Dienstag, Jänner 31, 2023

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Von allen österreichischen Bundesländern ist Wien am meisten von russischem Erdgas abhängig. Mit 47 Prozent ist der Erdgas-Anteil am gesamten Energieverbrauch in Wien doppelt so hoch als der Bundesschnitt. Trotz des starken Ausbaus von Solarenergie stagniert die Erzeugung erneuerbarer Energien auf demselben Niveau wie noch 2010. 

Etwa 23 Prozent des österreichischen Erdgasbedarfs entfallen auf die Bundeshauptstadt. Dort wird Erdgas hauptsächlich in (Heiz-)Kraftwerken zur Strom- und Fernwärmeerzeugung und in privaten Haushalten für Raumwärme und Warmwasser verwendet. Die Zeit für Klimaschutzmaßnahmen drängt: Laut wissenschaftlichen Studien liegt Wien unter den am meisten von der Klimakrise betroffenen Städten Europas. Während die Jahresdurchschnittstemperatur in Österreich seit den 1970er-Jahren um etwa 2 °C angestiegen ist, ist es in Wien bereits um 3 °C heißer geworden. Gleichzeitig hat sich die Zahl der Hitzetage mit Höchsttemperaturen von über 30 °C pro Jahr verdreifacht.

Erneuerbare Energieerzeugung stagniert

Trotz einer deutlichen Absenkung des Energieverbrauchs stagniert der Anteil erneuerbarer Energien in Wien seit 2010 bei etwa 10 Prozent. Die Produktion erneuerbarer Energie war seit 2016 gar fünf Mal in Folge rückgängig, bevor 2021 Zuwächse bei Umgebungswärme, PV und Bioenergie einen Anstieg um 8 Prozent brachten. Bioenergie ist mit einem Anteil von 63 Prozent auch der wichtigste erneuerbare Energieträger.

Für eine Millionenstadt mag es schwierig sein, auf eigenem Gebiet erneuerbare Energie zu produzieren. Es gibt aber auch Gegenbeispiele, die zeigen, wie man es besser machen kann. Zum Beispiel die dänische Hauptstadt Kopenhagen: Dort hat man seine Treibhausgasemissionen seit 1995 halbiert, 98 Prozent der Haushalte an die Fernwärme angeschlossen und möchte bereits 2025 klimaneutral sein. Wien plant indessen, seine erneuerbare Energieerzeugung bis 2030 erst einmal gegenüber 2005 zu verdreifachen und bis 2040 zu versechsfachen. Dabei behält die Stadt sich vor, dekarbonisierte fossile Strom- oder Fernwärmeerzeugung anzurechnen, deren CO2-Emissionen durch Carbon Capture abgeschieden werden können. Erst 2030 soll der Wiener Endenergieverbrauch zur Hälfte und bis 2040 dann vollständig aus erneuerbaren bzw. dekarbonisierten Quellen gedeckt werden.

Erdgas beherrscht Wiener Raumwärme

Erdgas ist beim Raumwärmeeinsatz der Haushalte in Wien so dominant wie in keinem anderen Bundesland. Die Anzahl der Gasheizungen in Wiener Haushalten ist seit 2003/04 um auf 442.000 Geräte gestiegen, gleichzeitig hat die Zahl der Fernwärmeanschlüsse hat um knapp 50 Prozent auf 390.000 zugenommen. Dafür scheinen Holzbrennstoffe im Trend zu liegen Die Anzahl der Holzheizungen hat sich in den letzten gut 15 Jahren fast verdoppelt (auf 14.200 Stück). Die Zahl der Ölkessel ist hingegen zurückgegangen, und auch Wärmepumpen sind in Wien vergleichsweise wenig verbreitet. Aufgrund milderer Heizperioden und verringertem Heizöl- und Erdgaseinsatz sind die Treibhausgasemissionen im Gebäudesektor seit 1990 um 37 Prozent gesunken.

Gasthermen ersetzen

Laut Wiener Klimafahrplan soll der Gebäudebereich durch stärkeren Ausbau der Fernwärme und Wärmepumpen (in seltenen Fällen auch durch Biomasse) CO2-neutral werden. Um Reduktion des Endenergieverbrauchs für Heizen, Kühlen und Warmwasser in Gebäuden um 30 Prozent zu erreichen, soll die Zahl der jährlich thermisch und energetisch sanierten Wohnungen auf 25.000 gesteigert und bis 2040 auf diesem Niveau gehalten werden. Bis Anfang 2023 sollen dann in allen Wiener Bezirken Klimaschutz-Gebiete verordnet sein, in denen Neubauten nicht mehr mit Erdgas, sondern nur mit erneuerbarer Energie oder Fernwärme beheizt werden dürfen.

Noch aber fehlen konkrete gesetzliche Regelungen zum Ausstieg aus Öl- und Gasheizungen. Die für den in Wien dominierenden Mehrfamilien- und Geschoßwohnbau geltenden Bestimmungen des Wohnrechts und des Gaswirtschaftsgesetzes stellen große Hemmnisse dar. Aufbauend auf dem Erneuerbare-Wärme-Gesetz (EWG) des Bundes (das im Parlament noch abgesegnet werden muss) sollen in den Wiener Gesetzen nun wichtige Detailregelungen für den dicht verbauten, städtischen Raum folgen. Mit einem wirklich markanten Aufwärtstrend der jährlichen Fernwärmeanschlüsse rechnet die Stadt daher erst ab Mitte dieses Jahrzehnts.

Fernwärme zum größten Teil aus Erdgas-Kraftwerken

Die alleinige Umstellung von Gasthermen auf Fernwärme bringt noch keinen Erdgasausstieg, denn Erdgas dominiert auch die Wiener Fernwärme. Jeweils knapp 14 bzw. 17 Prozent stammen außerdem aus Biomassekraftwerken und Müllverbrennungsanlagen. 3 Prozent steuert die Umgebungswärme der Großwärmepumpe Simmering bei. Als wesentliche Technologien zur vollständigen CO2-Neutralität der Fernwärme setzt Wien auf die (noch nicht erschlossene) Tiefengeothermie, Großwärmepumpen und die Nutzung von Grünem Gas, vor allem für die Spitzenlastabdeckung im Tiefwinter. Ausdrücklich betont die Stadt, dass das knappe Grüne Gas aber nicht für Heizungen und Warmwasser eingesetzt werden soll.

Starker Ausbau von Solarstrom
 

Auch die Stromversorgung Wiens basiert überwiegend auf Erdgas. Knapp 30 Prozent des Stromaufkommens werden  importiert. Vom hohen Ökostromanteil Österreichs ist die Hauptstadt weit entfernt: Gerade einmal 16 Prozent des Wiener Stroms stammen aus eigenen erneuerbaren Quellen. Bedeutendster Ökostromproduzent ist die Wasserkraft aus Donaukraftwerk Freudenau, dahinter folgt die Biomasse. Die Windkraft (0,5 Prozent) und die Photovoltaik (1,1 Prozent) lieferten im Jahr 2021 noch geringe Beiträge zum Stromaufkommen. Aber: Die Solarstromproduktion hat sich gegenüber dem Vorjahr verdoppelt - immerhin 44 Prozent der gesamten Photovoltaik-Anlagen Wiens sind auch erst in den letzten zwei Jahren entstanden. Bis 2030 möchte die Stadt die Solarenergie von derzeit etwa 125 MW auf 800 MW ausbauen.

Wien vertraut auf Ökostromimporte
 

Aufgrund der Elektrifizierung des Straßenverkehrs, Wärme, Klimatisierung und Produktion erwartet Wien bis 2040 einen gewaltigen Anstieg seines Stromverbrauchs von derzeit 9,1 TWh auf 15,5 TWh. Da die Stromerzeugung aus Erdgas nicht durch erneuerbare Stromproduktion im Stadtgebiet kompensiert werden kann, geht Wien von einem Anstieg der Stromimporte von 73 Prozent aus. Durch den bis 2030 geplanten bundesweiten Ausbau der Ökostromproduktion erwartet die Stadt, die benötigten Mengen erneuerbaren Stroms überwiegend aus der Region bzw. aus Österreich beziehen zu können. Gas-KWK-Anlagen, deren Dekarbonisierung große Mengen an Grünem Gas erfordert, sollen in Zukunft vor allem Bedarfsspitzen abdecken und dazu beitragen, das übergeordnete Stromnetz – weit über Wien hinaus – zu stabilisieren.

Parkpickerl und Klimaticket als Gegenmittel

Trotz der großen Erdgasabhängigkeit Wiens ist noch immer der Verkehrssektor der größte Treibhausgasemittent. Und er ist auch am meisten angestiegen - dabei besitzen die Wiener im Schnitt die wenigsten Pkw in Österreich (nur im 1. Bezirk sind es deutlich mehr als im Bundesdurchschnitt). Grundsätzlich besitzen auch mehr Menschen eine Öffi-Jahreskarte als ein Auto. Allerdings stagniert die Verlagerung der Mobilität auf Öffis, Rad-, Fußverkehr und Carsharing in den letzten Jahren. Die flächendeckende Ausweitung des Parkpickerls seit März 2022 und das österreichweite Klimaticket sollen vor allem den einpendelnden Pkw-Verkehr reduzieren. So soll der Anteil des motorisierten Individualverkehrs an den zurückgelegten Wegen bis 2030 auf 15 Prozent zurückgehen. Zudem sollen bis 2030 nur noch Autos mit nicht-fossilen Antrieben neu zugelassen werden. Ziel ist, die CO2-Emissionen des Mobilitätssektors pro Kopf im Vergleich zu 2005 bis 2030 um 50 Prozent und bis 2040 um 100 Prozent zu senken.

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