Freitag, Juli 19, 2024

Europa sieht sich vor schwierigen Aufgaben: Auf der einen Seite steht da die Gewährleistung von Energieunabhängigkeit und vor allem -sicherheit, andererseits soll und muss der Energiesektor dringend dekarbonisiert werden. Das macht 2023 zu einem entscheidenden Jahr für die Branche. Michaela Sadleder, Geschäftsführerin und Country Sales Managerin von Eaton in Österreich, geht auf die wichtigsten Herausforderungen ein.

1. Dezentrale Energieerzeugung

Mit der Energiewende verschwimmen die traditionellen Grenzen zwischen Erzeugern und Verbrauchern von Energie. Eine wachsende Zahl von Unternehmen und Haushalten erzeugen einen Teil ihrer Energie selbst und nutzen Energiespeichersysteme. Da sie sowohl Energie erzeugen als auch verbrauchen, werden sie als Prosumenten (engl. Prosumers) bezeichnet. Ihre zunehmende Beteiligung an den Energiemärkten gilt als wahrscheinlicher Weg in einem Energiesektor, der sich von der starken Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen lösen muss, um den Klimawandel abzuschwächen. Für die Volkswirtschaften verringert die im Inland erzeugte Energie die Abhängigkeit von Importen und erhöht damit die Energiesicherheit. Die Vorteile liegen auf der Hand, aber die Dezentralisierung stellt die Versorgungsunternehmen vor die Herausforderung, die schwankende Energiezufuhr von Prosumern und kommerziellen erneuerbaren Energien auszugleichen und gleichzeitig eine gleichmäßige Versorgung aufrechtzuerhalten. Das gilt insbesondere in Zeiten von Nachfragespitzen im Netz.

2. Flexible Laststeuerung

Es ist zu erwarten, dass die Rufe nach einer größeren Flexibilität auf der Nachfrageseite durch die Fernleitungsnetzbetreiber im Jahr 2023 lauter werden. Da Prosumer zunehmend mit der Energieerzeugung vertraut werden, werden sie erkennen, wie sie mit dem Handel von Energie über das Netz Geld verdienen können und auch ihre Energiespeicherkapazität (einschließlich der Batterien von Elektrofahrzeugen) dem Markt zur Verfügung stellen können. Die Netzbetreiber haben jedoch Schwierigkeiten, sich an die neue Realität der bidirektionalen Energieflüsse in den Netzen anzupassen, die für den Energiefluss in eine Richtung entwickelt wurden. Die Verteilernetzbetreiber müssen ebenso wie Fernleitungsnetzbetreiber agieren, um Probleme wie die Überlastung des Netzes zu bewältigen, die durch große Mengen an dezentraler Energieerzeugung entstehen könnten.

3. Digitalisierung der Netze

Ein komplexes Energiemodell, das viele Punkte variabler Versorgung und variablen Verbrauchs umfasst, muss digital verwaltet werden, aber die Versorgungsunternehmen sind gleichzeitig mit der fortschreitenden Digitalisierung ihrer Netze sowie der Aktualisierung ihrer bestehenden Infrastruktur konfrontiert. Eine internationale Studie kam zu dem Schluss, dass sich der Versorgungssektor aktuell an einem kritischen Punkt befindet. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, die bestehenden Netze und Dienstleistungen trotz steigender Anforderungen und veralteter Infrastrukturen aufrechtzuerhalten, während sie gleichzeitig ihre Dienstleistungsmodelle ändern und Daten zur Optimierung des Betriebs nutzen müssen.

4. Cybersicherheit für Versorgungssicherheit

Dezentralisierung und Digitalisierung bringen die Verarbeitung großer Datenmengen mit sich, was zu Bedenken hinsichtlich der Cybersicherheit führt, da die Aufnahme von mehr Daten in ein System dessen Anfälligkeit erhöht. Es besteht eine kollektive Verantwortung, das Netz für die Energiewende vorzubereiten und gleichzeitig die Gefährdung durch Cyberangriffe zu verhindern. Im Jahr 2023 werden der Energie- und der Cybersicherheitssektor eng zusammenarbeiten, um das Netz zu schützen und sicherzustellen, dass die die Anstrengungen für ein sauberes Stromnetz nicht durch Cyberangriffe vereitelt werden. Auch die Regierungen müssen zu diesem Zweck eng mit dem Energiesektor zusammenarbeiten, um ein solides Gesamtkonzept zu realisieren. Dazu gehören auch private Investitionen und innovative neue Technologien, die den Weg für bessere Risikomanagementprozesse und -strukturen ebnen.

5. SF6-freie Schaltanalgen

Ab 2026 wird die EU die Verwendung des klimaschädlichen Isoliergases SF6 in Mittelspannungsschaltanlagen verbieten. Unternehmen, die noch SF6-Schaltanlagen verwenden, werden für künftige Projekte Alternativen suchen müssen. Da ein dezentralisiertes Netz mit hohem Anteil an erneuerbaren Energien häufigere Schaltvorgänge erfordert, wächst der europäische Markt für neue Schaltanlagen sowie für Ersatzanlagen. Glücklicherweise ist die SF6-freie Mittelspannungs-Schaltanlagentechnologie ausgereift und im Bereich bis einschließlich 24 kV verfügbar. Daher dürfte die Entscheidung für SF6-freie Alternativen 2023 und darüber hinaus leicht zu treffen sein.

(Titelbild: iStock)

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