Dienstag, Jänner 18, 2022
Wiener Wärmewende: Geothermie-Forschung blickt unter die Stadt

Seit 2016 erforscht Wien Energie im Projekt GeoTief Wien gemeinsam mit PartnerInnen aus Wissenschaft und Industrie umfassend den geologischen Untergrund im Großraum Wien. Jetzt liegen konkrete Ergebnisse in Form eines umfassenden geologisches 3D-Modells vor: In rund 3.000 Metern Tiefe liegt ein vielsprechendes Heißwasservorkommen für die Tiefe Geothermie, das sogenannte Aderklaaer Konglomerat.

Die Wärmeversorgung ist ein wesentlicher Schlüssel für erfolgreichen Klimaschutz in der Stadt, das hat eine Studie im Auftrag von Wien Energie erst kürzlich aufgezeigt. Der Energiedienstleister forscht deshalb an der Nutzbarmachung von erneuerbaren Wärmequellen. Im Fokus steht dabei die Tiefe Geothermie.

„Wien heizt heute schon sehr umweltfreundlich! Um unser Ziel zu erreichen, die Wärmeversorgung bis 2040 komplett zu dekarbonisieren, brauchen wir weitere erneuerbare Wärmequellen. An einer davon forscht Wien Energie mit dem Projekt ‚GeoTief Wien‘ – und das mit Erfolg. Das 3D-Modell vom Wiener Untergrund ist ein Paradebeispiel für interdisziplinäre Forschung. Gemeinsam arbeiten wir nachhaltig an einer klimaneutralen Energiezukunft!“, erklärt Peter Hanke, Stadtrat für Wirtschaft, Finanzen und Wiener Stadtwerke.


Geothermie für Wärmewende entscheidend

Fernwärme ist für die Wärmewende – also den Umstieg auf erneuerbare Wärmeversorgung – ein zentrales Element. 2040 sollen rund 56 Prozent des Wärmebedarfs der Stadt Wien über Fernwärme, der Rest im Wesentlichen über Wärmepumpen gedeckt werden. Die Fernwärme soll dann gänzlich klimaneutral sein. Neben der Müllverbrennung und der Abwärmenutzung spielt dabei Geothermie eine wichtige Rolle.
„Damit Klimaschutz in Wien erfolgreich ist, müssen wir unsere Wärmeversorgung noch umweltfreundlicher aufstellen. In der Tiefen Geothermie – also Heißwasservorkommen mehrere tausend Meter unter der Stadt – liegt dabei großes Potential“, ist Michael Strebl, Vorsitzender der Wien Energie-Geschäftsführung, überzeugt.

„Unter Wien schlummert ein riesiges Wärmevorkommen! Dieses wollen wir in Zukunft für die Wärmeversorgung nutzen. Mit dem 3D-Modell haben wir jetzt ein detailliertes Bild vom Wiener Untergrund in der Hand und können uns an die Planung von konkreten Projekten machen. Bis 2030 wollen wir bereits bis zu 125.000 Haushalte mit Wärme aus der Tiefe versorgen können!“, so Strebl weiter.

Das Potentialgebiet erstreckt sich oberirdisch von Donaustadt bis Simmering. In diesen Gebieten sieht Wien Energie auf Basis des 3D-Modells Chancen, die Heißwasservorkommen drei Kilometer unter der Erde, für die erneuerbare Fernwärme nutzen zu können. Die Forschungen schätzen ein Potential von bis zu 120 Megawatt thermischer Leistung.



Von 16.000 Messpunkten zum dreidimensionalen Untergrund

Seit 2016 arbeitete das interdisziplinäre Forschungsteam von GeoTief Wien an der bisher genauesten Abbildung des tiefen Wiener Untergrunds. In einem ersten Schritt wurden Bestandsdaten der Kohlenwasserstoffindustrie analysiert und ausgewertet. Anschließend wurden erstmalig in Österreich innovative 3D Seismik Messungen durchgeführt.

Dafür wurden etwa 2017 auf einem Gebiet von rund 175 Quadratkilometern 16.000 kabellose Sensoren ausgelegt, die seismische Reflexionen aus dem Untergrund aufgezeichnet haben. Mit speziellen Fahrzeugen wurden dafür Schwingungen – ähnlich wie bei einem Ultraschall – in den Erdboden geschickt. 50 Terabyte Daten wurde anschließend mit modernster Rechentechnik analysiert und mit den Bestandsdaten zusammengeführt.

Im Zuge der Analysen und Interpretation der Daten durch das Forschungsteam ist das Aderklaaer Konglomerat in den Fokus gerückt. Es kann durch die erhobenen Daten besonders gut definiert und eingeordnet werden. Bei dieser Gesteinsschicht handelt es sich geologisch um die miozäne Füllung des Wiener Beckens. Die Ablagerungen entstanden vor rund 20 Millionen Jahren. Anhand der Modelle konnten die Lage/Ausbreitung, Geometrie, Tiefenlage, Mächtigkeit und mögliche geologische Störungssysteme im Aderklaaer Konglomerat im Untersuchungsgebiet festgelegt werden.

Die Geometrie und bisher bekannten hydraulischen Eigenschaften des Thermalwasserreservoirs sind vielversprechend. Bei einer Tiefe von rund 3.000 Metern sollte die Wassertemperatur im Aderklaaer Konglomerat bis zu 100 Grad Celsius liegen und könnte sich damit für die Nutzung für die Wiener Fernwärme eignen. Endgültige Gewissheit gibt jedoch immer nur eine Erkundungsbohrung. Bevor der Beschluss zur Umsetzung einer Geothermie-Anlage fällt, werden bis zum Frühjahr 2022 parallel zu ersten Planungsschritten noch weitere Forschungsarbeiten durchgeführt.

„GeoTief Wien ist das umfassendste Geologie-Forschungsprojekt, das es in Österreich jemals gegeben hat. Nachdem wir nun ein Potentialgebiet identifiziert haben, werden wir uns dessen Eigenschaften mit einer Untersuchung eines alten Bohrlochs noch genauer ansehen. Wenn diese Ergebnisse vorliegen, haben wir alle Vorarbeiten geleistet, die zur geologischen Risikominimierung möglich sind“, erläutert Wien Energie-Geschäftsführer Karl Gruber.


Seit Oktober: Forschungstest in Essling

Mit einem praktischen Test in Essling ist das Forschungsprojekt GeoTief Wien in seiner vorerst letzten Phase. Seit Oktober bis Ende des Jahres 2021 werden am ehemaligen Erkundungsbohrplatz von Wien Energie Untersuchungen durchgeführt, die weitere Informationen zu den Gesteinseigenschaften im Aderklaaer Konglomerat liefern sollen.
Im Fokus stehen etwa die Durchlässigkeit des Gesteins sowie die chemische Zusammensetzung des Thermalwassers.

Für den Test sind ein mobiler Kran sowie drei große Wasserbecken errichtet. Im Zuge des Tests wird Wasser über eine Pumpe gefördert und in die Becken geleitet. Nach Abschluss der Arbeiten wird die Forschungsanlage vollständig abgebaut und das Bohrloch wieder verschlossen.


Über GeoTief Wien

GeoTief Wien ist ein Energie-Forschungsprojekt von Wien Energie gemeinsam mit AIT, Geologische Bundesanstalt, Geo5, Heinemann Oil, Montanuniversität Leoben, OMV, RAG Austria, Universität Wien, Universität Salzburg, GFZ Potsdam und Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG). Das Projekt wird vom Klima- und Energiefonds gefördert.

Weitere Informationen und ein 3D-Modell des Projekts finden Sie unter folgendem Link: www.geotiefwien.at

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