Europäische Bauwirtschaft im Schatten der Corona-Pandemie

Europäische Bauwirtschaft  im Schatten der Corona-Pandemie Foto: Thinkstock

Die Erholung in 2021 wird aber vermutlich nur einen Teil der Rückgänge von 2020 kompensieren. Die europäische Bauwirtschaft stand nämlich bereits im Vorfeld der Covid19-Krise vor großen Herausforderungen, mit Stagnationstendenzen in vielen Ländern. Die Corona-Pandemie hat in diesen Fällen den gemäßigten Abschwung im Bauwesen dramatisch beschleunigt. Aufgrund der erdrutschartigen Rückgänge in 2020 kommt es dadurch aber fast automatisch zu einer Erholung in 2021. Das Vorkrisenniveau wird jedoch auch am Ende des Prognosehorizonts im Jahr 2022 nicht erreicht werden: Die Gesamtbauleistung im Jahr 2022 liegt noch um 50 Mio. (2,9 %) unter dem Wert von 2019.

Robuste Baukonjunktur

Rückblickend ist festzuhalten, dass die europäische Baukonjunktur vor der Coronakrise sich trotz gewisser Wachstumsrückgänge als relativ robust präsentierte. Im Jahr 2019 stieg die Bauleistung im Euroconstruct-Raum (EC-19) im Vergleich zu 2018 um 2,7 Prozent. Der Neubau (einschließlich neuer Wohn- und Nichtwohngebäude sowie neuer Hoch- und Tiefbauten) ist seit mehreren Jahren die treibende Kraft auf dem Markt und stieg im vergangenen Jahr um 3,9 Prozent, während die Renovierungen stetig um etwa zwei Prozent wuchsen. Die gesamte Bauleistung erreichte im Jahr 2019 etwa 1.700 Milliarden Euro. Im letzten Bericht vor Ausbruch der Coronakrise (Dezember 2019) wurde erwartet, dass die jährlichen Wachstumsraten der Bauwirtschaft auf etwa ein Prozent sinken werden.

Durch das Auftreten der Corona-Pandemie und die staatlichen Gegenmaßnahmen sind diese ursprünglichen Prognosen klarerweise nicht mehr haltbar: So wurde im Zuge des neuen Euroconstruct-Berichts die Prognose von einem schwachen Wachstum in 2020 auf einen erdrutschartigen Rückgang von 11,5 Prozent gesenkt. Dieser Rückgang im Baugewerbe ist in ähnlicher Größenordnung wie der durch die globale Finanzkrise 2009 verursachte Rückgang. Damals waren jedoch die Immobilienmärkte in einigen EU-Ländern direkt von der Finanzkrise betroffen, heute ist die Bauwirtschaft in einigen Ländern sogar weniger stark betroffen als die Gesamtwirtschaft.

Auf dem Niveau von 2015

Die gesamte Bauleistung wird im Jahr 2020 voraussichtlich etwa 1.500 Milliarden Euro erreichen, was dem Niveau von 2015 entspricht. Bis auf wenige Ausnahmen erleben alle Länder der EC-19 einen Rückgang im Jahr 2020, wobei Großbritannien und Irland mit 33 bzw. 38 Prozent den größten Rückgang prognostizieren. Aber auch Frankreich (-17,7%), Italien (-11,5%) und Spanien (-15,0%) rechnen mit zweistelligen Einbußen im Jahr 2020. Mit geringeren Rückgängen im gesamten Baugewerbe rechnen Finnland und die Schweiz, etwa um ein bis zwei Prozent. Auch in Deutschland liegen die Erwartungen mit -2,4 Prozent eher im optimistischen Bereich.

Für Portugal und Polen werden sogar während der Krise positive Wachstumsraten prognostiziert. Dies verdeutlicht auch, dass es in den europäischen Ländern große Unterschiede in der nationalen Betroffenheit in puncto Corona-Pandemie gibt – sowohl gesundheitlich als auch wirtschaftlich. Es wird zwar erwartet, dass sich alle Länder in den Jahren 2021 und 2022 erholen werden, aber das Ausmaß des Wachstums wird geringer sein als der Rückgang im Jahr 2020: Die Prognose für die Bauwirtschaft in den Euroconstruct-19 in 2021 liegt bei rund sechs Prozent. Die Erholung setzt sich dann in 2022 langsamer fort. Die Wachstumsraten liegen gemäß Prognosen bei rund drei Prozent.

Unterschiedliche Auswirkungen

Die verschiedenen Segmente innerhalb des Baugewerbes sind alle von der Krise betroffen, einige jedoch mehr als andere. Im Raum der EC-19 ist der am wenigsten betroffene Sektor der Tiefbau, der in diesem Jahr voraussichtlich um 7,2 Prozent zurückgehen und sich dann 2021 und 2022 mit einem Wachstum von 7,4 bzw. 3,5 Prozent erholen wird. Deutlich stärker sind die erwarteten Einbußen im Bereich des Wohn- als auch des Nichtwohnungsbaus: Beide Bereiche dürften 2020 um etwas mehr als zwölf Prozent zurückgehen und sich ab dem nächsten und übernächsten Jahr zwischen drei bis sechs Prozent jährlich verbessern.

Bild oben: Die österreichische Bauindustrie schlägt sich im Vergleich zu den Euroconstruct-Länder sehr gut.

Unsicherheiten in der Prognose

Stärker als in der Vergangenheit unterliegen die Prognosen einer Reihe von substanziellen Risiken, sowohl abwärts- als auch aufwärts. Auf der Seite der Abwärtsrisiken sind vor allem Verschlechterungen in der Gesundheitssituation und eine mögliche zweite Welle inklusive eines erneuten Lockdowns zu nennen. Auf der positiven Seite sind die angekündigten, aber teils noch unkonkreten bzw. schwer abschätzbaren Konjunkturbelebungsmaßnahmen zu nennen. Je nach Ausgestaltung dieser Maßnahmen ist auch eine schnellere Erholung der Wirtschaft und des Bauwesens denkbar.

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