Wandel, Träume oder Pleite in der Energiewelt

(Fotos: photos.com)  Die Energieversorgung der EU-Staaten ist längst kein rein europäisches Thema mehr. (Fotos: photos.com) Die Energieversorgung der EU-Staaten ist längst kein rein europäisches Thema mehr.

Die Energiewende und das »Goldene Zeitalter von Erdgas« waren die großen Themen einer viertägigen europäischen Gaskonferenz Ende Jänner in Wien.

 

Während Erdgas über 40 Jahre einen unglaublichen Siegeszug in der Energieversorgung erlebte und sich einem Verdrängungswettbewerb gegenüber Öl stellte – von daher stammt die heute »verteufelte« Bindung des Preises in langfristigen Bezugsverträgen an Ölprodukte im Markt –, sieht die Welt heute ganz anders aus. Der vor allem von der Industrie geforderte Gas-zu-Gas-Wettbewerb findet zwar statt, aber noch in nur bescheidenem Ausmaß. Die erneuerbaren Energieformen aus Wind, Wasser oder Sonne haben in der Öffentlichkeit großes Interesse geweckt. Man spricht von der Energiewende, die uns nicht nur in Europa, sondern weltweit eine bessere Umwelt garantieren und den medial strapazierten Klimawandel stoppen oder zumindest verlangsamen soll. Alle Maßnahmen, Regeln und Steuerungsmechanismen haben bis dato aber nicht den gewünschten Erfolg gebracht. Von den Kyoto-Zielen, CO2-Emissionen zu reduzieren, sind wir weit entfernt. Erdgas als umweltfreundlichster fossiler Energieträger könnte eine wichtige Rolle dabei spielen. Aber allein die Tatsache, dass es sich um Kohlenwasserstoffe handelt, lässt Umweltaktivisten auf die Barrikaden steigen, die für sachliche Argumente nur schwer zugänglich sind.
Nach dem dramatischen Unfall im japanischen Atomkraftwerk Fukushima war man sich nahezu geschlossen einig: Die Abkehr von Atomstrom muss eingeleitet werden. Erneuerbare Quellen und Erdgas sollen den Energiehunger künftig stillen. Nach etwas mehr als einem Jahr scheint dieser Entschluss schon sehr verblasst zu sein. Die Energiewirtschaft beschäftigt sich wieder mit anderen Themen.

Resümee in Wien


Die European Gas Conference 2013 zeigte vor allem eines: Die Energieversorgung der europäischen Staaten ist längst kein isoliertes europäisches Thema mehr, sondern eines mit weltweiter, internationaler, gravierender gegenseitiger Abhängigkeit und Beeinflussung geworden. Diese Entwicklung zeichnete sich bereits seit einigen Jahren mit der verstärkten Errichtung von LNG-Terminals (LNG = Liquid Natural Gas, verflüssig­tes Erdgas) ab. Man kann damit die viel kritisierte Abhängigkeit von russischen Gasimporten reduzieren und die benötig­ten Gasmengen per Schiffstransport von verschiedenen Gasproduzenten weltweit beziehen. Auch die Entdeckung von Schiefergas (Gasproduktion aus dichteren Gesteinsschichten) hat das Bild dramatisch geändert. Die USA produziert heute schon beträchtliche Mengen an Schiefergas für den Eigenbedarf und reduzierte erheblich die LNG-Importe. Diese Mengen stehen nun weltweit für den Markt zur Verfügung und werden vor allem nach Asien, an erster Stelle nach China, verkauft, wo zurzeit höhere Preise erzielt werden können. Die steigende Schiefergasproduktion in den USA führt zunehmend dazu, dass die Kohlekraftwerke vorzugsweise mit billigem Schiefergas betrieben werden und die bis dahin verfeuerte Kohle nach Europa exportiert wird.

Die Gaspreise in Europa sind laut Aussagen einiger Experten in der Konferenz um etwa 60 % zu hoch. Die Erzeugung von elektrischem Strom aus hochsubventionierten, erneuerbaren Energieformen benötigt bei schwankenden Windverhältnissen oder wenig Sonne ein sogenanntes »Backup«. Dieses wird aufgrund der günstigen Kohlepreise im Vergleich zu Erdgas von bestehenden, alten Kohlekraftwerken bewerkstelligt. Unterstützt wird diese Vorgehensweise vom starken Verfall der Preise für CO2-Zertifikate  – dies hat, bezogen auf die Umweltziele, den gegenteiligen zum beabsichtigten Effekt.

Die Frage ist, wie lange wir uns das alles in Europa im weltweiten Wettbewerb um die Energie noch leisten können. Die Energiekonzerne sind bemüht, die Sicherheit in der Versorgung zu gewährleis­ten, was im politischen und einem teilweise problematischen Umfeld ohnedies sehr schwierig ist. Energieversorgung ist ein langfristiges Unterfangen, verbunden mit enormen finanziellen Verpflichtungen und technischen Expertisen.

Ungewisse Zukunft

Auffallend an dieser Gaskonferenz war, dass die Vortragenden die Probleme und Fragen aufzeigten, aber keine Lösungen und Entscheidungen präsentieren konnten. Die Pipelineprojekte Nabucco und TAP, die Gas aus der kaspischen Region bringen sollten – in der insgesamt die größten Gasreserven der Welt nachgewiesen sind –, werden seit mehr als zehn Jahren entwickelt und diskutiert. Durch die politischen Änderungen und die Wirtschaftskrise wurde bisher keine Entscheidung über den Bau getroffen und über Jahre hinweg immer wieder verschoben. Nun soll im Juni 2013 ein Projekt ausgewählt werden, das Gas aus Aserbaidschan ab 2018 nach Europa bringen soll. Ein Grund dafür sind unter anderem die sehr weit auseinanderklaffenden Energie- und Gasbedarfsprognosen für Europa, die somit keine wirkliche Orientierungshilfe für langfristige, finanzielle und strategische Entscheidungen darstellen. Es steigt auch das Desinteresse an Investitionen in die so notwendige Infrastruktur. Große Energiekonzerne verkaufen ihre Strom- und Gasnetze teilweise an Finanz­investoren. Bleibt zu hoffen, dass diese sich mit Engagement für die nachhaltige Energieversorgung einsetzen.

Kaum oder wenig angesprochen wurde das Thema Energiespeicherung und die Aussicht auf neue Technologien wie zum Beispiel »Power to Gas«. Ob Gas als umweltfreundlicher Treibstoff im Verkehr eine große Rolle spielen kann, wird von der Autoindustrie in Zusammenarbeit mit der Erdgaswirtschaft abhängen.

Wir leben in einer Welt der Unsicherheit. Auch Vertreter der EU aus Brüssel haben keine eindeutige Stellung zu den verschiedenen Themen gezeigt. Das gerade in Umsetzung befindliche dritte Energiepaket hat noch keine wirklichen Verbesserungen in den wichtigen und entscheidenden Punkten gebracht.

Es wäre an der Zeit, dass sich Brüssel einer ausgeglichenen, langfristigen und nachhaltigen, strategisch angepassten Energiepolitik widmet und sich auf entsprechende Leitlinien für Europa einigt. Nur so kann das Ziel eines einheitlichen Binnenmarktes erreicht werden.

>> Über den Autor:

Kommerzialrat Ing. Otto Musilek, geboren 1948 in Wien, ist seit 2008 Geschäftsführer des Beratungsunternehmens MEC Management Energy Consultant. Davor war er Geschäftsführer der OMV Gas GmbH, Vorsitzender des Nabucco Steering Committees und Vorsitzender des Adria LNG Shareholder Committees. Musilek verfügt über umfangreiche Kenntnisse der österreichischen und internationalen Gaswirtschaft in den Bereichen Speicher, Transport, E&P und Handel.

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