Jenseits von Gut und Böse

Im Schatten der Wirtschaftskrise ringt die EU um ein Klimaschutzpaket. Der Streit um die Senkung der CO2-Emissionen lässt die vormals klaren Grenzen zwischen den »guten« erneuerbaren Energien und den »bösen« Kohle- und Gaskraftwerken aber zunehmend verschwimmen. Auch fossile Energiequellen können umweltfreundlich genutzt werden, sagt etwa der Technologiekonzern Alstom.

 

Das Bekenntnis der EU-Kommission zu erneuerbaren Energien ist deutlich: Bis 2020 soll die Energiegewinnung aus Wind, Wasser, Sonne und Biomasse massiv auf 20 Prozent ausgebaut, gleichzeitig der Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) gegenüber den Werten von 1990 um 20 Prozent gesenkt werden. Den Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Mitgliedsstaaten, die Mitte Dezember in Brüssel beim Gipfeltreffen über das Klimaschutzpaket berieten, fiel das Bekenntnis zum Teil weniger leicht. Das so genannte 20-20-20-Ziel galt zwar intern als ausverhandelt – doch das war vor der Wirtschaftskrise.

Nun tendiert die Konjunktur Richtung Nullpunkt und nicht zuletzt die deutsche Kanzlerin Angela Merkel – zuvor noch eifrige Klimaschützerin – trachtet danach, der deutschen Industrie durch nicht allzu strenge Auflagen unter die Arme zu greifen. Heftigen Gegenwind gibt es auch aus Polen, das 95 Prozent seiner Energie aus großteils völlig veralteten Kohlekraftwerken bezieht, wie überhaupt alle osteuropäischen Mitgliedsstaaten ihren wirtschaftlichen Nachholbedarf geltend machen wollen.

Umstrittener Kuhhandel

Besonders umstritten ist der Handel mit Verschmutzungsrechten für den CO2-Ausstoß. Kann ein Land die Vorgaben nicht erfüllen, müssen Emissionszertifikate zugekauft werden. Einige Staaten, darunter auch Österreich, legten Protest ein, da sie befürchten, dass energieintensive Industriebetriebe abwandern könnten. Kritisiert wird aber auch die grundsätzliche Einstufung der Energiequellen, die sich rein nach den CO2-Emissionen richtet. Große Länder wie etwa Frankreich, die nach wie vor massiv auf Atomkraft setzen, sind fein raus. Als ökologische Energieform geht das wohl kaum durch, bei der Vergabe der Zertifikate werden diese emissionsarmen Energiequellen aber indirekt bevorzugt.
Die EU hat die Latte auch für Österreich extrem hoch gelegt: Ein Ausbau der erneuerbaren Energieträger auf 34 Prozent des Energieverbrauchs sind nach Berechnungen der Wirtschaftsprüfungskanzlei Ernst & Young »technisch und wirtschaftlich nur schwer machbar«, da Wasserkraft und Windenergie nur ein begrenztes Wachstumspotenzial haben. 2005 betrug der Anteil erneuerbarer Energie in Österreich 23,3 Prozent und stammte großteils aus Wasserkraft. Ernst & Young erachten einen Ausbau auf 28 Prozent für realistisch. »Wir haben nur eine Donau und nicht mehr«, sagte Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner am Rande der schwierigen EU-Gipfelgespräche.

Bei aller Sympathie für erneuerbare Energien muss klar sein, dass aus Wind & Co allein der Energiebedarf nicht ausreichend gedeckt werden kann. Der Wind weht nicht immer, die Sonne scheint nicht immer, und selbst wenn dies der Fall wäre, bliebe noch das Problem der Schwankungen. Ein Forcieren von Windenergie bedingt deshalb auch immer gleichzeitig eine Stützung durch Gas, um die Spitzen im Bedarf auszugleichen. Anders die seit Jahrzehnten als »Dreckschleudern« verschrieenen Kohle- und Gaskraftwerke: Die Assoziationen »saubere« oder »schmutzige« Energie haben sich angesichts des technischen Fortschritts in der Gewinnung und Aufbereitung fossiler Brennstoffe längst relativiert. Wie der Wirkungsgrad und damit die Umweltverträglichkeit bestehender und geplanter Kraftwerksanlagen verbessert werden kann, war auch das Kernthema des 9. Technischen Kolloquiums der Alstom AG, das Ende November in Mannheim stattfand.

Neue Generation

Der französische Konzern zählt zu den weltweit führenden Herstellern im Transportbereich, in der Sparte Energieanlagen ist das Unternehmen Marktführer. In Deutschland ist Alstom an über 15 Standorten tätig. Volle Auftragsbücher bescherten dem Konzern zuletzt ein Rekordergebnis. Der Reingewinn stieg im ersten Halbjahr des laufenden Geschäftsjahres (per Ende September) um 36 Prozent auf 527 Millionen Euro und übertraf damit die Prognosen der Analysten deutlich. Trotz zu erwartender Wirtschaftsflaute rechnet Andreas Wittke, Präsident von Alstom Deutschland, mit weiteren Zuwächsen. Stornierungen seien bisher ausgeblieben.
Das »Kraftwerksanlagenunternehmen mit der umfassendsten Palette«, so Wittke, liefert alle wesentlichen Komponenten aus eigenem Haus. Das ermöglicht dem Konzern, nicht nur neue Gesamtanlagen etwa als Kombikraftwerke flexibel und damit effizient zu konzipieren, sondern auch einzelne Teile der Produktion wie beispielsweise Dampfturbinen, Kohlemühlen und Leittechniksysteme laufend zu optimieren. »Eine einseitige Förderung von Gas gegenüber Kohle, wie sie sich seitens der Politik derzeit abzeichnet, ist nicht in unserem Sinn«, sagt Kai Wieghardt, Direktor von Alstom Power Systems. Aktuelles Zukunftsprojekt ist schließlich ein Kohlekraftwerk der neuen Generation mit CO2-Abscheidung. Die weltweit erste Pilotanlage am Vattenfall-Standort »Schwarze Pumpe« ist seit 8. September 2008 in Betrieb und arbeitet nach dem Oxyfuel-Verfahren. Dabei wird das bei der Kohleverbrennung entstehende Kohlendioxid verdichtet, verflüssigt und dann in die Erde gepresst, um die globale Erwärmung zu vermindern. »Etwa Mitte des nächsten Jahrzehnts können wir die CO2-Wäsche als nachgeschaltete Abscheidung kommerziell anbieten«, zeigt sich Alstom-Vorstand Wittke optimistisch.

Parallel dazu verfolgt die Alstom AG weiterhin das ehrgeizige Ziel eines 700-Grad-Dampfkraftwerks. Als Faustregel gilt: Je höher die Betriebstemperatur, desto effizienter ist der Kreislaufprozess und damit der Wirkungsgrad des Kraftwerks. Mit der Testanlage COMTES 700, seit 2005 in Betrieb, konnte mit einer Dampftemperatur von 600 Grad Celsius und 28,5 MPa Dampfdruck ein erster Durchbruch erzielt werden. Neben der Optimierung der Dampfparameter wird auch bei der technischen Weiterentwicklung der Dampfturbinen – Material, Design, Fertigung, Beständigkeit etc. – nichts dem Zufall überlassen.

Ressourcen schonen

Punkto Brennstoffnutzung übertrumpfen gasbetriebene Kombikraftwerke mit einem Wirkungsgrad von fast 60 Prozent ihre Kohlebrüder allerdings noch klar. Durch Kraft-Wärme-Kopplung, etwa in Fernwärmenetzen, ist sogar ein Nutzungsgrad von 90 Prozent möglich. Im Verbund mit regenerativen Energieträgern wie Windkraft eignen sich Gaskraftwerke als Backup für Spitzenlasten.

Unabhängig von der Entscheidung auf EU-Ebene wird das Thema Gas noch länger die Energiediskussion bestimmen. Bis 2020 müssen viele Altanlagen ersetzt oder zumindest teilweise nachgerüstet werden. Ein Referenzprojekt für die Umstellung eines ölgefeuerten Kraftwerks auf Erdgasbetrieb hat Alstom mit dem Kombikraftwerk Senoko in Singapur geliefert. Trotz Beibehaltung einiger Hauptkomponenten konnte der Wirkungsgrad der Anlage von 36 auf 56 Prozent erhöht werden. Schätzungen zufolge wird 2030 weltweit etwa doppelt so viel Strom benötigt wie heute. Um diesen Bedarf zu decken, werden alle Energieträger – fossile wie regenerative – unverzichtbar sein. Entscheidend sind dann nicht Zuschreibungen wie »gut« oder »böse«, sondern der schonende Umgang mit Ressourcen. 

C02-Emissionen 2005 im Vergleich zu 1990

Emissionsanstieg Kioto-Vorgabe
Spanien 53,3% 15,0%
Österreich 18,0% –13,0%
Luxemburg 0,4% –28,0%
Italien 12,1% –6,5%
Portugal 42,8% 27,0%
Dänemark –7,0% –21,0%
Irland 26,3% 13,0%
Belgien –1,3% –7,5%
Niederlande –0,4% –6,0%
Deutschland –18,4% –21,0%
Griechenland 26,6% 25,0%
Frankreich –1,6% 0,0%
Großbritannien –14,8% –12,5%
Finnland –2,5% 0,0%
Schweden –7,3% 4,0%
EU 15 gesamt –1,5%                     –8,0%

Quelle: Uno-Klimasekretariat

Last modified onMontag, 17 Oktober 2011 02:42
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