Zwischenrufe aus Übersee

Wie ein Europäer den Alltag an der US-amerikanischen Ostküste erlebt.

Biden oder was?

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Der Kandidat der Demokratischen Partei Joe Biden führt überlegen in fast allen Umfragen. Kommt das Ende von Donald Trump?

Wenn es nach den führenden Meinungsforschern geht, ist die Wahl längst geschlagen. Joe Biden liegt im von ­RealClearPolitics erhobenen Durchschnitt mit 8,5 Prozentpunkten vorne.

War es das jetzt für Donald Trump?

Nein! Es könnte durchaus eine Wiederholung von 2016 geben, als alle selbsternannten Experten fix mit einer zukünftigen Präsidentin Hillary Clinton rechneten.

Robert C. Cahaly von der Trafalgar Group war einer der wenigen, die den Sieg von Trump 2016 voraussagten. Und auch diesmal tippt er auf den Republikaner und nennt dafür ein Hauptmotiv: die geheimen Trump-Wähler. Sie sagen es nicht laut, vor allem, wenn Befragungsinstitute anrufen, aber sie tun es trotzdem. Cahaly wendet einen simplen Trick an, indem er fragt: Was wählt Ihr Nachbar?

Das Ergebnis: 56 % für Trump. Nate Silver, der prominenteste amerikanische Statistiker, hält Cahaly für unseriös und ist sich sicher, dass ein Fehler wie 2016 nicht mehr passieren wird. Man habe die Schwachstellen ausgemerzt und dazugelernt. Außerdem: »Was ist, wenn die geheimen Trump-Wähler nicht zur Wahl gehen?«

Das Vertrauen in die Demoskopen freilich ist gering und der ganze Berufsstand hat nach vielen Blamagen an Ansehen verloren. Meinungsforschung sei heute viel mehr eine Kunst als eine Wissenschaft, meint etwa Robert Barnes. »Und es gibt sehr viele schlechte Künstler. Der Rechtsanwalt Barnes ist im Wettgeschäft tätig. 2016 hat er in Wettbüros in England und Irland auf Trump gesetzt und damit 470.000 US-Dollar gewonnen.

Das will er heuer wiederholen und hat dabei ein eigenes System. Er glaubt, dass Trends bei der Wählerregistrierung viel aussagekräftiger sind als Befragungen. In den USA ist es nämlich so, dass man sich aktiv ins Wählerregister eintragen lassen muss und dabei seine Präferenz angibt: Demokrat, Republikaner oder Unabhängiger.  Das verschafft nämlich auch das Stimmrecht bei Vorwahlen. Im Wählerverzeichnis registrierte Demokraten etwa bestimmen mit, wer der Kandidat der eigenen Partei wird.

Traditionell lagen die Demokraten bei den Registrierten weit vorne, aber in den vergangenen Jahren haben sie kontinuierlich an die Republikaner verloren. In Florida zum Beispiel waren im Jahr 2016 um 337.000 mehr Demokraten registriert als Republikaner. Trotzdem hat damals Trump Florida gewonnen. Heuer sind im Wählerverzeichnis in Florida nur noch 134.000 mehr Demokraten als Republikaner registriert. Das Gallup-Institut hat sich den Trend bei den Registrierungen angeschaut: Die Republikaner erreichten ihren Tiefpunkt 2011 mit nur 21 % der registrierten Wähler. Die Demokraten lagen damals bei 32 %. Ende September 2020 hatten die Republikaner erstmals seit vielen Jahren wieder die Nase vorne mit knappen 28 zu 27 %.

Bei seinen Wetten setzt nun Robert Barnes auf diesen Trend und auch darauf, dass noch nie ein Kandidat unterlag, der in der Vorwahl mehr als 75 % der Stimmen bekommen hatte. Trump erzielte 94 % in der eigenen Partei. Die eigene Basis steht fast fanatisch hinter dem Kandidaten Trump, bei Joe Biden hält sich die Begeisterung in engen Grenzen. Sein stärkstes Argument: Er ist nicht Trump! Es wird eine lange Wahlnacht und keiner der beiden Kandidaten hat wirklich Grund, schon den Sekt einzukühlen.

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