»Es geht um die richtige Ladetechnologie am passenden Ort«

Thomas ­Makrandreou. Der Infrastrukturexperte sieht ABB in der Pole Position. Thomas ­Makrandreou. Der Infrastrukturexperte sieht ABB in der Pole Position. Foto: ABB

Über Marktentwicklungen in der Elektromobilität und Ladetechnologien spricht Thomas Makrandreou, Leiter der Unternehmenskommunikation bei ABB für Österreich und Slowenien.

Report: Was bietet ABB zum Thema Elektromobilität?

Thomas Makrandreou: Wir bieten netzwerkfähige Schnellladeinfrastruktur, das sind Multistandard-Ladestationen, mit denen fast alle modernen Elektroautos schnellstmöglich geladen werden können. Eine kleine Ausnahme stellen Fahrzeuge von Tesla dar, die mit dem Tesla-eigenen Supercharger geladen werden, aber über den Tesla-Adapter auf CHAdeMO-Basis auch mit unseren Schnellladestationen kompatibel sind und von diesen profitieren. Alle anderen Elektrofahrzeuge können unabhängig von der Ladetechnologie- und dem Stecker – CHAdeMO-, CCS-Standard, oder auf der Wechselstromseite Mennekes-Typ-2 – geladen werden. ABB ist hier Marktführer in Europa und mit großem Abstand auch in Österreich.

Derzeit erweitern wir unser Portfolio mit Lösungen für Elektromobilität im öffentlichen Personennahverkehr – in erster Linie geht es um Schnellladungen für Busse. Wir haben dazu zwei verschiedene Konzepte: eine Lösung, die gemeinsam mit Volvo entwickelt wurde und die bereits in Belgien im Einsatz ist; zum anderen TOSA, das mit weiteren Partnern in Genf im Einsatz ist. Hier werden die Bordbatterien von Bussen mit 600 Kilowatt binnen 15 Sekunden über Flash-Technologie nachgeladen. An den Endhaltestellen passiert dann eine vollständige Wiederaufladung innerhalb von vier bis fünf Minuten.

Report: In welchen Zahlen gemessen ist ABB Marktführer bei Ladestationen in Österreich?

Makrandreou:
Wir haben vergangenen September die hundertste Ladestation in Österreich verkauft. ABB steht im Moment bei rund 125 bis 130 Schnellladestationen – das ist ein Marktanteil bei der Schnellladung von über 80 %.

Report: Bleibt der Markt der Ladetechnologien in der Elektromobilität weiter so heterogen, wie er heute ist?

Makrandreou:
Die drei genormten Ladestandards werden zumindest mittelfris­tig weiterhin bestehen, worin ich allerdings analog zu den Zapfsäulen mit Diesel, Super, Super+ und mehr kein Problem sehe. Auch unterschiedliche schnelle Ladestationen werden wir – je nach Anwendungsfall und Bedarf – weiterhin sehen.

Zu den Ladetechniken wird in Zukunft auch High-Power-Charging kommen – ein Thema, das derzeit stark von den Premium-Fahrzeugherstellern getrieben wird. Tesla hat ja bereits diese Richtung eingeschlagen. Audi beispielsweise spricht von bis zu 150-kW-Schnellladung, Porsche sogar von bis zu 300 kW, die damit möglich sein wird. Es ist auch ein logischer Schritt für die weitere Entwicklung dieses Marktes.
Vor allem bei den gehobenen Preisklassen werden die Batteriekapazitäten für höhere Reichweiten größer. Diese größeren Batterien müssen ebenso mit sinnvollen Ladezeiten funktionieren, also entsprechend schneller geladen werden können. Wir sprechen hier von wenigen Minuten beziehungsweise der Zeit einer Kaffeepause.

ABB arbeitet im Bereich des High-Power-Chargings in der Entwicklung eng mit den Automobilherstellern zusammen und ist auch in den entsprechenden Standardisierungsgremien von Beginn an vertreten.

Report: Es gibt in Städten wie auch Wien die Idee, eine Ladeinfrastruktur über Laternenmasten, die ja bereits elektrisch angebunden sind, auszurollen. Wäre das eine Lösung?


Makrandreou:
Wir begrüßen alle Initiativen für Elektromobilität, wobei aber Ladestellen an Laternenmasten bei weitem nicht der neueste Stand der Ladetechnologie sind. Es herrscht natürlich in Wien ebenso wie in anderen Städten das Problem, dass nicht jeder Zugang zur eigenen Ladestation hat. In Parkgaragen gibt es deshalb zum Teil bereits konventionelle AC-Ladetechnologie, über die ein Auto über Nacht aufgeladen werden kann. Im öffentlichen Raum sieht die Sache anders aus: Straßenflächen und Parkplätze, die während eines Ladevorgangs blockiert werden, sind ein wertvolles Gut. Die Prämisse einer modernen urbanen Verkehrspolitik scheint ja zu sein, möglichst wenig Autos in der Stadt zu haben. Mit Schnellladeinfrastruktur, die man gerade in Einkaufsstraßen oder Einkaufszentren und in Gewerbegebieten – es sind Flächen mit einem relativ hohen Fahrzeug-Durchsatz – errichtet, könnte man mit jeweils 30 Minuten Ladung rein rechnerisch täglich 48 E-Cars servicieren. Natürlich werden in der Nacht nicht alle halben Stunden die Fahrzeuge wechseln, aber: Mit AC-Ladetechnologie können im selben Zeitraum auf der gleichen Fläche maximal drei Autos geladen werden. Dieses Verhältnis widerspricht allen Bestrebungen, Fahrzeuge aus dem öffentlichen Raum zu bringen und dieses teure knappe Gut optimal zu nutzen. Wir fordern in dieser Diskussion deshalb für die Planung des Ausbaus von öffentlicher Ladeinfrastruktur in Wien die Berücksichtigung moderner Ladeinfrastrukturlösungen und bedarfsorientierter Anwendungsfälle, bei denen auch Schnellladetechnologie im Sinne der E-Auto-Nutzer und funktionierender Anwendungs- und Geschäftsmodelle Berücksichtigung finden muss.

Report: Gibt es international Beispiele einer sinnvollen Ladeinfrastruktur in Stadtgebieten?

Makrandreou:
Wenn man sich die Vorreiter Norwegen oder Niederlande ansieht, ist dies stets eine bedürfnisorientierte Kombination von unterschiedlichen Technologien. Im öffentlichen Raum hat die Schnellladung gegenüber der konventionellen Ladung ihre Vorteile. Das sollte in jedem Technologiemix Beachtung finden. Wir sprechen hier auch weniger von einzelnen Ladestationen sondern von Systemen: Alle unsere Stationen können zum Beispiel auch aus der Ferne gewartet werden und liefern bei Bedarf Daten zum Zustand oder könnten auch Informationen zur aktuellen Belegung an Informationssys­teme liefern – etwa zur Einbindung an Navigationssysteme, für Reservierungsfunktionen oder generell für App- und Cloud-Anwendungen.

Report: Laufen die Entwicklungen zur superschnellen Ladetechnik darauf hinaus, dass wir früher oder später Elektroautos tankstellenähnlich laden? Werden Reichweiten und angepasste Fahrweisen keine Rolle mehr spielen?

Makrandreou: Aus heutiger Sicht wird die wachsende Vielfalt an Elektroautos von Jahr zu Jahr höhere Reichweiten bekommen. Global werden Milliarden in die Entwicklung besserer Batterietechnik für einen Massenmarkt investiert. Wenn man alleine den Verfall der Kosten von Batterien betrachtet, so werden wir in einigen Jahren Elektroautos am Markt sehen, die auch vom reinen Anschaffungspreis mit den Verbrennern mithalten können. Und dann haben wir noch die wesentlich geringeren laufenden Betriebskosten – Treibstoff, Wartung, Fahrzeugtechnik –, die sich ja heute schon positiv auf die Gesamtkosten auswirken. Wir werden damit Fahrzeuge am Markt sehen, deren Betrieb sich vom ers­ten Tag an rechnet.

Für den Massenmarkt sehe ich aus heutiger Sicht die 50-kW-DC-Schnellladung zumindest mittelfristig weiterhin vorherrschend. Ein E-Golf, wenn wir diesen typischen Mittelklassewagen nehmen, wird weiter mit rund 20 Minuten Ladung für die nächsten 200 Kilometer – künftig wohl auch mehr – auskommen. Das entspricht der Zeit einer Kaffeepause oder eines Einkaufs. Dazu bieten sich auch interessante Geschäftsmodelle für Ladeinfrastrukturbetreiber. An Autobahnen entlang, überall dort, wo Ballungsräume miteinander verbunden werden, werden sich sicherlich High-Power-Charger durchsetzen. Überall aber wird es sie nicht geben, da fehlt der Bedarf und die Kosten für die höhere Anschlussleistung sind einfach zu hoch. Es wird immer um die richtige Ladetechnologie am passenden Ort gehen.

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