milliarden m³ Wasserstoff herstellbar sind. Nach Brennwert gerechnet – der Energieinhalt bei Wasserstoff beträgt rund ein Drittel des Wertes bei Erdgas – entspricht das 400 bis 450 Millionen m³ Erdgas. Doch brauchen wir national 9 Mrd. m³ Erdgas im Jahr – wir sind hier bei einem vollständigen Ersatz also limitiert. Als Land in der Mitte Europas werden wir darauf angewiesen sein, erneuerbare Energie zu importieren. Wir verfügen nicht über jene Mengen Windenergie wie Länder an der Nord- und Ostsee und finden in Österreich auch andere Voraussetzungen für Solar- und Photovoltaik als im Süden vor. In diesem Zusammenhang spielt ein Wasserstoff-Backbone eine große Rolle.

Generell müssen das auch keine neuen Leitungen sein. Es ist relativ kostengünstig, existierende Leitungsinfrastruktur umzuwidmen. Die einzelnen Teile von Erdgasleitungen und Anlagen müssen über die Zeit ohnehin ersetzt werden – sie können bei Erneuerungen dann schrittweise einfach für entweder einen sehr hohen Wasserstoffanteil oder auch 100 % Wasserstoff spezifiziert werden.

Report: Welchen Wasserstoffmix werden wir in dem Backbone tatsächlich sehen?

Stindl: Das wird regional sehr unterschiedlich: In Nordwesteuropa wird teilweise ein Nebeneinander von Erdgasleitungen mit Methan (CH4) und Wasserstoff (H2) gesehen. In Südeuropa werden mitunter aus finanziellen Gründen keine reinen Wasserstoffleitungen gebaut werden – dort geht man eher von einem sogenannten Blending aus: Man mischt Erdgas bis zu 20 % Wasserstoff bei und kann diesen Anteil durch »Deblending« an der Destination wieder extrahieren.

Technisch ist vieles möglich, doch ist es kostenintensiv. Man sollte dabei auch die derzeit teilweise noch sehr große Bandbreite der Erzeugungskosten von Wasserstoff beachten: Eine Studie der EU sieht derzeit den besten Preis mit 64 Euro pro Megawattstunde bei Wasserstoff, der aus Russland importiert wird. Unsere Schätzungen gehen für die Kosten in der Wasserstofferzeugung in Österreich bis über 150 Euro/MWh hinauf. Zum Vergleich: Erdgas kostet heute am CEGH 14 Euro/MWh.

Bei diesen Preisunterschieden besteht schon auch die Sorge um die Wettbewerbsfähigkeit des heimischen Industriestandorts. Schon im 18. Jahrhundert hat Adam Smith den Wert der günstigsten Produktion in unserem Wirtschaftssystem gesehen. Man könne französischen Wein, wird er zitiert, auch in Schottland erzeugen – nur sei dort ein Gewächshaus nötig, das über das ganze Jahr geheizt wird. Das Ergebnis wäre ein dreißigmal höherer Preis. Wenn wir aber Güter aus anderen Ländern importieren, wird auch wieder bei uns eingekauft – es gibt eine Verwobenheit der Volkswirtschaften, die auf einem gesunden Wettbewerb beruht.

Report: Wann wird Wasserstoff zumindest als Beimischung im Erdgasnetz signifikant am Markt zu sehen sein?

Stindl: Im Rahmen der Clean Hydrogen Alliance der EU sollten über sieben Themenbereiche hinweg jede Menge Projekte in den nächsten Jahren zur Marktreife geführt werden. Derzeit wird Wasserstoff in erster Linie über Dampfreformierung aus Erdgas erzeugt. Ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen, aber nach unseren Informationen ist er noch nicht wettbewerbsfähig aus grüner Energie herstellbar. Dafür braucht es eine Anstoßfinanzierung, die es auch im Rahmen des European Green Deal und des Recovery and Resilience Package aller Voraussicht nach geben wird. Auf Basis dieser Projekte werden sich weitere Größeneffekte mit Skalierungen durch die Industrie ergeben – damit wird die Erzeugung wettbewerbsfähiger werden. Ein wesentlicher Faktor wird auch die Ausgestaltung einer CO2-Steuer sein.

In weitere Folge wird es zwischen diesen ersten Clustern Verbindungsleitungen geben müssen, die nach und nach auch weiteren Produzenten zugänglich sein werden. Diese Entwicklung des sogenannten »Third Party Access« hat es ja auch in der Erdgaswirtschaft gegeben. Sukzessive wird im Idealfall daraus ein Wasserstoffnetz entstehen. Aktuell aber verfolgt jedes Land seine eigene Energie- und Klima­strategie. Das wird auch den Einsatz von Wasserstoff von Region zu Region unterschiedlich betreffen.

Report: Welche Rolle sehen Sie für Gas Connect Austria im Bereich der Sektorkopplung – abgesehen von Transport- und Servicefunktionen für den Markt?

Stindl: Wir sehen uns als Fernleitungsnetzbetreiber künftig eventuell auch in der Rolle eines Betreibers von Anlagen im Bereich der Sektorkopplung – ein Bereich, der aufgrund des Unbundlings aber regulatorisch genehmigt sein muss. Die Umsetzung einer Richtlinie dazu wird nicht vor 2024 erwartet, hier muss überhaupt noch eine Gesetzesinitiative der EU zur Diskussion vorgestellt werden. Auf jeden Fall sind wir ein Dienstleister mit tiefgehendem Knowhow im Umgang mit gasförmigen Stoffen und damit ein wertvoller Partner für Projekte.

Report: Welche Rolle wird Biogas in Zukunft spielen können?

Stindl: Studien zeigen, dass wir in Österreich rund 4 Mrd. m³ Biogas jährlich erzeugen können – das entspricht ungefähr 47 Terawattstunden. Das ist ein großes Potenzial, zumal ja Biogas auch saisonal gespeichert werden kann. Das wird sogar als »TINA – There Is No Alternative« bezeichnet, denn die Energiewirtschaft, insbesondere die Erneuerbaren, brauchen einen gasförmigen Energieträger für eine witterungsunabhängige Speicherung auch über Jahreszeiten hinweg. Das kann mit Wasserstoff geschehen, und eben auch mit Biogas.
Die Aufgabe ist monumental – wir hatten im letzten Jahr in Österreich einen Einsatz von 270 TWh fossile Energie bei einem Gesamtbruttoeinsatz von 400 TWh.

Auch wenn wir es bis 2030 schaffen, 27 TWh erneuerbaren Strom zu generieren, haben wir erst ein Zehntel erreicht. Sicherlich wird gerade im Verkehr mit dem Einsatz von Strom die Energieeffizienz steigen – Strommotoren für Autos sind 40 % effizienter als fossile Antriebe. Damit können wir uns von heute insgesamt 150 TWh für Mobilität vielleicht 40 TWh einsparen – vor allem im Pkw-Bereich, der eher für den Umstieg auf Elektromobilität geeignet ist. Lkw wiederum müssten vermutlich auf Wasserstoff umgerüstet werden oder übergangsweise sinnvollerweise auf LNG oder CNG (Anm. »Liquefied Natural Gas« bzw. »Compressed Natural Gas«), um massiv auch Stickoxide und Partikel sowie 20 % CO2-Emissionen zu reduzieren.

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