Mittwoch, August 17, 2022
Ein Zufallsfund als Zukunftstechnik

Eigentlich arbeitet das dänische Tech-Startup Seaborg an Nuklearkraftwerken der nächsten Generation. Eine Zufalls-entdeckung könnte aber die gesamte Energiespeicherwirtschaft revolutionieren. 

2014 hatten drei Physiker in einem Kopenhagener Keller eine Idee. Atomkraftwerke sind groß, teuer und bei Havarien unberechenbar gefährlich; die Nutzung von Nuklearenergie scheint aber angesichts des drohenden Klimakollapses vielen heute wieder ausweglos.

Warum also nicht statt einzelner, riesiger, gefährlicher Atomkraftwerke viele kleine Mini-Atomreaktoren bauen, an Bord mobiler schwimmender Plattformen? Und sie mit einer Kühltechnologie ausstatten, die einen Super-GAU mit großräumiger radioaktiver Verseuchung unmöglich macht?

Die Antwort auf diese Frage sollte Seaborg Technologies liefern: Die »Compact Molten Salt Reactors« aus Kopenhagen sollen nur so groß wie ein Schiffscontainer sein und in Massen produziert werden. Die Brennstoffe werden mit Fluoridsalzen gemischt, bei Temperaturen über 500 Grad verflüssigen sich diese zu Salzschmelzen und dienen zur Kühlung des spaltbaren Materials. Bei Kontakt mit der Luft verfestigt sich das radioaktive Salz, statt wie Wasserdampf aus herkömmlichen Reaktoren im schlimmsten Fall als Wolke in die Atmosphäre zu gelangen.



Auf Abwegen. Aus der Atomkraft kommend, sollen Salzschmelzen der perfekte Speicher für Energie werden.


Ein Zufallsfund mit Folgen


Die Arbeit an der Vision schwimmender Salzschmelzreaktoren geht gut voran, doch auf dem Weg dorthin ist den Dänen nun ein glücklicher Zufallsfund in den Schoß gefallen. Der hat das Zeug, auch die Welt der Erneuerbaren nachhaltig zu revolutionieren, bei denen bekanntlich die Frage nach der Energiespeicherung ein essenzielles Dauerproblem darstellt.

Salzschmelzen wurden schon bisher als Speichermedien für Hitze und Energie verwendet, doch die Lösung, die Seaborg nun für seine Minireaktoren gefunden hat, ist weitaus effizienter als bisher verwendete Salzschmelze-Medien. Eine in Kopenhagen entwickelte Salzschmelze auf Basis von Ätznatron oder Natronlauge speichert bedeutend mehr Wärme und ist zudem noch um 90 Prozent billiger als die bislang verwendeten Mischungen.

»Wir können so die Kosten für thermische Speicherung auf einen Schlag halbieren«, sagt Ask Emil Løvschall-Jensen, einer der Mitgründer von Seaborg. »Wenn wir etwa ein Gebäude der Größe des römischen Kolosseums mit unserer Salzschmelze füllen und auf 700 Grad erhitzen würden, könnten wir damit den Energiebedarf von ganz Italien für zehn Stunden decken.«

Løvschall-Jensen ist als CEO des dafür gegründeten Tech-Spinoffs Hyme nun für die Weiterentwicklung und Vermarktung der Entdeckung zuständig. »Eigentlich war unser Ziel, Atomenergie sicherer zu machen, doch eine darüber hinausgehende Technologie wie diese können wir nicht einfach verstauben lassen. Um den Übergang zu einer klimaneutralen Welt zu schaffen, braucht es auch für Erneuerbare effizientere Energiespeicher zu einem niedrigen Preis. Wir glauben, dass unsere Salztechnolgie hier ein wirklicher Game-Changer ist.«

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