Wachstum abgeschwächt

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Der kurzzeitige Höhenflug der Dämmstoffindustrie mit Wachstumsraten von mehr als fünf Prozent ist vorerst gestoppt. Die Ursache liegt vor allem im darniederliegenden Sanierungsmarkt und dem harten Preiskampf durch das im Neubau herrschende Preisgefüge. Zwar setzt die Branche große Hoffnungen in die neue Regierung, es herrscht aber bereits große Skepsis, dass den ambitionierten Ankündigungen auch zeitnah Taten folgen. 

Lange Zeit hatte die heimische Dämmstoffindustrie nicht viel zu lachen. Von 2012 bis 2016 sanken die Umsatzerlöse laut Branchenradar.com von stolzen 330,1 Millionen auf 268,4 Millionen Euro. Das entspricht einem Rückgang von 18,7 Prozent in nur vier Jahren. Erst 2017 gab der Markt wieder ein kräftiges Lebenszeichen von sich. Auf Basis von 40 Herstellermeldungen berichtet Andreas Kreutzer von Branchenradar.com von einem Umsatzplus von 5,7 Prozent auf 283,7 Millionen Euro, 2018 verzeichnete die Branche sogar ein Plus von 6,5 Prozent.

Damit war der Wachstum-Peak aber auch erreicht. 2019 sank das Umsatzwachstum auf 4,3 Prozent. »Die im Vergleich zu 2018 etwas sinkende Wachstumsdynamik bei den Erlösen ist einzig auf den deutlich schwächeren Preisauftrieb zurückzuführen«, erklärt Studienautor Andreas Kreutzer. Dementsprechend herrscht auch nicht die ganz große Euphorie bei den Herstellern.

Die meisten sprechen von einem »zufriedenstellenden Jahr«, das »gut gelaufen« sei. Von einem »sehr guten« Jahr sprechen lediglich Austrotherm, Isover und Synthesa. Allerdings stellt auch Synthesa-Geschäftsführer Paul Lassacher wie Kreutzer fest, dass durch das im Neubau herrschende Preisgefüge die Verkaufspreise stark unter Druck sind. »Es gelingt immer noch nicht, die Rohstoffpreiserhöhungen der letzten beiden Jahre im notwendigen Ausmaß zu verdienen«, so Lassacher.

Dennoch ist es der nach wie vor boomende Neubau, der für das zufriedenstellende bis sehr gute Jahr der Hersteller verantwortlich ist. Über den Sanierungsmarkt breitet die Branche lieber den Mantel des Schweigens, die aktuelle Sanierungsquote liegt bei unter 1 Prozent. »Es gibt immer mehr Neubauprojekte, dazu kommt der allgemeine Facharbeitermangel. Da fehlen die Arbeitskräfte für die Sanierung, weshalb der Bereich weiterhin sinkt«, erklärt Roland Hebbel, Geschäftsführer Steinbacher Dämmstoffe. Trotz der Schwäche des Sanierungsmarktes ist der Blick nach vorne aber bei den meisten positiv.

»Die Auftragsbücher unserer Kunden sind voll. Zudem gibt es zahlreiche Projekte, die letztes Jahr aufgrund von Fachkräftemangel bzw. fehlenden Kapazitäten nicht ausgeführt wurden und somit noch in der Pipeline sind«, rechnet etwa Udo Klamminger, Geschäftsführer Knauf Insulation, mit einem stabilen Jahr.

Auch bei Synthesa, Steinbacher und Sto rechnet man 2020 mit einer ähnlichen Entwicklung wie 2019. Die allgemein erwartete Konjunktureintrübung dürfte der Bauwirtschaft noch nicht nachhaltig schaden. Auch Andreas Kreutzer rechnet aufgrund des vergleichsweise hohen Auftragsbestands im Hochbau mit einem Wachstum von 4,1 Prozent, für 2021 prognostiziert er ein Wachstum von 3,7 Prozent.

Türkis-Grün ist die Hoffnung

Große Hoffnungen setzt die Dämmstoffbranche in die neue türkis-grüne Regierung. Vor allem für den schwächelnden Sanierungsmarkt erhofft man sich Rückenwind. »Durch das mittlerweile sehr präsente Thema Klimaschutz und durch die Zusammensetzung unserer neuen Regierung gehen wir davon aus, dass der Bereich thermische Sanierung einen Aufschwung erleben könnte«, sagt der Geschäftsführer der Austrotherm Gruppe, Klaus Haberfellner. Tatsächlich wird das Thema Sanierung im Regierungsprogramm prominent behandelt.

Im Kapitel »Gebäude: Nachhaltig und energiesparend heizen, kühlen, bauen und sanieren« ist etwa die Rede von einer Ausbildungs- und Sanierungsoffensive, die jede Menge Green Jobs bringen soll. Dazu soll die Sanierungsqualität durch die Erstellung eines Sanierungskonzepts bei jeder geplanten größeren Sanierung gesteigert werden, mit dem Ziel, sinnvolle Sanierungsabfolgen zu gewährleisten und für maximale Verbrauchsreduktion zu möglichst geringen Kosten zu sorgen. Und natürlich will auch die aktuelle Regierung mal wieder die Sanierungsrate auf 3% heben (siehe auch Interview Leonore Gewessler Seite 10).

Gelingen soll dies vor allem durch eine »Weiterentwicklung der Wohnbauförderung im Sinne einer Orientierung an Klimaschutzzielen unter besonderer Berücksichtigung raumordnungsrelevanter Aspekte, wie z.B. Bebauungsdichte, Quartiersqualitäten«, die »Einführung eines durch Beratungen begleiteten sozial verträglichen Sanierungsgebots für sich rasch amortisierende Maßnahmen wie beispielsweise die Dämmung der obersten Geschoßdecke« und eine nicht näher benannten »langfristige und mit den Bundesländern koordinierte Förderoffensive des Bundes«. Als gebranntes Kind ist die Branche aber einigermaßen skeptisch, was diese Ankündigungen anbelangt, schließlich hat noch jede Regierung im letzten Jahrzehnt eine Sanierungsquote von 3% versprochen.

Tatsächlich ist die Quote aber immer weiter gesunken, bis sie heute den historischen Tiefstand erreicht hat. Für Knauf Insulation Geschäftsführer Klamminger ist eine Sanierungsrate von 3 Prozent »sehr sportlich und kann nur als langfristiges Ziel gesehen werden«. Auch Roland Hebbel und Paul Lassacher sind kurzfristig skeptisch und rechnen frühestens 2021 mit einer Trendwende. Einigkeit herrscht darüber, dass sich zur Erreichung des Ziels die Förderlandschaft ändern muss.

Bild oben: »Von einer höheren Sanierungsquote würden der Bausektor im Allgemeinen, die Dämmstoffindustrie im Speziellen, aber vor allem unsere Umwelt profitieren«, sagt Steinbacher-Geschäftsführer Roland Hebbel.

»Wir brauchen attraktivere und durchgängige Förderrichtlinien. Außerdem sollte ein noch stärkerer Fokus auf die Energieeffizienz von Gebäuden gelegt werden«, fordert Franz Hartmann, Marketing- und Vertriebsdirektor Saint-Gobain Isover Austria. Dabei steht aktuell noch nicht einmal fest, wie es mit dem ehemaligen Erfolgsmodell »Sanierungsscheck« weitergehen soll. Diese Förderung wurde Jahr für Jahr stärker ausgehöhlt, geringer dotiert und kaum noch beworben, sodass etwa 2018 der noch mit 40 Millionen Euro gefüllte Topf erst auf den letzten Metern ausgeschöpft wurde. 2019 folgte allerdings die Trendwende.

»Der Sanierungsscheck 2019 war rasch ausgeschöpft, weil der Raus-aus-dem-Öl-Bonus anscheinend gut angekommen ist. Im Herbst wurde eine Aufstockung um 20 Millionen Euro beschlossen, die ebenfalls rasch vergriffen war«, erklärt Johannes Wahlmüller, Klima- und Energiesprecher von Global 2000, und fordert von der Bundesregierung, »diese erfolgreiche Maßnahme rasch zu verlängern, damit vor Beginn der Bausaison schon konkrete Pläne gemacht werden können«.  

Richtige Maßnahme, falscher Zeitpunkt

Dass die Regierung zusätzlich mit dem Abschluss eines neuen Finanzausgleichs 2022 Investitionsanreize für Neubau und Sanierung setzen will, die Sanierung in der Wohnbauförderung stärken und die Gelder der Wohnbauförderung wieder zweckwidmen will, wird zwar grundsätzlich begrüßt, teilweise aber auch kritisch gesehen. »Warum bis zum Finanzausgleich 2022 zuwarten, wie es im neuen Regierungsprogramm formuliert ist?«, fragt Clemens Demacsek, Geschäftsführer GDI 2050 und der Güteschutzgemeinschaft Polystyrol Hartschaum GPH. Ein von Experten erarbeitetes Modell, das die steuerliche Absetzbarkeit von Maßnahmen zur thermischen Sanierung über fünf Jahre ermöglicht, braucht laut Demacsek nur in Gesetzestext gegossen werden.

»Das würde nicht nur dem Klima und der Bauwirtschaft, sondern auch dem Staatsbudget nutzen. Warum also nicht schon per 1.1.2021 damit starten?«, so Demacsek. Auch Baumit-Geschäftsführer Georg Bursik stößt die zeitliche Verzögerung sauer auf. »Vorausschauend gedacht appelliere ich an die neue Regierung, schon 2020 starke Impulse zu setzen, um die Sanierungsrate bei Gebäuden endlich auf solide Beine zu stellen.

Damit bis zum Finanzausgleich 2022 zuzuwarten, wie es im neuen Regierungsprogramm formuliert ist, dauert viel zu lange.« Das von Demacsek angesprochene Modell zur steuerlichen Absetzbarkeit von Sanierungsmaßnahmen würde laut Bursik nicht nur dem Klima und der Bauwirtschaft, sondern auch dem Staatsbudget nutzen. »Stichwort: Strafzahlungen«, so Bursik. Schließlich seien 250 Millionen Quadratmeter in Österreich nicht gedämmt.


Wünsche an die Regierung

Welche konkreten Maßnahmen Branchenvertreter wünschen, erwarten oder fordern:

Klaus Haberfellner, Austrotherm: »Es braucht Investitionsprogramme wie die Ausweitung des Sanierungsschecks oder steuerliche Maßnahmen, um das 3%-Ziel der Sanierungsrate zu erreichen. Außerdem hoffe ich, dass die Regierung nicht den Weg vom billigen Bauen zum Preis von teurem Heizen wählt, sondern auf nachhaltiges Bauen in Form von Niedrig- oder Passivenergiehäusern setzt.«

Franz Hartmann, Isover: »Ich wünsche mir eine breit angelegte Initiative und eine Aufklärungskampagne des Ministeriums zum Thema Sanierung in enger Zusammenarbeit mit den Fachverbänden der Dämmstoffhersteller.«

Roland Hebbel, Steinbacher: »Die Regierung könnte positiven Einfluss nehmen, indem sie steuerliche Maßnahmen zur Dekarbonisierung, sprich CO2-Reduktion, im Gebäudesektor setzt und dadurch die thermische Sanierung bedeutend attraktiver gestaltet.«

Udo Klamminger, Knauf Insulation: »Ich erwarte klare Spielregeln und Vorgaben, die auch für Grau-Importe aus z.B. Osteuropa gelten. Nur wenn die chemisch-technische Zusammensetzung der Dämmstoffe klar ist, ist auch Recycling möglich.«

Paul Lassacher, Synthesa: »Ich wünsche mir entsprechende Förderungsmaßnahmen zur Erhöhung der Sanierungsquote sowie zum verstärkten Einsatz ökologischer Dämmstoffe. Der Einsatz nachwachsender Rohstoffe und damit der Beitrag zur Dekarbonisierung scheitert zurzeit oftmals am herrschenden Preisdruck im Neubau.«

Walter Wiedenbauer, Sto: »Ich wünsche mir eine schnelle Umsetzung der angekündigten Maßnahmen zur Reduzierung von CO2.«

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